Die Zahl der getöteten Nutztiere nähert sich einer Million - meist werden sie vorsorglich gekeult, weil in ihren Betrieben die Vogelgrippe nachgewiesen wurde: Die Geflügelpest - auch Vogelgrippe genannt - breitet sich in Deutschland aus. Auch in NRW.
Seit Anfang Oktober haben die Behörden landesweit mehrere Fälle offiziell bestätigt: in Delbrück, Essen, Duisburg, Rees, Bad Oeynhausen und Lippetal. Außerdem kam am Mittwoch ein Nachweis im Kreis Höxter dazu.
Auch im Kreis Wesel waren mehrere tote Wildvögel gefunden worden. Bei mindestens sechs davon sei im Labor ein Geflügelpest-Verdacht diagnostiziert worden, hieß es. Die Fälle würden derzeit vom zuständigen Friedrich-Loeffler-Institut abgeklärt. Der Kreis bestätigt einen Ausbruch in einem Kamp-Lintforter Geflügelbetrieb. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten zur Vogelgrippe.
- Wie hoch ist das aktuelle Risiko für Tiere?
- Wie kommt es zu den Vogelgrippe-Ausbrüchen?
- Wieviele Tiere und Betriebe sind betroffen?
- Was ist der Unterschied zwischen Vogelgrippe und Geflügelpest?
- Was passiert, wenn eine Infektion bestätigt wird?
- Warum müssen so viele Tiere getötet werden?
- Gibt es eine bundesweite Stallpflicht?
- Können Vögel und Geflügel geimpft werden?
- Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für Menschen?
- Welche Auswirkungen hat das auf Supermärkte und Preise?
- Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich Geflügel essen?
- Was soll ich machen, wenn ich tote Vögel finde?
Wie hoch ist aktuell das Risiko für Tiere?
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), das als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit zuständig ist, schätzt das Risiko, dass das Virus Tiere in Geflügelbetrieben und Zoos befällt, derzeit als "hoch" ein. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sagt: "Aktuell gibt es zahlreiche Ausbrüche, sowohl bei Wildgeflügeln als auch bei Geflügelhaltungen. Dies ist eigentlich für die jetzige Jahreszeit nicht ungewöhnlich."
Es habe bundesweit aber einen sehr schnellen Anstieg der Infektionen gegeben. "Das zeigt auch, wie ernst die Lage ist und wie wichtig gemeinsames und auch koordiniertes Handeln hier ist", sagte Rainer.
Auch der Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Hans-Peter Goldnick, sagte im ZDF, dass ein Anstieg der Fälle von Geflügelpest im Herbst zwar durchaus üblich sei. In diesem Jahr sei es aber "außergewöhnlich früh" losgegangen. Zudem gebe es mittlerweile "verhältnismäßig viele Ausbrüche, über die gesamte Bundesrepublik verteilt in allen möglichen Geflügelarten".
Wie kommt es zu den Vogelgrippe-Ausbrüchen?
Ähnlich wie andere Grippe-Viren hat auch die Vogelgrippe einen saisonalen Verlauf. Ab Herbst nehmen die Fälle in der Regel zu. Verbreitet wird das Virus meist über wildlebende Vögel, die in ihre Winterquartiere im Süden ziehen.
Problematisch wird es, wenn es dabei zum Kontakt mit Zuchttieren kommt: Aufgrund der Haltungsbedingungen kann sich das Virus schnell ausbreiten, wenn in einem Betrieb mehrere tausend Tiere eng aufeinanderleben.
Die Übertragung der Viren geschieht hauptsächlich durch Kot und Ausscheidungen. Das nächste Tier infiziert sich oft, wenn es im Boden pickt und über Schnabel oder Nasenöffnungen die Viren aufnimmt. Auch das Aas erkrankter Tiere kann ansteckend sein.
Wie viele Tiere und Betriebe sind betroffen?
Viele Kraniche sterben derzeit an Vogelgrippe
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) führt am Dienstag (4.11.) 66 aktive Fälle von Geflügelpest bei wild lebenden Tieren und 61 aktive Fälle bei gehaltenen Tieren auf. Die Zahlen seien aber nur eine Momentaufnahme, da sich die Lage derzeit so schnell ändere, betont das Institut.
