Erste Hilfe in Notfällen : Warum Angst im Ernstfall total menschlich ist
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Heute Abend wird Ministerpräsident Hendrik Wüst Menschen aus Nordrhein-Westfalen mit der Rettungsmedaille auszeichnen, die unter großem persönlichen Einsatz und Risiko anderen Menschen in lebensbedrohlichen Situationen gerettet haben.
Sieben Menschen trugen maßgeblich dazu bei, dass die Opfer des Terroranschlags von Solingen schnellstmöglich medizinisch versorgt werden konnten. Und ein Mann aus Raesfeld rettete einem anderen Mann das Leben, als dieser bewusstlos vom Dach stürzte, indem er den Aufprall mit seinem Körper abfing.
In NRW werden 25 Retterinnen und Retter geehrt.
Das sind nur zwei Beispiele aus NRW, in denen Menschen andere Menschen aus lebensbedrohlichen Notlagen gerettet haben. Insgesamt werden heute Abend 25 Retterinnen und Retter geehrt.
Wie schafft man es, im Notfall zu helfen und nicht selbst in eine Schockstarre zu fallen? Ist das eine Frage der mentalen Verfassung? Was passiert mit anderen, wenn einer vorangeht?
Leander Thormann ist Leiter Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich Notfallvorsorge und Rettungsdienst, DRK Niederrhein. Es sei ganz normal, einen Moment zu erstarren, erklärt er. "Das sind total menschliche Ängste."
In Schockstarre verfallen ist wahrscheinlich nicht richtig. Was kann man vielleicht trotzdem tun, auch wenn man voller Angst ist?
Leander Thormann: Ich glaube, das bringen die Situationen ganz von alleine mit sich. Zunächst ist es mit Sicherheit wichtig zu wissen, dass es ganz normal ist im Vorfeld Ängste und Fragestellungen zu haben. Kann ich da überhaupt helfen? Mach ich alles richtig? Komme ich ins Tun? Das sind total menschliche Ängste.
In den wenigen Fällen, in denen ein Mensch wirklich Hilfe leisten muss, gibt es sicherlich eine Schreckminute, in der man so ein bisschen erstarrt und das einen Augenblick auf sich wirken lässt. Aber eigentlich kommen die Menschen dann doch fast automatisiert ins Handeln. Am Ende ist es oft so, das sehen wir auch im professionellen Rettungsdienst, dass die Ersthelfenden schon wunderbare Maßnahmen eingeleitet haben. Das Einfachste ist ja, den Notruf zu wählen - die 112 in Deutschland und auch europaweit. Da bekommen sie dann auch ganz schnell professionelle Hilfe und sie sind nicht mehr alleine in der Situation.
Ist das eine Frage der mentalen Verfassung? Was bringen Leute, die wirklich eingreifen in der Regel mit sich? Gerade auch in Situationen, in denen das Risiko für Retterinnen und Retter hoch ist, sich selbst in Gefahr zu bringen, wie beispielsweise bei Attentaten?
Thormann: Jeder Mensch mag natürlich ganz anders sein - vielleicht auch von seiner psychischen, mentalen Konstellation. Manch einer kommt auch bei einem Terrorangriff aus der Schrecksekunde raus. Aber dass man da wirklich auch schockiert ist, sich erst mal sammeln muss - das kann jeden treffen. Aber einzelne Personen sind immer dabei, die sich dann sehr schnell mental sortiert haben und dann wirklich ins Machen kommen. In solchen Situationen sicherlich auch nicht immer ohne Eigengefährdung, das muss man auch sagen. Der Eigenschutz der Helfenden geht natürlich immer vor, aber gerade in der von Ihnen beschriebenen Situation sind eben alle betroffen und doch packen einzelne an und kommen ins Tun.
Geht es dann auch um Solidarität? Also, wenn ein Einzelner vorangeht, ist es dann spätestens der Moment, wo man sagt, da müsste man sich dann auch trauen und unterstützen?
Thormann: Das treibt natürlich auch Beobachtende an, wenn sie sehen, da greift schon jemand ein, da übernimmt jemand die Initiative. Dann kommen manche Menschen auch automatisiert ins Tun und sagen, hier bin ich, was kann ich tun. Was hervorragend funktioniert, ist, wenn einzelne Personen die Initiative ergreifen und dann wiederum andere zum Helfen animieren und ihnen ganz klar sagen, tue dies, gib mir jenes, helfe hier, pack dazu. Diesen Auftrag brauchen die Menschen und dann machen sie es auch. Auch so eine Angst, die viele vorher haben, wie „Oh Gott, kann ich Blut sehen?“ - für den Moment blendet die Psyche das förmlich aus.
Was würden Sie sich wünschen, wenn es um mehr Engagement geht, also darum, dass vielleicht alle den Erste-Hilfe-Kurs noch mal auffrischen?
Thormann: Also, das auf jeden Fall. Viele, die vor Jahren mal einen Erste-Hilfe-Kurs besucht haben, formulieren auch Erlebnisse wie: „Ja, da musste ich das lernen. Das war alles sehr, sehr stringent und mit ganz vielen mitunter komplizierten Handgriffen verbunden, die man dann schon 3 Wochen später vielleicht vergessen hatte“ - das machte dann oft Sorge. Heute sind diese Erste-Hilfe-Kurse für alle Zielgruppen und sie sind vor allen Dingen einfach und lebensreal gehalten.
Leander Thormann vom DRK Niederrhein rät: mal wieder eine Erste-Hilfe-Kurs machen.
Was auch noch wichtig ist für die Ersthelfenden: Sobald der Notruf gewählt ist, kommt eine weitere Anleitung durch das Personal an der Rettungsleitstelle. Die helfen den Anrufenden dann auch und geben auch noch mal Anweisungen. Also, man ist dann auch gar nicht alleine.
Und mein Tipp ist ganz klar, dass man vielleicht einfach mal freie Tage oder Vereine nutzt und sagt, wir machen noch mal alle einen Erste-Hilfe-Kurs. Das ist eine spannende Sache, eine tolle Sache und man ist eben auch ganz klar privat gut vorbereitet, denn der überwiegende Anteil der Notfälle oder Notsituationen ereignet sich im Privaten, im häuslichen Umfeld.
Kann man da eine Art Grundhaltung in der Gesellschaft feststellen? Also, wie viel Empathie, wie viel Bereitschaft ist da zuzugreifen und zu helfen?
Thormann: Natürlich wird in Pressemeldungen ganz oft berichtet, dass niemand geholfen hat. Das täuscht aber meines Erachtens darüber hinweg, dass es ganz viele, insbesondere auch viele junge Menschen gibt, die eine Situation als Notlage oder Notsituation erkennen, sich ins Spiel bringen und sagen: "Kann ich Ihnen helfen?", "Was kann ich für Sie tun?"
Also das soziale Engagement, die Bereitschaft anderen Menschen zu helfen, ist wesentlich größer, als man das vielleicht manchmal so auch in Presse oder Fernsehmeldungen gespiegelt bekommt.
Das Interview führte Andrea Oster im WDR 5-Morgenecho. Es wurde für eine bessere Lesbarkeit in der Schriftform sprachlich leicht angepasst, ohne den Inhalt zu verändern.
Unsere Quelle:
- Interview mit Leander Thormann