Schwere Vorwürfe gegen Rettungsdienst
WDR. 05:49 Min.. Verfügbar bis 29.06.2028.
Paul sagt, er sei in den Rettungsdienst gegangen, um Menschen "bestmöglich zu helfen", um "ordnungsgemäß zu arbeiten, so wie man das halt gelernt hat". Doch was er im Team eines privaten Rettungsdienstes auf Wache 3 in Duisburg erlebt habe, habe ihn geschockt.
Paul heißt eigentlich anders, möchte seinen richtigen Namen aber nicht in der Öffentlichkeit lesen. Denn er hat Angst, als Nestbeschmutzer zu gelten. Erlebt hat er, so berichtet er, dass die Täter "geschützt" würden. Und Leute wie er als "Störenfried" gelten.
Hilflose Patienten sollen verspottet und beleidigt worden sein
Es sind schwere Vorwürfe, die Paul erhebt: Mitarbeiter des privaten Rettungsdienstes Falck in Duisburg sollen etwa Fotos von hilflosen Patienten und Verstorbenen mit Privathandys aufgenommen haben - und diese Bilder seien im Team herumgezeigt worden. Sie sollen Patienten verspottet und rassistisch beleidigt haben.
Zudem sollen sie Patienten gegenüber oft behauptet haben, diese müssten den Transport im Rettungswagen selbst bezahlen. Teilweise sei ihnen notwendige Hilfe vorenthalten worden. Mindestens eine Patientin soll mit einer gefährlichen Bremsaktion im Rettungswagen bewusst schwer gefährdet worden sein.
"Unmenschlich und verabscheuenswürdig"
Das WDR-Magazin Westpol und das Landesstudio Duisburg haben gemeinsam über mehrere Monate zu diesen Vorwürfen recherchiert, haben mit Zeugen gesprochen und das Rettungsdienstunternehmen Falck konfrontiert. Es ergibt sich ein Bild, das ein weiterer Wachen-Insider als "unmenschlich und verabscheuungswürdig" beschreibt.
Rettungswagen von Falck
Falck, ein dänisches Unternehmen, ist im Auftrag der Stadt Duisburg im Rettungsdienst tätig. Im April 2025 wurde das Team von Falck auf der Wache 3 in Duisburg-Hamborn, das dort zwei Rettungswagen betreibt, neu zusammengesetzt. Ab diesem Zeitpunkt soll sich dort eine Gruppe von fünf Personen zusammengefunden haben, gegen die sich die Vorwürfe richten. Sie soll sich selbst "HiLo-Gruppe" genannt haben. "HiLo" ist im Rettungsdienst die Abkürzung für "hilflose Person".
"Die haben Patienten, die sauerstoffpflichtig sind, die Treppe runtergehen lassen, ohne Sauerstoff, weil der unten im Auto war", beschreibt Paul, was er erlebt habe, "Patienten, die eigentlich hätten getragen werden müssen, mussten die Treppe runterlaufen, weil ein Kollege dann gesagt hat: Ich habe heute schon mal getragen, jetzt ist Schluss."
Falck betont, man sei Vorwürfen nachgegangen
Ein Grund für dieses Verhalten, vermutet Paul, sei Frust über Einsätze, die als überflüssig empfunden wurden. Vor allem sei der Ärger jedoch an ausländischen Patientinnen und Patienten ausgelassen worden. Und eben an "HiLos", also etwa bewusstlosen Drogensüchtigen.
Der WDR hat Falck mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Das Unternehmen antwortet über einen Kommunikationsberater: "Die beschriebenen Vorwürfe berühren den Kern unseres Selbstverständnisses als Rettungsdienstleister: den würdevollen und professionellen Umgang mit Menschen in hilfloser Lage." Man sei den Vorwürfen intern nachgegangen. Aber:
"Wir sind im Zuge unserer Untersuchungen an die Grenzen dessen gestoßen, was uns als Unternehmen mit eigenen Mitteln möglich ist." Falck
Vorwürfe hätten sich "nicht ausreichend erhärten lassen". Beschuldigte Mitarbeiter hätten sie bestritten. Patienten hätten sich nicht beschwert. Die Staatsanwaltschaft, die andere Ermittlungsbefugnisse hätte, wurde vom Unternehmen bis zur WDR-Anfage nicht eingeschaltet. Diese prüft mittlerweile nach anonymen Hinweisen, ob sie Ermittlungen aufnimmt. Falck hat nach der Veröffentlichung mitgeteilt, dass das Unternehmen inzwischen auch Anzeige gestellt habe.
Fotos von Genitalien, Wunden und Toten
Wenn die Beobachtungen zutreffen, die Paul und mehrere weitere Insider uns eidesstattlich versichern, geht es auch um mögliche Straftaten: Es seien Genitalien von Patientinnen und Patienten fotografiert worden, Wunden - sogar Tote. Die Bilder seien innerhalb der Gruppe geteilt und auf der Wache herumgezeigt worden.