Fast eine Million Nutztiere wurden bereits getötet, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Schon jetzt seien die Dimensionen vergleichbar mit dem bisherigen Rekordjahr 2021.
Laut FLI sind derzeit Kraniche "auffallend betroffen" von Vogelgrippe-Infektionen. Da gerade viele von ihnen auf dem Weg in ihre Winterquartiere seien, müsse in nächster Zeit laut FLI "mit einer weiteren, möglicherweise großflächigen Ausbreitung" gerechnet werden.
Das könnte NRW besonders betreffen, denn hier finden sich mehrere Rast- und Überwinterungsplätze, die von Kranichen regelmäßig aufgesucht werden: der untere Niederrhein, die Weseraue im Kreis Minden-Lübbecke und die Rieselfelder in der Nähe von Münster.
Bisher ist Niedersachsen am stärksten betroffen. Dort sind 30 der 66 Betriebe, in denen das Virus nachgewiesen wurde. Unter anderem ist eine Putenzuchtanlage mit rund 7.000 Tieren betroffen.
Was ist der Unterschied zwischen Vogelgrippe und Geflügelpest?
Fachleute sprechen in beiden Fällen von der "Aviären Influenza", die umgangssprachlich "Vogelgrippe" genannt wird. Diese Infektionskrankheit wird durch Viren ausgelöst, die in zwei Varianten - "geringpathogen" und "hochpathogen" - auftreten.
Die hochpathogene Variante (HPAI) wird oft als "Geflügelpest" bezeichnet, sie hat eine hohe Sterblichkeit, die Krankheit verläuft mit schweren Symptomen. Bei der geringpathogenen Variante (LPAI) zeigen die Tiere meist kaum oder nur milde Symptome. Allerdings können LPAI-Viren spontan zur hochpathogenen Variante mutieren.
Warum müssen so viele Tiere getötet werden?
Wenn in einem Stall die hochpathogene Virusvariante festgestellt wird, muss in der Regel der gesamte Bestand getötet werden. Dadurch soll auch die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden. Mittlerweile sind bundesweit bereits mehr als 500.000 Nutztiere. Allein in Rees waren es knapp 19.000 Puten.
Zur Einordnung: 2024 wurden in den deutschen Schlachtbetrieben regulär 653,8 Millionen Hühner geschlachtet. Hinzu kamen 30,2 Millionen Puten sowie 9,3 Millionen Enten, schreibt das Statistische Bundesamt. Das sind fast 1,9 Millionen täglich.
Wie kann die Infektionsgefahr verringert werden?
Im Zweifel Tiere besser im Stall halten
Die Behörden appellieren an Geflügelhalter, Hygieneregeln penibel umzusetzen, insbesondere Desinfektionsmaßnahmen und Kleidungsvorschriften. Kontakte des Hausgeflügels zu Wildvögeln und deren Ausscheidungen sollten vermieden werden. Die eigenen Tiere sollte man möglichst in Ställen unterbringen. Die Fütterung der Tiere sollte nur an Stellen erfolgen, die für Wildvögel unzugänglich sind.
Gibt es eine bundesweite Stallpflicht?
Bisher nicht. Mehrere Bundesländer verhängen aber wegen der Vogelgrippe eine Stallpflicht für Geflügel. Als erstes griff sie am Donnerstag (30.10.) im Saarland. Hamburg folgt einen Tag später. In Brandenburg gilt eine Stallpflicht für viele Kreise, aber noch nicht landesweit.
Am Niederrhein haben zwei Landkreise wegen der Ausbreitung der Geflügelpest eine kreisweite Stallpflicht angeordnet. In den Kreisen Kleve und Wesel muss Geflügel ab Freitag in geschlossenen Ställen oder unter Schutzvorrichtungen gehalten werden.
Für ganz NRW ist solch ein Schritt bisher nicht geplant. Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen hatte am Dienstag diese Forderung für den Moment abgelehnt.
Können Vögel und Geflügel geimpft werden?
Theoretisch schon. "Solche Impfstoffe gibt es", sagte Dr. Kristian Düngelhoef, Fachtierarzt für Geflügel, dem WDR. "Es sind verschiedene Impfstoffe entwickelt worden." Das Problem: "Die Impfstoffe haben noch keine nationale Zulassung für Deutschland."
