Ersthelfer von Solingen-Anschlag bekommt Rettungsmedaille
Aktuelle Stunde . 20.07.2026. 11:01 Min.. UT. Verfügbar bis 20.07.2028. WDR. Von René Rabenschlag.
NRW Rettungsmedaille : Sie haben ihr Leben für andere riskiert
Stand:
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verleiht am Montagabend die Rettungsmedaille des Landes. Geehrt werden Männer und Frauen, die Menschen in lebensbedrohlichen Situationen geholfen haben - oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Es geht um den Terroranschlag auf dem Stadtfest in Solingen, einen Messerangriff in Siegen, ein brennendes Mehrfamilienhaus in Essen und den Sturz von einem Dach im Münsterland. Dies sind die Geschichten einiger der Geehrten.
Solingen: Helfer nach dem Terroranschlag
Damian Pichaczek
Damian Piechaczek steht beim Solinger Stadtfest vor der Bühne auf dem Fronhof. Es ist der 23. August 2024, der Tag, an dem ein islamistischer Terrorist mit seinem Messer die friedliche Sommerstimmung in ein Blutbad verwandelt. Der Täter, erinnert sich Piechaczek, rennt an ihm vorbei und rempelt, wie er zunächst glaubt, eine junge Frau vor ihm an. Weil er denkt, dass er Zeuge eines Taschendiebstahls ist, will er den Mann verfolgen. Doch dann erkennt er, dass die Frau stark blutet.
Als Apotheker nimmt Piechaczek regelmäßig an einem Ersthelferkurs teil. Doch diese Situation überfordert ihn: “Eine stark blutende Wunde am Bein hätte man abdrücken können, aber am Hals geht das ja nicht. So eine Verletzung ist nicht Teil dieser Kurse."
Bis die ersten Krankenwagen eintreffen, dauert es. Zusammen mit einem anderen Besucher versucht er minutenlang, mit einem Oberhemd die Blutung der Halsschlagader zu stillen. An Weglaufen denkt er nicht. Die Sorge, der Attentäter könnte auch ihn angreifen, verdrängt er.
"Ich war in einer Art Automatikmodus". Damian Piechaczek, Ersthelfer in Solingen
"Für mich war es jetzt etwas Selbstverständliches", sagt er. Über die Rettungsmedaille freut er sich. Aber: "Ein Dankeschön hätte mir gereicht."
Robert Klohs
Robert Klohs ist mit einer Partnerin auf dem Stadtfest. Er ist ein muskulöser Typ, immer korrekt gekleidet. Als der syrische Asylbewerber mit dem Messer vor ihm steht, entscheidet er im Bruchteil einer Sekunde, nicht wegzulaufen, weil er und seine Begleiterin dann von hinten angegriffen werden könnten. Als ehemaliger Karate-Sportler fordert er den Angreifer heraus:
"An mir kommst du nicht vorbei". Robert Klohs, kämpfte gegen den Attentäter
Mit Fäusten und Fußtritten kämpft er minutenlang gegen den bewaffneten Mann. Am Ende erleidet er schwere Schnittverletzungen. Doch der Täter ist ebenfalls angeschlagen und flüchtet, ohne auf weitere Opfer einzustechen.
Klohs ist der Einzige, der dem Terroristen entgegengetreten ist und so wahrscheinlich weitere Opfer verhindert hat. Für ihn sei das nichts Heldenhaftes, sagt er. Bis heute leidet er stark an den psychischen Folgen dieses Abends.
Siegen: Hilfe nach Messerangriff im Bus
Polizeieinsatz im Bus in Siegen
Nur wenige Tage nach dem tödlichen Messerattentat beim Stadtfest in Solingen erschüttert die Nachricht eines weiteren Messerangriffs das Land. In einem Bus, der zum Stadtfest in Siegen unterwegs ist, sticht eine 32-jährige Frau auf die Fahrgäste ein. Drei Männer werden lebensgefährlich verletzt.
