So tickt NRW - 14 Uhr: Unterwegs mit Kräuterfrau Ursula Stratmann in Unna
Bildquelle: WDR/Anastasia MehrensWDR. 00:50 Min.. Verfügbar bis 11.03.2037.
Stiefmütterchen, Ringelblumen, Nachtkerzen und Taubnesseln - was nach einer bunten Sommerwiese klingt, liegt an diesem Nachmittag auf einem Butterbrot. Es ist eine kleine Stärkung vor der Kräutertour, zu der Ursula Stratmann ins Bornekamptal in Unna eingeladen hat. Dabei will die Kräuterfachfrau ihren Gästen nicht nur Appetit machen, sondern vor allem die Scheu vor Wildpflanzen nehmen.
Denn Skepsis erlebt sie bei ihren Touren immer wieder. "Die meisten haben Angst, überhaupt das erste wilde Blatt zu essen", sagt die Schwerterin.
"Im Grunde haben unsere Vorfahren früher alles gegessen und man kann eine unglaubliche Nahrungsdiversität schaffen, weil man alleine hier in der Umgebung mindestens 400 Kräuter essen kann." Ursula Stratmann, Dipl.-Kräuterfachfrau aus Schwerte
Sie selber führt mit Pflanzen eine lange Beziehung. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Wetter, seien Frösche und Libellen ihre ersten Spielfreunde gewesen. "Ich habe mich immer draußen aufgehalten und war glücklich." Diese Begeisterung möchte sie heute weitergeben.
Geschichten, die am Wegesrand wachsen
Schon nach wenigen Schritten bleibt Stratmann am Wegesrand stehen. Dort wächst die Wegwarte. Aus ihrer Wurzel wird koffeinfreier Kaffee hergestellt, ihre Blätter schmecken bitter.
Ursula Stratmann ist diplomierte Kräuterfachfrau und möchte ihr Wissen weitergeben.
Bildquelle: WDR / Anastasia MehrensWährend die Teilnehmer die Pflanze probieren, erzählt die Kräuterfrau eine Geschichte von einem Liebespaar, das der Krieg trennte. "Sie hatte wunderschöne blaue Augen", sagt Stratmann und zeigt dabei auf die blauen Blüten.
"Er sagte: Warte auf mich." Sie habe gewartet - und tue das bis heute. Deshalb heiße die Pflanze Wegwarte. "Vielleicht ist sie deswegen auch so bitter."
Zwischen Labor und Wildkräutern
Neben Legenden und Mythen kennt sich Ursula Startmann auch mit Mineralstoff-, Vitamintabellen und klinischen Studien aus. Nach einer Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin studierte sie Biologie, bildete Krankenschwestern aus, arbeitete auch als Umweltberaterin. Wissenschaft und Naturverbundenheit gehören für sie zusammen. "Auf einer Seite bin ich Biologin. Auf der anderen Seite spüre ich, was für einen Frieden eine schöne Blüte oder ein alter Baum bedeuten".
Wildkräuter: In der Industrienatur des Ruhrgebiets zu Hause
Einzigartige Industrienatur
Das Ruhrgebiet gilt als Vorreiter der sogenannten Industrienatur. Auf stillgelegten Industrieflächen haben sich über Jahrzehnte wertvolle Lebensräume entwickelt - auch für viele heimische Wildkräuter.
Nicht überall pflücken
In Naturschutzgebieten ist das Sammeln von Wildkräutern grundsätzlich verboten. Außerhalb gilt oft die sogenannte Handstraußregel: Kleine Mengen für den Eigenbedarf dürfen gesammelt werden - geschützte Pflanzen sind jedoch tabu.
Kräutervielfalt in NRW
In Nordrhein-Westfalen kommen rund 2.300 Farn- und Blütenpflanzenarten vor. Viele heimische Wildkräuter wachsen auf Wiesen, an Waldrändern oder in Streuobstwiesen.
Wissen schützt vor gefährlichen Pflanzen
Zwischen den Geschichten mahnt Stratmann aber auch zur Vorsicht. Nicht jede Pflanze, die schön aussieht oder gut riecht, gehört auf den Teller. Das habe sie selbst schon als Zehnjährige gelernt.
Damals sammelte sie Rainfarn für einen Kräutertee für ihre Oma. Zum Glück habe sie ihn nicht getrunken. "Denn damit hat man entweder eine Abtreibung gemacht oder man hat Würmer ausgetrieben." Heute gilt die Pflanze als giftig.
Gerade in der Industrienatur des Ruhrgebiets wachsen viele essbare Kräuter.
Bildquelle: WDR / Anastasia MehrensNatur als Energiequelle
Die Schwerterin verbringt jeden Tag in der Natur - bei jedem Wetter. "Ich brauche das als Kraftquelle." Besonders verbunden fühlt sie sich mit ihrer Heimat. "Ich liebe total dieses Ruhrgebiet - diese alte Zechen mit ihren tollen Pflanzen, die Ruhr mit ihren vielen für mich heiligen Plätzen." Durch den Wald zu gehen, sei für die 68-Jährige wie Meditation. "Ich schleiche durch einen Wald. Ich genieße das richtig."
Genau diesen Blick auf die Natur möchte Ursula Stratmann weitergeben: die Angst vor Wildpflanzen verlieren, langsamer gehen und genauer hinschauen. Denn manchmal wächst das Besondere in NRW direkt am Wegesrand.
Alle Beiträge der Serie "So tickt NRW":
Unsere Quellen:
- Eindrücke der WDR-Reporterin vor Ort
- Gespräch mit Ursula Stratmann, Dipl.-Kräuterfachfrau aus Schwerte
- Regionalverband Ruhr
Sendung: WDR.de, So tickt NRW - 14 Uhr: Unterwegs mit Kräuterfrau Ursula Stratmann in Unna, 03.08.2026, 12:59 Uhr
