Lilian und Marcus haben ihren Sohn verloren
Nach tödlichem Unfall in Hürth : Luis' Eltern wünschen Täter zweite Chance
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Ein Jahr nach dem tödlichen Unfall in Hürth ist das Urteil gegen den Fahrer gefallen. Im Interview sprechen Lilian und Marcus Jochim über ihren unermesslichen Verlust, den Prozess, ihre Hoffnung auf Veränderung beim Täter und darüber, warum sie Luis Paulos Vermächtnis mit einer Stiftung weiterleben lassen.
Wie viel Kraft kann man aufbringen, wenn das eigene Kind getötet wird? Das kann man auf sehr beeindruckende Weise bei der Familie des verstorbenen Schulbegleiters Luis Paulo Jochim sehen. Ein Jahr nach dem tragischen Unfall in Hürth, als ein 20-Jähriger mit seinem Auto über eine rote Ampel fährt und dabei eine Gruppe Grundschulkinder erwischt. Schulbegleiter Luis Paulo und die 10-jährige Avin sterben.
Die zehnjährige Avin und der Schulbegleiter Luis Paulo starben bei dem Unfall in Hürth
Die Jochims aus Königswinter haben für sich beschlossen, statt Hass und Wut, lieber etwas Positives zu machen. Jetzt ist das Urteil am Kölner Landgericht gesprochen. Viereinhalb Jahre Haft für den Täter. Die Eltern des getöteten Schulbegleiters haben sich nach dem Urteil noch nicht persönlich geäußert. Wir sprechen exklusiv mit Lilian und Marcus Jochim.
Das Urteil ist gesprochen. Was macht das mit Ihnen?
Marcus Jochim: Gerechtigkeit gibt es für uns nicht. Luis kommt dadurch nicht zurück. Das Urteil verändert unser Leben nicht, aber vielleicht das des jungen Mannes. Wir hoffen, dass er in der Haft eine echte Resozialisierung erlebt und sein Leben grundlegend verändert. Er hat selbst gesagt, dass er kein lebenswertes Leben geführt hat. Wir wünschen uns, dass er künftig etwas Positives für die Gesellschaft tut - etwas, das Avin und Luis nicht mehr tun können.
Wie haben Sie den Prozess erlebt?
Marcus Jochim: Wir haben ein Gericht erlebt, das mit großer Empathie gearbeitet hat. Obwohl der Angeklagte vieles nicht eingeräumt hat, wurden die Indizien sorgfältig zusammengesetzt. Am Ende stand fest: Er ist bei Rot über die Ampel gefahren. Dass diese Wahrheit ausgesprochen wurde, hat uns gutgetan.
Wie geht es Ihnen heute?
Lilian und Marcus im Wohnzimmer vor der Erinnerungsecke ihres Sohnes Luis Paulo
Lilian Jochim: Mit dem Urteil endet eine Etappe unseres Trauerwegs. Kurz war da Erleichterung. Doch zu Hause blieb vor allem eines: Leere. Luis Paulo fehlt. Dieser Schmerz ist unbeschreiblich und macht mich unendlich traurig.
Marcus Jochim: Die sieben Verhandlungstage waren eine enorme Belastung. Am Tag nach dem Prozess sind wir mit unseren drei Kindern zum Konzert von AnneMayKantereit nach Köln gefahren. Als das Lied „Tommy“ gespielt wurde - Luis' Lieblingslied, das wir damals auch für seine Beerdigung ausgesucht haben, wurde der Moment zu etwas Besonderem. Lilian und ich haben uns angeguckt, dann unsere drei wundervollen Kinder. Uns wurde klar, warum wir weiterleben: für sie. Aber einer fehlt.
Sie haben unmittelbar nach dem Tod Ihres ältesten Sohnes die Luis Paulo Stiftung gegründet. Warum?
In Andenken an ihren Sohn haben sie die Luis Paulo Stiftung gegründet
Lilian Jochim: Wir möchten nicht nur die Sicherheit von Kindern verbessern, sondern auch Menschen erreichen, die im Straßenverkehr aggressiv handeln. Prävention ist für uns ein wichtiger Teil der Stiftungsarbeit. Wir engagieren uns in drei Bereichen: mehr Verkehrssicherheit für Kinder, Präventionsarbeit mit Jugendlichen sowie soziale Projekte in Brasilien.
Luis war halb Brasilianer und hatte ein großes Herz für benachteiligte Menschen. Schon als Jugendlicher hat er ein Handballprojekt in einem Armenviertel gegründet. Heute trainieren dort mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche kostenlos. Gemeinsam mit seinem Verein, HSG Siebengebirge, führen wir dieses Projekt weiter - ganz in seinem Sinne. Luis hätte sich sehr darüber gefreut.
Wie geht es für Sie weiter?
Marcus Jochim: Neben der Stiftungsarbeit planen wir ein Mahnmal an der Unfallstelle in Hürth. Es soll an Luis und Avin erinnern und zugleich alle Verkehrsteilnehmer zu mehr Achtsamkeit bewegen.
Lilian Jochim: Luis wollte Grundschullehrer werden. Er hat sich am Unfall-Tag schützend vor seine Schulkinder gestellt. Ihre Sicherheit war ihm bis zuletzt das Wichtigste. Dieses Erbe tragen wir weiter.
Das Interview führte Monika Steinhaus.
Unsere Quellen:
- WDR-Exklusiv-Interview mit Lilian und Marcus Jochim
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Luis Paulos Eltern sprechen erstmals nach dem Urteil, 13.07.2026, 13:29 Uhr