Dass es keine Todesopfer gibt, ist mehreren Menschen im Bus zu verdanken. Vor allem drei Frauen greifen ohne Zögern ein. Eine wirft sich auf die Angreiferin, eine zweite hält ihren Arm fest und gemeinsam mit einem weiteren Fahrgast können sie ihr schließlich das Messer abnehmen.
Mutig in Todesangst
Sie hätten nicht groß nachgedacht, sagen sie später vor Gericht aus, sondern instinktiv gehandelt, um noch größeres Unheil und Angriffe auf weitere Fahrgäste abzuwehren. Im Bus waren auch Kinder.
Die drei Frauen mit Migrationsgeschichte werden als "Heldinnen von Siegen" bekannt. Physisch haben sie überlebt. Doch im Strafprozess gegen die Angreiferin berichteten sie von schweren psychischen Folgen, von Panikattacken und großer Angst. Menschenmengen oder Busfahrten sind für sie, wie für viele der anderen Fahrgäste, seitdem kaum noch auszuhalten.
"So viele Menschen wie möglich töten"
Das Gericht stellt später fest: Die Tat war kein spontaner Ausbruch. Die Angeklagte handelte gezielt und heimtückisch. Nach Überzeugung der Richter wollte die Frau "so viele Menschen wie möglich töten". Ehrliche Reue sahen Richter und Staatsanwalt bei ihr aber nicht. Trotz psychischer Erkrankung wird sie zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil bestätigt.
Dass niemand gestorben ist, sei vor allem dem außergewöhnlich mutigen Eingreifen der Fahrgäste und der schnellen Hilfe nach der Tat zu verdanken.
Essen: Rettung aus brennendem Haus
Khodr Fakhro (l.) und Tarek Saado
Khodr Fakhro wird den 29. September 2024 nie vergessen. Der 51-Jährige wohnt in der Nähe des Mehrfamilienhauses in Essen, das damals bundesweit Schlagzeilen machte. Rund 30 Bewohner - darunter acht Kinder – werden durch giftige Rauchgase verletzt. Ein zweijähriges Mädchen muss länger im Krankenhaus bleiben. Wie sich später herausstellt, war das Haus Ziel der Amokfahrt eines 41-Jährigen, der den Brand gelegt hatte.
"Ich sah die Rückseite des Hauses und eine verzweifelte Frau mit Kindern am offenen Fenster der Dachgeschosswohnung. Da war Rauch", erinnert sich Fakhro. "Ich dachte, da sind schon Feuerwehr und Polizei." Doch dann sagt er sich: "Wenn denen etwas geschieht und du bist nicht hingerannt, wirst du das immer bereuen." Also rennt er los.
Die Situation am brennenden Haus ist dramatisch. Viele Helfer sind da. Leitern werden herbeigeschafft. Fakhro hat Ortskenntnis und weiß: Die Leitern müssen auf ein Vordach. "Ich habe mich um eine Frau und Kinder in der ersten Etage gekümmert. Sie war wie gelähmt."
Dramatische Rettung über Leitern in Essen
Für die Dachgeschoss-Wohnung sind die Leitern zu kurz. Junge Männer lassen sich ein kleines Mädchen anreichen. "Dann war Feuerwehr da - zum Glück für alle." Die Rückseite liegt in einer engen Straße – schwer zugänglich für die Feuerwehr.
Das Drama auf der Rückseite des Hauses hatte Tarek Saado, 24 Jahre, zunächst nicht mitbekommen. Er wird für seinen Einsatz an der Vorderseite des Hauses ausgezeichnet. Saado sieht im Vorbeifahren Qualm und Menschen an den Fenstern. "Über eine Leiter sind mein Freund und ich hoch bis zur ersten Etage", erzählt Saado. Mit einem Hammer schlagen sie die Scheibe ein, eine Frau wird gerettet.
