Aufarbeitungsbericht zeigt Ausmaß der Gewalt im ehemaligen Duisburger Kinderdorf „Maria in der Drucht“.
Bildquelle: CaritasDer Bericht dokumentiere schweres Unrecht, so Julia Schröder, die Vorständin der Caritas Duisburg. "Viele Betroffene leiden bis heute unter den körperlichen, psychischen, sozialen und finanziellen Folgen." Sie spricht von "institutionellem Versagen" und bittet die Betroffenen um Verzeihung.
Das Leid der ehemaligen Heimkinder war groß
38 Betroffene, 26 Männer, 12 Frauen berichten von sexualisierter, körperlicher und/ oder psychischer Gewalt. "Eine recht hohe Zahl, die von einem großen Dunkelfeld zeugt", sagt die Kölner Rechtsanwältin Bettina Janssen, die von der Caritas für den Aufarbeitungsprozess als Mediatorin hinzugezogen wurde. Die dokumentierten Berichte erstrecken sich auf den Zeitraum zwischen 1946 bis '83.
"Die meisten Betroffenen wurden wiederholt sexuell missbraucht. Regelmäßig. Meist ein bis dreimal die Woche", so Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Ulm. Sie hat die Interviewstudie geleitet. Befragt wurden neben den ehemaligen Heimkindern auch Angehörige, ehemalige Erzieherinnen des Heims und Mitarbeitende der Caritas Duisburg.
"Es ist immer wieder erschreckend, wie der Missbrauch durchgeführt wird. Man kommt an die Grenzen des Erträglichen, auch wir, die für solche Interviews ausgebildet wurden." Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Uni Ulm
Historiker spricht von Systemversagen
Zu den mindestens 32 Beschuldigten zählen Kleriker, Ordensschwestern, Hausleitungen, Erziehungspersonal, auch Lehrkräfte. Ob einige von ihnen noch leben, ist nicht bekannt. Die betreffenden Fälle liegen mehr als 50 Jahre zurück, damit wären sie, laut Janssen, verjährt.
Der Kirchenhistoriker Andreas Henkelmann, der für die Studie in die Archive gegangen ist, musste feststellen, dass wichtige Akten verschwunden sind - die Akten des Kinderdorfes, der Caritas und des Jugendamts. Das Heim sei hoch klerikal, die Gruppen wie kleine Königreiche organisiert gewesen, "das ist höchst gefährlich", betont Henkelmann. "Der Priester wird dabei völlig überhöht, in eine Rolle versetzt, die die Vorstellung unmöglich macht, dass er Böses tun könnte."
Dudeck betont in diesem Zusammenhang: "Es gab kein Korrektiv in dem Heim. Hinzu kam, dass es im Wald, von der Außenwelt vollkommen abgeschieden lag." Und, so Henkelmann, das Personal zeitweise stark überlastet war.
Großflächige Narben am Kopf
Dudeck berichtet von einer Betroffenen, die ihnen ihre körperlichen Narben von damals gezeigt hat. "Das war ein Interview, das mich selbst sehr betroffen gemacht hat. Sie konnte sich erinnern, dass sie im Bett lag und Blut gespürt hat, das über ihr Gesicht gelaufen ist."
Die heute 76-Jährige ist bereit, auch mit uns zu sprechen, möchte aber nicht namentlich genannt werden. Sie findet es sehr gut, dass die Studie endlich durchgeführt wurde. Betont gleichzeitig: "Ich hätte mir eine frühere Aufarbeitung gewünscht und die Anerkennung seitens der Kirche und der Caritas. Meines Erachtens nach ist es viel zu spät, es sind nur noch wenige Zeugen überlebend."
Sie berichtet davon, dass sie ans Bett gefesselt wurden und nichts zu Essen bekamen. Andere schildern, laut Bericht, Züchtigung durch Kaltwasserduschen und dass sie in dunkle Räume gesperrt wurden. "Gewalt war legitimiert", sagt Dudeck. "Das waren Zustände, die durch nichts zu entschuldigen sind."
Jahrelang wurden die Betroffenen nicht gehört
Schon 2009 gab es einen ersten Hinweis eines ehemaligen Heimkindes. Ab dann meldeten sich weitere Betroffene bei der Caritas Duisburg und beim Bistum Essen. Dennoch: "Viele Jahre waren von Versäumnissen und Fehlern geprägt. Das finde ich erschreckend und traurig. Die Aufarbeitung war ein einziges Unterlassen", so Rechtsanwältin Bettina Janssen.
Julia Schröder wendet sich an die Betroffenen: "Im Namen des Caritasverbandes Duisburg bitte ich Sie aufrichtig um Verzeihung".
Bildquelle: CaritasDie Beharrlichkeit eines Betroffenen und nach dem Erscheinen des Buchs "Keinzelfall" von Christiane Florin, das das Vorgehen der Caritas Duisburg kritisiert hat, hat sich die Dynamik im Jahr 2024 geändert. Mit ausschlaggebend sei auch der Personalwechsel gewesen, sagt Janssen. "Seit Frau Schröder da war, war die Aufarbeitung gewollt. Sie hat das in einer großen Ehrlichkeit gemacht."
Studie exemplarisch für die Zustände in dem Kinderdorf
Die Studie ist nicht repräsentativ, vielmehr "zeichnet sie ein Bild, was die Heimunterbringung für einige oder viele bedeutet hat". So schildert Dudeck, dass andere ehemalige Heimkinder die Drucht als "guten Ort zum Aufwachsen" erlebt haben.
Dies erkläre sich durch die Struktur des Kinderdorfes, das aus einzelnen autonomen Häusern bestanden habe, durch den langen Zeitraum und durch das ambivalente Verhalten der Beschuldigten: "Sie haben sich die Schwächsten von den Kindern ausgesucht. Keine Eltern, kein Kontakt nach außen, keinen Vormund, der von außen geschaut hat. Diese Kinder waren völlig schutzlos."
Julia Schröder ist von den Ergebnissen der Studie erschüttert
"Die Betroffenen wurden erst nicht von uns geschützt und dann so lange nicht von uns gehört. Das ist schwer auszuhalten." Sie will aus den Erkenntnissen verbindliche Strukturen entwickeln, die einen wirksamen Schutz für Kinder und Jugendliche sicherstellen.
Unsere Quellen:
- Interview mit Prof. Dr. Manuela Dudeck, Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm
- Interview mit dem Kirchenhistoriker Prof. Dr. Andreas Henkelmann, Professor der Katholischen Hochschule NRW in Paderborn
- Interview mit der Kölner Rechtsanwältin und Mediatorin Dr. Bettina Janssen
- Interview mit Julia Schröder, Vorständin des Caritasverbandes Duisburg e.V.
- Interview mit einer Betroffenen
Sendung: WDR.de, Ehemaliges Duisburger Kinderheim war Ort des Schreckens, 25.09.2026, 11:30 Uhr
