Forschung zum Thema Kinderverschickung

WDR 04:02 Min. Verfügbar bis 31.07.2028

Verschickungskinder erzählen

"Habe mich zu Tode geschämt"

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Regina Basic wurde als Kind ins Adolfinenheim nach Borkum zur Kur verschickt. Sie leidet bis heute an den Traumafolgestörungen. Die Universität Duisburg-Essen führt aktuell eine qualitative Studie zu Kinderverschickungen nach 1945 durch, in der Betroffene zu Wort kommen.

Von
Anke Ricklefs

"Ich habe da gelernt, dass ich alleine bin, mir keiner hilft. Dass ich ausgeliefert bin. Keine Grenzen setzen darf. Dass mein Körper nicht mir gehört, ich meine Gefühle nicht äußern kann." Diese Worte sind ganz präsent, eingespielt als Audioaufnahme während der Lehrveranstaltung. Die Teilnehmenden hören Regina Basics Schilderungen zu. Danach ist es still.

Studierende sprechen mit Betroffenen

"Das war für mich ein komplett neues Thema", sagt Olivia Wroblewski. Sie ist eine der beiden Studentinnen, die Basic interviewt und heute ihre Ergebnisse präsentiert haben. "Ich hoffe, dass wir durch unsere Arbeit und die Forschung dazu beitragen können, ein paar Lücken zu schließen und zu erfahren, wie viel Leid da tatsächlich war."

Die beiden Studentinnen Olivia Wroblewski und Zoe Hüls stellen ihre Ergebniss aus dem Interview mit Regina Basic vor. | Bildquelle: WDR/Anke Ricklefs

Insgesamt wurden 12 Betroffene befragt. "Das klingt nach einer überschaubaren Zahl", so der Seminarleiter Dr. Helge-Fabien Hertz. Doch in einer qualitativen Studie gehe es in erster Linie um die Analyse individueller Erfahrungen.

Durch die wissenschaftliche Aufarbeitung aus den Berichten lernen

Mit dem Projekt möchte der Historiker einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten. Das Thema sei bisher kaum erforscht worden und erst vor wenigen Jahren in die Öffentlichkeit gekommen. "Das ist ein gesellschaftlich sehr relevantes Thema, was man allein schon an der Anzahl der Verschickungskinder erkennt, mit über 10 Millionen Kindern seit 1945", so Hertz.

Regina Basic - ein "Verschickungskind"

Nach dem Besuch in der Uni sind wir mit Regina Basic verabredet. Zuerst hatte sie überlegt, ihren Namen öffentlich nicht zu nennen. Doch sie wolle jetzt in die Sichtbarkeit gehen, das sei für sie und ihren Prozess der Aufarbeitung essenziell.

Mit sechs Jahren wurde Regina Basic verschickt | Bildquelle: WDR

Sie kam 1970 für sechs Wochen auf die Nordseeinsel Borkum, in eines der rund 2.000 Kurheime für Kinder in Deutschland.

Forschung zu "Verschickungskindern"

  • Rund 10 Millionen Kinder wurden von 1945 bis etwa 1990 verschickt (ohne Zahlen aus der ehemaligen DDR).
  • Rund 3.000 Berichte von Betroffenen mit zumeist negativen Kurerfahrungen sind auf der Website der Bundesinitiative der Verschickungskinder einsehbar.
  • Darüber hinaus liegt dem Nexus-Institut (Berlin) eine "Sammlung von über 15.000 Fragebögen der Verschickungskinder" vor.
  • "Davon haben 95 Prozent negative Erfahrungen gemacht", so Detlev Lichtrauter, der Vorsitzende des Vereins "Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW". Das reicht von leichten bis hin zu schwer traumatischen Erlebnissen.

Erfahrungen als "Verschickungskind"

Basic erzählt davon, dass sie regelmäßig nur in Unterhose und mit Kopftuch bekleidet durch den Ort und am Strand "in Reih und Glied maschieren" mussten. "Ich habe mich zu Tode geschämt und fürchterlich entwürdigt gefühlt." Sie berichtet von einer durchgehend bedrohlichen Atmosphäre. Auch, dass in dem Heim ein Essenszwang geherrscht habe. Die Erinnerung an den Geruch im Speisesaal löst in ihr sofort eine Beklemmung aus.

"Ich bin ja dahin gekommen, weil ich zunehmen sollte. Und jetzt muss man sich vorstellen, ich stand seelisch unter einem unfassbaren Stress, hätte wahrscheinlich gar nicht essen können und musste dann noch viel mehr essen, als ich je gegessen hätte." Regina Basic

Eine Situation hat sie bis heute nicht vergessen, als eine der "Tanten", so wurden die Betreuerinnen dort genannt, sie im Speisesaal angeschrien habe. Sie habe die Sechsjährige aufgefordert, sie anzusehen und sie dann bloßgestellt. Die Post ihrer Mutter hat sie nicht erhalten. In ihrer kindlichen Fantasie hat sie sich damals ausgemalt, dass sie gestorben sei.

Sie kam traumatisiert nach Hause zurück

Neben diesen einzelnen Erlebnissen und Bildern seien da viele "schwarze Löcher". Viele Erinnerungslücken, wie sie selbst betont. "Wie oft meine Psyche gesagt haben muss: cut."

Auch Heute leidet Regina Basic noch an Traumafolgen. | Bildquelle: WDR/Anke Ricklefs

Sonst erinnere sie sich rein emotional "an die heiße Angst. An diese Scham, an diese ganzen Gefühle, die waren überwältigend. Ein Teil von mir ist nicht zurückgekehrt - und zwar meine unbeschwerte Lebensfreude."

Das Projekt wird von der Uni Duisburg-Essen gefördert

Die Ergebnisse der Studie werden im Herbst auf der Website des Vereins "Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW" in Issum veröffentlicht, dem Kooperationspartner der Studie. Hertz gibt eine erste Einschätzung: "Als ein zentrales Ergebnis wäre die Bandbreite an negativen Erfahrungen zu nennen, die sichtbar werden. Also von Angst und Demütigung über Essenszwang bis hin zu körperlichen Züchtigungen." Er betont, dass die Betroffenen gehört und ernst genommen werden wollen. "Und genau das tun wir mit unserem Projekt."

Helge-Fabien Hertz und Carmen Behrendt leiten das Projekt zu den Verschickungskindern an der Uni Duisburg-Essen. | Bildquelle: WDR/Anke Ricklefs

Mittlerweile hat Basic Kontakt zu anderen Betroffenen aufgenommen, um sich austauschen zu können. "Ich wünsche mir, dass das heilen kann. Und würde dann gerne helfen, dass andere da auch rauskommen können."

Unsere Quellen:

  • Interviews mit Historiker Dr. Helge-Fabien Hertz von der Uni Duisburg-Essen und der Historikerin Carmen Behrendt
  • Gespräche mit den am Projekt beteiligten Studierenden
  • Interview mit Regina Basic
  • Interview mit Detlef Lichtrauter, Vorsitzender des Vereins "Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW"
  • https://kinderverschickungen-nrw.de/

Sendung: WDR.de, Forschung zum Thema Kinderverschickung, 01.08.2026, 06:04 Uhr