Sören (Name geändert) berichtet, was er erlebt hat
Als besonders schockierend beschreiben mehrere Team-Mitglieder einen Tag im Juli 2025. "Da wurde ich von einem Kollegen empfangen, der mir ein Foto eines Einsatzes aus der Nacht zeigt, wo er eine sehr, sehr dicke Patientin, die nackt medizinisch versorgt wurde, im Bett fotografiert hat", erinnert sich Sören, ein Falck-Mitarbeiter, der ebenfalls in Wahrheit anders heißt.
"Das fand ich sehr verstörend, weil das Aufnahmen waren, die auch den Intimbereich zeigten, und das war wirklich herabwürdigend, das war menschenunwürdig." Sören (Name geändert)
Der Transport der Frau soll wegen ihres Gewichts extrem aufwändig gewesen sein. "Da fielen dann so Sätze wie: Das fette Vieh wollte einfach nicht verrecken", erinnert sich Paul. Und es sei noch schlimmer gekommen.
Patientin soll absichtlich nicht angeschnallt worden sein
Eine Aufnahme, die belegen soll, wie das Foto einer Patientin herumgezeigt wird
Am selben Tag sei auch das Foto einer anderen Patientin herumgezeigt worden, die drogensüchtig sei und regelmäßig transportiert werden müsse. Eine Aufnahme, die diese Situation zeigen soll, liegt dem WDR vor. "Guck mal da, die Frau, diesen Asi, den Junkie, haben wir schon wieder gefahren", so oder so ähnlich sollen Mitarbeiter das kommentiert haben, erinnert sich Sören.
Dann sei geprahlt worden: Diese Patientin habe man bei einer früheren Fahrt hinten auf dem Sitz statt der Liege transportiert - und sie dabei bewusst nicht angeschnallt. Zwischen dem Notfallsanitäter an Bord und dem Fahrer sei eine Vollbremsung verabredet worden. Die Frau sei dann vor das Staufach geknallt, das dem Sitz gegenüberliegt.
"Da wurde bewusst kalkuliert, dass sich diese Patientin schwer oder auch schwerst verletzt." Sören (Name geändert)
Von diesem Vorgang liegen dem WDR keine Bilder vor. Auch Paul und Sören waren nicht selbst dabei. Ein weiterer Insider versichert uns aber eidesstattlich, dass er Aufnahmen des Abschnallens und Screenshots des Austauschs dazu in der "HiLo-Gruppe" gesehen habe.
Falck hat 2.300 Mitarbeiter in Deutschland
Falck ist ein großer privater Rettungsdienst-Anbieter mit über 2.300 Mitarbeitern an über 60 Standorten in Deutschland. Die Vorwürfe beziehen sich ausschließlich auf Mitarbeiter des Teams auf Rettungswache 3 in Duisburg.
Das Unternehmen betont, man habe auch gemeinsam mit dem Auftraggeber, der Stadt Duisburg, "alle verfügbaren Mittel eingesetzt, um den Sachverhalt intern aufzuklären". Nur seien über das "anonyme Whistleblower-System" oder auch die "Meldekanäle der Stadt Duisburg" keine "Hinweise zu den beschriebenen Vorwürfen bei uns eingegangen".
Stadt Duisburg kritisiert Falck-Stellungnahme
Doch die Stadt Duisburg kritisiert diese Stellungnahme von Falck scharf. Sie schreibt dem Unternehmen eine Richtigstellung: "Weder hätten wir die Aussage mitgetragen, dass 'unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Benehmen mit unserem Auftraggeber, der Stadt Duisburg, alle verfügbaren Mittel' eingesetzt wurden, um die Angelegenheit aufzuklären, noch dass 'über andere Meldekanäle der Stadt Duisburg' keine Hinweise bei Ihnen eingegangen seien."
Rettungswagen von Falck
Erst im Mai 2026 habe Falck die Stadt erstmals über "interne Gerüchte bezüglich Anfertigung von Fotodokumenten" informiert. In diesem Gespräch habe der Geschäftsführer mitgeteilt, dass es bereits "seit Oktober 2025 Gerüchte im Unternehmen über etwaige Verfehlungen gebe".
Die Stadt - als Auftraggeber des Rettungsdienstes - fordert nun, "dass Falck den Sachverhalt vollständig, nachvollziehbar und sauber dokumentiert aufklärt".
"Die bisherige Mitteilung, dass die interne Prüfung bislang keine Bestätigung der Vorwürfe ergeben habe, reicht nicht aus." Stadt Duisburg
Die Wachen-Insider und Falck-Mitarbeiter, die sich gegen die "HiLo-Gruppe" gestellt hatten, äußern erhebliche Zweifel, dass das Unternehmen vor der WDR-Anfrage überhaupt ein Interesse an umfassender Aufklärung hatte.
Vorwürfe schon seit Sommer 2025 bekannt
So gab es laut übereinstimmenden Aussagen bereits seit Sommer 2025 erste Meldungen an die zuständige Bereichsleitung. Auch andere Hierarchieebenen bis hin zur Deutschland-Zentrale in Hamburg seien kontaktiert worden. Falck bestätigt dies und betont, es sei umgehend gehandelt worden: "Die Bereichsleitung hat Gespräche mit allen genannten Personen geführt und protokolliert." Es hätten jedoch Informationen gefehlt, auch hätten sich Hinweisgeber nicht wieder zurückgemeldet. "Gleichwohl haben wir die internen Untersuchungen fortgeführt."
