Anschlag Berlin | Aktuelle Stunde
Aktuelle Stunde . 26.07.2026. 42:19 Min.. UT. Verfügbar bis 26.07.2028. WDR. Von Astrid Houben.
Eine Frau ist tot, 29 Personen sind teils schwer verletzt. Am Mittag nach dem dramatischen Angriff beim Christopher Street Day in Berlin legen Trauernde Blumen an den Ort des Geschehens. Die Stimmung am Vorabend war ausgelassen, Hunderttausende feierten. Dann fuhr ein Täter mit einem Auto in eine Menschenansammlung am Tiergarten. Der CSD wurde daraufhin abgebrochen, der Tiergarten großräumig abgesperrt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) stufte am Sonntag die Bluttat als "islamistischen Terroranschlag" ein.
Der Tatort am Tiergarten in Berlin wurde abgesperrt.
Am Abend wurde dann bekannt: Der tatverdächtige Abdul B., nach dem gefahndet worden war, ist bei einem Polizeieinsatz erschossen worden. Dazu kam es bei dem Versuch, ihn festzunehmen. Die Berliner Senatsinnenverwaltung bestätigte dies. Der 21-Jährige war deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund. Der Bundesanwaltschaft hat inzwischen die Ermittlungen in dem Fall übernommen.
CSD-Teilnehmer aus Gummersbach entgehen Anschlag um Minuten
Zum CSD in Berlin waren auch viele Teilnehmende aus Nordrhein-Westfalen angereist. Einer von ihnen ist Pascal Gleich. Der 27-Jährige aus Gummersbach war am Freitag mit seinem Kumpel Nils Kahnwald in die Hauptstadt gekommen und hatte sich eigentlich auf ein entspanntes Wochenende eingestellt.
Nils (links im Bild) und Pascal (rechts) waren aus Gummersbach zum CSD in Berlin gereist.
Eine halbe Stunde vor dem mutmaßlichen Anschlag waren die beiden noch durch den Tiergarten gelaufen. Als das Tatauto am späten Samstagabend die Menschenmenge erfasste, standen sie bereits vor der großen Bühne am Brandenburger Tor, um sich das Sarah-Connor-Konzert anzusehen. Dort war die Stimmung noch ausgelassen und friedlich. Dann aber habe der Veranstalter das Konzert unterbrochen und die Feiernden gebeten, das Gelände zügig zu verlassen.
Wir waren am Anfang total verwirrt und dachten, das sei ein Scherz. CSD-Teilnehmer Pascal Gleich aus Gummersbach
Als dann die ersten Eilmeldungen eintrafen und überall Polizei- und Feuerwehrwagen zu sehen waren, sei die Stimmung gekippt. "Wir waren dann natürlich alle durchgehend am Handy und einfach total verunsichert - es war, als hätte jemand auf den Aus-Knopf gedrückt", beschreibt er die angespannte Situation.
Die Evakuierung sei zwar reibungslos verlaufen. Trotzdem lasse der CSD die beiden Freunde mit dem mulmigen Gefühl zurück, als queere Menschen "einfach nirgendwo mehr sicher" zu sein.
Kölner CSD-Pressesprecher will so etwas "nicht nochmal erleben"
Niklas Kaiser aus Köln befand sich im Backstage-Bereich, als die CSD-Veranstaltung am Brandenburger Tor geräumt wurde. "Wir standen dann da und haben gemerkt, es kommt immer mehr Polizei. Man hört immer mehr Sirenen. Einsatzkräfte, Rettungswagen, Hubschrauber, Reiterstaffeln haben wir dann alles gesehen, als wir uns weiterbewegt haben vom Brandenburger Tor", berichtet er dem WDR.
Niklas Kaiser war im Backstage-Bereich der CSD-Veranstaltung.
Kaiser ist Pressesprecher des Kölner CSD und arbeitet als Werkstudent beim WDR. So etwas wie am Samstagabend habe er noch nicht erlebt und wolle es "ganz ehrlich gesagt auch nicht nochmal erleben", sagt er. Trotzdem stellt er klar, dass er sich davon nicht unterkriegen lasse.
Und ich wünsche auch der gesamten Community, dass wir uns - bei allem Schock und bei aller Betroffenheit - nicht unterkriegen lassen und alle bei der Hand nehmen und zusammenstehen. CSD-Teilnehmer Niklas Kaiser aus Köln
Zuspruch aus Köln kommt auch von Oberbürgermeister Torsten Burmester. Die Stadt stehe "fest an der Seite der queeren Community", kündigte der SPD-Politiker am Sonntag in einer Pressemitteilung an: "Als Stadt der Vielfalt werden wir auch künftig alles dafür tun, dass Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität frei, sicher und ohne Angst leben und feiern können. Berlin kann sich unserer Solidarität sicher sein."
Bundespräsident Steinmeier: "Angriff auf unsere offene Gesellschaft"
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst nannte auf der Plattform X den Vorfall einen "abscheulichen Angriff auf unsere Freiheit". Auch Kanzler Friedrich Merz (beide CDU) verurteilte am Sonntag in Berlin den Anschlag. Solche Taten hätten nur einen Zweck, nämlich die Gesellschaft zu spalten. "Wir werden alles tun, um die Täter so schnell wie möglich zu fassen", sagte der Kanzler. Extremisten hätten in der Mitte unserer Gesellschaft keinen Platz. "Wir werden nicht zulassen, dass dieses Gift gegen unsere Freiheit weiter um sich greift", so Merz.