"Ich kenne viele Landwirte, die gerne impfen wollen, aber das dürfen sie halt nicht." Man komme auch nicht an den Impfstoff. Nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung laufen Tests zu Impfungen am Friedrich-Loeffler-Institut, in den Niederlanden und in Frankreich.
Wie gefährlich ist die Vogelgrippe für Menschen?
Die Gefahr, dass sich Menschen mit dem Vogelgrippe-Virus anstecken, ist gering. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind vor allem Menschen gefährdet, die beruflich engen Kontakt zu infizierten Nutztieren haben. Doch auch dann ist die Chance, sich zu infizieren, unwahrscheinlich. Dies ergebe sich schon daraus, "dass sich weltweit regelmäßig Millionen Vögel mit Influenza infizieren, beim Menschen bislang aber nur wenige hundert Fälle bestätigt sind".
In Deutschland ist bislang kein Fall von Vogelgrippe beim Menschen bekannt geworden. Die meisten der Fälle traten bislang in Afrika, Asien und dem Nahen Osten auf. Die Infizierten litten unter grippeähnlichen Symptomen, zum Teil traten schwere Verläufe auf, die tödlich endeten. Eine Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch ist bislang nicht beobachtet worden.
Gibt es Auswirkungen auf Supermärkte und Preise?
Im Einzelhandel gibt es nach Branchenangaben bisher keine Hinweise, dass Kundinnen und Kunden häufiger zu Tiefkühl-Geflügel greifen. Bisher sei keine Veränderung im Kaufverhalten zu beobachten, berichtet der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Auch ein Sprecher der Supermarktkette Rewe sagte: "Wir spüren noch keine Auswirkungen." Die Schlachtsaison für Gänse beginnt laut Branche traditionell vor dem Martinstag am 11. November.
Zu möglichen Auswirkungen auf die Preise gibt es unterschiedliche Aussagen. Geflügel-Verbandspräsident Goldnick sagte, er glaube vorerst nicht, "dass wir kurzfristige Preisexplosionen haben". Die Expertin der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft, Mechthild Cloppenburg, erwartet indes, dass Saisongeflügel - also Enten und Gänse - in diesem Jahr knapp wird. "Die Kunden werden das spüren, die Preise dürften steigen."
Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich Geflügel esse?
Eine Übertragung des Erregers über Nahrungsmittel kann zwar nicht ausgeschlossen werden. Dem Bundesinstitut für Risikobewertung liegen allerdings keine Daten vor, die belegen, dass sich Menschen beim Verzehr von Lebensmitteln mit dem Virus infiziert hätten.
Hähnchen immer gut durchbraten
Das Virus ist empfindlich gegenüber hohen Temperaturen. Wer sein Essen also gut kocht (mindestens 70 Grad), hat nichts zu befürchten.
Was soll ich machen, wenn ich tote Vögel finde?
Von Singvögeln geht laut Landesamt für Verbraucherschutz NRW kein besonderes Risiko der Übertragung der Vogelgrippe aus. Wer einzelne tote Spatzen oder Amseln findet, muss sich also in der Regel nicht weiter sorgen und kann diese in der Restmülltonne entsorgen.
Anders sieht es aus, wenn man mehrere tote Vögel an einem Ort findet oder wenn es sich um größere Vögel wie Gänse, Schwäne, Enten oder Greifvögel handelt. Diese sollte man nicht anfassen, sondern das Ordnungsamt, die Kreisverwaltung oder die Feuerwehr benachrichtigen. Ob ein Tier am Vogelgrippe-Virus gestorben ist, kann nur eine Untersuchung im Labor klären.
Unsere Quellen:
- Nachrichtenagenturen dpa, AFP und AP
- Pressemitteilung Bundestierärztekammer
- Robert-Koch-Institut
- Friedrich-Loeffler-Institut
- Statistisches Bundesamt
- Pressemitteilungen Kreis Kleve, Kreis Wesel und Kreis Höxter
- Landesamt für Verbraucherschutz und Ernährung
- Bundesinsititut für Risikobewertung
Über dieses Thema berichten wir im WDR am 30. Oktober 2025 auch im Hörfunk: WDR5-Nachrichten, 18 Uhr.