Der Anschlag am Rande des CSD in Berlin bildet den traurigen Höhepunkt einer Reihe von Angriffen auf die queere Community in den vergangenen Jahren. Seit rund vier Jahren dokumentiert die Amadeu Antonio Stiftung Vorfälle bei CSD-Veranstaltungen systematisch - und sie verzeichnet dabei kontinuierlich steigende, schockierende Zahlen.
Lorenz Blumenthaler von der Amadeu Antonio Stiftung
Danach gab es im vergangenen Jahr bei fast der Hälfte der 245 Christopher Street Days in Deutschland Angriffe oder Störungen. Fast die Hälfte dieser Übergriffe gingen dabei von Rechtsextremen aus. Vor allem bei den CSD-Veranstaltungen in Ostdeutschland beobachte man einen starken Anstieg der Anfeindungen, erklärt Lorenz Blumenthaler von der Amadeu Antonio Stiftung.
Die dokumentierten Angriffe reichten von rechtsextremen Gegendemonstrationen und Blockadeversuchen durch Kommunalpolitiker bis hin zu körperlicher Gewalt, Online-Hetze und Sachbeschädigungen. Die Amadeu Antonio Stiftung engagiert sich seit 1998 für Menschen, die von antisemitischer, rassistischer und rechter Gewalt betroffen sind.
Gefühl wird immer mulmiger
Sowohl CSD-Organisatoren in NRW, als auch die Amadeu Antonio Stiftung sprechen von einem zunehmend mulmigen Gefühl in der LGBTQ-Community. Auch, wenn man sich von Anschlägen wie dem in Berlin nicht unterkriegen lasse, ertappe man sich immer häufiger beim Schulterblick mit den Fragen: "Steige ich in den richtigen Zug? Bin ich hier sicher?" Laut Blumenthaler sind das Gedanken, die man in diesem Ausmaß vor drei bis vier Jahren noch nicht hatte.
Bei Wikipedia findet sich eine sehr ausführliche Liste von Angriffen auf Christopher Street Days und die queere Community in Deutschland. Beim Blick darauf fällt auf: Vor allem seit dem Jahr 2020 ist die Zahl der Vorfälle extrem gestiegen. So gab es am 4. Oktober 2020 den prominenten Fall, bei dem ein Syrer in Dresden mit einem Messer ein schwules Paar aus NRW attackierte.
Ein 55-jähriger Krefelder wurde dabei schwer verletzt, sein 53-jähriger Lebensgefährte aus Köln starb an den schweren Stichverletzungen. Der Täter wurde anschließend zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, wobei die besondere Schwere der Schuld festgestellt wurde.
CSD in Bautzen als Wendepunkt
Am 27. August 2022 sorgte der Fall von Malte C. deutschlandweit für Bestürzung. Der damals 25-Jährige wollte damals Zivilcourage beweisen und mehrere Frauen vor Anfeindungen beschützen. Dabei schlug ein Mann Malte C. unvermittelt mit voller Wucht mit der Faust ins Gesicht, woraufhin dieser mit dem Kopf auf den Boden aufschlug und wenig später an seinen Verletzungen starb.
Laut Lorenz Blumenthaler war der CSD 2024 in Bautzen jedoch der große Kipppunkt, was die steigende Zahl der Angriffe angeht. Dort habe man zum ersten Mal eine zunehmend professionelle Organisation politischer Gewalt von Rechts festgestellt. Das heißt: Rechtsextreme organisieren sich seitdem vermehrt über soziale Medien, um gezielt als Gruppe CSDs und die queere Community anzugreifen.
Forderungen an Politik
Die Forderungen an die Politik aus der Community werden lauter. Die Amadeu Antonio Stiftung fordert ein klares Bekenntnis zur LGBTQ-Gemeinde sowie die Anerkennung, dass CDSs in Deutschland dazugehören und sie Ausdruck unserer Lebensweise sind. Auch die "Kulturkämpfe" am Rande - wie die Debatte um eine Regenbogenflagge am Bundestag - müssten endlich aufhören. Denn am sichersten seien CSDs bisher dort gewesen, wo es im Vorfeld ein klares Bekenntnis der lokalen Politik gegeben habe.
Christian Karus von DUPRIDE e.V.
In die gleiche Kerbe schlagen die CSD-Organisatoren in Duisburg. Sie wünschen sich, dass Politiker sehen, wo Probleme und Gefahren liegen, und die Community unterstützen. Auf Bundesebene habe man die Hoffnung, dass der Anschlag auf den CSD in Berlin jetzt der Bundesregierung den finalen Schub gibt, den Schutz der queeren Bevölkerung ins Grundgesetz aufzunehmen.
Unsere Quellen
- Interview mit Lorenz Blumenthaler von der Amadeu Antonio Stiftung
- Interview mit Christian Karus von DUPRIDE e.V.
- Wikipedia-Artikel zu Angriffen auf queere Community in Deutschland
Sendung: WDR 2, Sommerradio, 26.07.2026, 16:10 Uhr