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich:
Diese Tat ist ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft, auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
In Hamm war Steinmeier kurz zuvor beim Tempelfest der Hindus eingetroffen, wo er erstmals an dem Höhepunkt der rund zweiwöchigen Feierlichkeiten teilnahm.
Bundespräsident Steinmeier - aktuell in Hamm - zur Tat auf dem CSD in Berlin
WDR. 01:05 Min.. Verfügbar bis 26.07.2028.
"Awareness"-Helfer aus Düsseldorf reisen zur Hilfe nach Berlin
Rebecca Broermann und Leo Dietz waren am Samstagabend nicht in Berlin vor Ort, als sich das Drama abspielte. Als sie von dem Anschlag erfuhren, war für beide aber klar, dass sie helfen müssen. Broermann und Dietz engagieren sich im Vorstand des "Awarenessnetz NRW".
Noch um Mitternacht machten sie sich von Düsseldorf aus auf den Weg nach Berlin. "Uns war sofort klar, dass wir vor Ort sein müssen, weil es in Berlin jetzt viele Menschen gibt, die Hilfe brauchen", erklärt Broermann dem WDR am Telefon.
Leo Dietz (27) und Rebecca Broermann (47) engagieren sich im "Awarenessnetz NRW".
Am Tag nach dem Anschlag wollen die zwei als Teil des "Awareness-Teams" die Mahnwache unterstützen. Die Teilnehmenden können sie an ihren pinken Westen erkennen und sie jederzeit ansprechen.
Wir leisten heute erste Hilfe für die Seele - das heißt, wir sorgen dafür, dass sich die Trauernden nicht alleine fühlen. Rebecca Broermann aus Düsseldorf
Hunderte Kilometer von Berlin entfernt wird in Bochum ein ähnliches Anliegen verfolgt. Dort gab es von 13 bis 16 Uhr eine offene Trauerveranstaltung, ein "offenes Angebot zum Austausch". Dazu eingeladen hatten die Aids-Hilfe Bochum und der Treffpunkt "Queere Kumpels". "Heute muss keiner allein bleiben", heißt es in einem dazugehörigen Instagram-Beitrag.
Sorge und Trotz vor nächsten CSD-Veranstaltungen in NRW
Neben ihrer Arbeit für das Awareness-Netzwerk organisiert Broermann auch den CSD in Münster mit, der planmäßig am 15. August stattfinden soll. Nach dem Attentat in Berlin will sich das Orga-Team aber noch einmal am kommenden Dienstag treffen, um zu besprechen, ob und wie die Veranstaltung in Münster stattfinden kann.
Bei den weiteren CSD-Veranstaltungen in NRW, die in den kommenden Wochen geplant sind, dürfte der Anschlag in Berlin ebenfalls für Verunsicherung sorgen. In Ahaus, Bonn und Moers sind Events für den 1. August terminiert, in Essen (8. August) und Krefeld (15. August) wenig später. Krefeld beispielsweise möchte sich aber nicht beirren lassen. "Wir halten an unseren Plänen fest, dass der CSD in Krefeld stattfindet", sagte Mitorganisator Oliver Leiste am Sonntagvormittag dem WDR.
Aus Sicherheitsgründen wird die genaue Route des Demonstrationszuges schon seit zwei Jahren nicht mehr vorab bekannt gegeben. In Sachen Sicherheit aber "werde man sicherlich jetzt nochmal nachschärfen müssen", betont Levent Sirkal, der erste Vorsitzende des Crefelder CSD e.V., im WDR-Interview. Mit der Polizei werde der Austausch gesucht, zudem gab es am Sonntagnachmittag ein digitales Meeting mit den Mitgliedern des Vereins.
NRW-Innenminister Reul: "Dürfen uns Freiheit nicht nehmen lassen"
NRW-Innenminister Herbert Reul äußerte sich am Sonntagvormittag ebenfalls zu den Entwicklungen. "Der mutmaßliche Anschlag beim Christopher Street Day in Berlin macht erneut deutlich, welche Gefahr von islamistischen Einzeltätern ausgeht - Menschen, die ohne Vorwarnung losziehen und Anschläge begehen", sagte der CDU-Politiker der Nachrichtenagentur dpa.
Reul kündigte an, die Polizei in NRW für die laufenden und anstehenden Veranstaltungen und Feste noch einmal zu sensibilisieren. "Gleichzeitig ist klar: Wir dürfen uns unsere Freiheit, unser öffentliches Leben und unsere Feste nicht von Terroristen nehmen lassen. Genau das wäre ihr Ziel - und genau das werden wir nicht zulassen", hebt der NRW-Innenminister hervor.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Pascal Gleich
- WDR-Gespräch mit Rebecca Broermann
- WDR-Gespräch mit Niklas Kaiser
- WDR-Gespräche mit Oliver Leiste und Levent Sirkal
- Stellungnahme von Frank-Walter Steinmeier in Hamm
- Nachrichtenagentur dpa
- Pressemitteilung der Stadt Köln
- Bild-Zeitung
Sendung: WDR 5, Nachrichten, 26.07.2026, 11:00 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 26.07.2026, 18:45 Uhr