"Wir helfen, weil wir selbst auch Hilfe brauchen könnten", sagt der Straßenbauarbeiter Saado. Khodr Fakhro ergänzt: "Jeder, der so eine Not sieht, wird helfen – da bin ich mir sicher." Beide Helfer sind froh, dass alle Bewohner wieder wohlauf sind.
Münsterland: Rettung vor tödlichem Sturz
Das Haus der Familie Höing
Am Pfingstmontag 2023 hat sich Andreas Höing aus einem Dorf im Westmünsterland mit einem Bekannten verabredet. Der Mann kennt sich technisch aus und hat schon bei vielen anderen Satellitenschüsseln angebracht.
Das Dach der Höings hat eine starke Neigung, ist also hoch und steil. Höing hat eine lange Leiter angelehnt, über die sein Bekannter auf das Dach klettert und den Ziegel abnimmt, hinter dem er die Schüssel befestigen will. Plötzlich dreht er sich um und sagt, ihm sei schlecht und schwarz vor Augen. Dann lässt er den Dachziegel fallen. Unmittelbar darauf fällt der Mann hinterher.
Höing läuft dorthin, wo der bewusstlose Bekannte abzustürzen droht. Dieser bleibt noch mit den Füßen in der Dachrinne hängen, dann stürzt er kopfüber auf ihn zu. Andreas Höing fängt ihn mit seinem Körper auf, praktisch Kopf an Kopf. Er dreht sich mit ihm, beide fallen zu Boden.
Beim Absturz zieht sich der Bekannte eine stark blutende Wunde am Hals zu. Er zuckt so stark, dass Höing befürchtet, er könnte sterben. Höings Frau alarmiert den Rettungsdienst, der schnell eintrifft. Der Bekannte hat Glück im Unglück. Wäre er kopfüber auf die Terrasse gefallen, wäre er wohl tot. So kommt er mit vier gebrochenen Rippen, etlichen Prellungen und einer tiefen Schnittwunde davon. Geblieben sind ihm Kopfschmerzen. Was die Ohnmacht ausgelöst hat, ist ungeklärt.
Andreas Höing erleidet viele Prellungen und Zerrungen. Für Höing ist selbstverständlich, was er getan hat. Er findet, wir alle sollten viel mehr hingucken, statt wegzuschauen.
Recklinghausen: Rettung aus brennendem Haus
Hendrik Kat hat die Rettungsmedaille des Landes NRW erhalten
Im Januar 2024 hat Hendrik Kat aus Recklinghausen einem Mann das Leben gerettet. Auf dem Weg von einem privaten Termin nach Hause sah er schwarzen Rauch aus einem Dachfenster steigen. Sofort rief er den Notruf der Feuerwehr und hielt an. Viele Bewohner hatten das Haus schon verlassen, ein Mann mit Gehbehinderung aber nicht.
"Im Bruchteil einer Sekunde habe ich entschieden“, erinnert er sich. Kat bespricht sich kurz am Telefon mit dem Feuerwehrmann in der Leitstelle und rennt ins Gebäude. Dort hat er vor Qualm die eigene Hand nicht sehen können. Gebückt ist er durch den Hausflur und hat den Bewohner gefunden.
Er hat ihn rausgebracht und dort bis zum Eintreffen der Rettungskräfte versorgt. Für Hendrik Kat war sein Einsatz eine Selbstverständlichkeit, sagt er. Er ist freiwilliger Feuerwehrmann. "Von meiner Ausbildung habe ich profitiert", meint er.
Unsere Quellen:
- WDR-Interviews mit Andreas Höing, Damian Pichaczek, Robert Klohs und den Helferinnen aus Siegen
Sendung: WDR.de, NRW verleiht Rettungsmedaille: Helfen in Notfällen, 20.07.2026, 06:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit OWL, 20.07.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Dortmund, 21.07.2026, 19:30 Uhr