Doch im Team auf Wache 3 entstand Beteiligten zufolge der Eindruck, dass nicht die Beschuldigten abgestraft wurden, sondern eher die "Whistleblower".
"Wenn Kollegen ihre Beobachtung mit Nachdruck versucht haben, an die richtigen Stellen zu kommunizieren, war das relativ schnell im Kollegenkreis bekannt. Und dann hat sich denjenigen gegenüber der Umgang verändert. Es wurde versucht, sie zu diskreditieren." Sören (Name geändert)
Paul beschreibt es als "beängstigendes Gefühl", als er gemerkt habe: Wer sich mit den Vorfällen an die Firma wende, bekomme keine Unterstützung. Sören sagt: Als Störenfried habe gegolten, "wer die Wahrheit sagt". Noch im Frühjahr 2026 seien Team-Mitglieder, die sich gegen die "HiLo-Gruppe" stellten, aus der Wache gedrängt worden.
Wachleitung warnte vor "Denunzierungen"
Auch diese Beobachtung bestätigen uns mehrere Quellen eidesstattlich. Bis weit in das Jahr 2026 hinein habe die Gruppe weiter Patienten verhöhnt und kritische Kollegen gemobbt - und damit die Stimmung im Team dominiert. Von Unternehmensseite sei dies nicht spürbar verfolgt worden. Sie selbst seien auch nicht ermuntert worden, kritische Vorfälle zu melden. Im Gegenteil: Noch Anfang Juni wurde in einer internen Mail, die dem WDR vorliegt, von Seiten der Wachleitung vor "Denunzierungen" gewarnt.
Falck schreibt dazu: "Es wurden weder Mitarbeitende gekündigt noch gegen ihren Willen versetzt, weil sie auf mögliches Fehlverhalten aufmerksam gemacht haben. Im Gegenteil: Wir ermutigen unsere Mitarbeitenden ausdrücklich, sich in solchen Fällen an unser anonymes Whistleblower-System zu wenden."
Einer der Beschuldigten wurde entlassen
Einer der Beschuldigten hat nach WDR-Informationen bereits im Frühjahr das Unternehmen verlassen. Ein weiterer wurde diese Woche, nach der WDR-Anfrage, wegen der Vorwürfe gekündigt. Falck verweist darauf, dass mittlerweile eine Anwaltskanzlei mit einer "umfassenden Compliance-Untersuchung" beauftragt wurde. Diese befrage "Zeugen sowie potenziell betroffene Personen" und werte Dokumente aus. Eine "abschließende Bewertung" sei "derzeit noch nicht möglich".
Anschnallgurt in einem Rettungswagen
Sören und Paul sehen als eine mögliche Erklärung für die aus ihrer Sicht lange zögerliche Reaktion von Falck, dass es sich bei den kritisierten Mitarbeitern zum Teil um ausgebildete Notfallsanitäter handelt - die höchste Ausbildungsstufe innerhalb von Rettungswagen-Besatzungen und zugleich auf vielen Wachen knapp. Einer muss in der Regel dabei sein, sonst dürfen Wagen nicht ausrücken - und das kostet Rettungsdienst-Anbieter viel Geld.
Paul und Sören wollten nicht schweigen
Falck weist diesen Verdacht zurück: "Es gibt zwar einen generellen Mangel an Notfallsanitäterinnen und -sanitätern in Deutschland. Aber dieser Mangel kann und darf kein Grund sein, Fehlverhalten zu tolerieren."
Das sieht die Stadt Duisburg genauso. Die letzten Zeilen der städtischen Stellungnahme lesen sich wie eine Warnung an Falck: "Kann ein Unternehmen nicht sicherstellen, dass seine Mitarbeitenden die klar auf der Hand liegenden Regeln von Professionalität und Respekt gegenüber Patienten einhalten, kann es zukünftig kein Partner für die Stadt Duisburg im Rettungsdienst sein."
Paul, Sören und andere, mit denen wir gesprochen haben, hatten lange das Gefühl, sie seien die Störenfriede im Falck-Team auf Wache 3, sie gehörten nicht dazu. Doch sie haben nicht aufgehört, darauf hinzuweisen, was sie erlebt haben. Weil sie sagen: "Menschen, die sowas machen, haben nichts im Rettungsdienst zu suchen."
Unsere Quellen:
- Insider aus dem Falck-Team auf Rettungswache 3 in Duisburg
- eigene Recherchen
- Antworten von Falck bzw. deren Kommunikationsberatern
- Antworten der Stadt Duisburg auf unsere Anfragen
Sendung: WDR.de, Schwere Vorwürfe gegen Rettungsdienstmitarbeiter aus Duisburg, 28.06.2026, 18 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol, 28.06.2026, 19:30 Uhr
