Hitzewelle kostet Milliarden: Neue Debatte um Klimaschutz

Aktuelle Stunde 29.06.2026 42:15 Min. UT Verfügbar bis 29.06.2028 WDR Von Kristina Klusen

Andere Länder als Vorbild Welche To-dos aus der Hitze folgen

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Die extreme Hitze hat gezeigt, wie schlecht NRW auf solche Temperaturen vorbereitet ist. Wo es den meisten Nachholbedarf gibt - und was andere besser machen.

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Tim Scholz

Die Hitzewelle in NRW ist vorbei – doch die Diskussion darüber geht jetzt erst richtig los. Temperaturen von mehr als 40 Grad haben gezeigt, wie stark Städte, Schulen und Pflegeeinrichtungen an ihre Grenzen kommen.

Politik und Verbände fordern deshalb mehr Schutz vor extremer Hitze – von Klimaanlagen über bessere Gebäude bis hin zu konkreten Hitzeschutzplänen. Denn solche Sommer werden künftig häufiger, sagen Fachleute.

Mobilitätsforscher: "Wir müssen unser ganzes Leben ändern"

Auf solche extremen Wetterlagen ist unsere Infrastruktur nicht ausgelegt: Aufgeplatzte Fahrbahnen, Züge, die stehen bleiben und in denen die Klimaanlage versagt.

Portraitaufnahme von Prof. Dr. Andreas Knie.

Mobilitätsforscher Andreas Knie

Bei der Deutschen Bahn zum Beispiel sind Züge auf maximal 30 Grad ausgelegt, wie der Mobilitätsforscher Andreas Knie im ARD-Interview erklärt. Inzwischen seien aber deutlich höhere Temperaturen fast schon der Normalfall. Die Technik in den Zügen müsse daher dringend umgebaut werden.

Für Städte fordert Knie Maßnahmen, die weit über die üblichen Hitzeschutzpläne hinausgehen. "Die Flächenversiegelung muss gestoppt werden." Jeden Tag würden 50 Hektar Landschaft in Deutschland versiegelt, das seien 73 Fußballfelder. Außerdem brauche es mehr Luftschneisen und Grün in den Städten.

Arbeitszeiten und Schulpläne anpassen

Wir müssten auch unser Leben ändern: "Wir brauchen mehr Flexibilität", zum Beispiel angepasste Arbeitszeiten und Schulpläne je nach Hitzephasen, betont der Wissenschaftler.

Denn auch in vielen Klassenzimmern war es zuletzt deutlich heißer als die empfohlenen 27 Grad. Lehrerverbände kritisieren: Kaputte Fenster und Rollläden gehören vielerorts zum Alltag. Ganz zu schweigen von modernen Lüftungs- und Klimasystemen.

Der Investitionsstau bei Schulen liegt laut Kommunen bei rund 69 Milliarden Euro. Kurzfristig wird deshalb vorgeschlagen, bei großer Hitze öfter auf Distanzunterricht auszuweichen.

Mehr Geld für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen

Vor allem Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen müssen sich mit Blick auf extreme Hitzewellen neu aufstellen. Dabei hapert es allerdings auch hier wie so oft am Geld.

In Krefeld mussten mehr als 40 Bewohner eines Altenheims versorgt werden, mehrere kamen ins Krankenhaus. In einigen Räumen wurden Temperaturen von bis zu 50 Grad gemessen.

Patientenschützer und Wohlfahrtsverbände fordern, die oft alten Gebäude zu sanieren und technisch besser auszustatten, damit Pflegeheime künftig mit extremen Temperaturen umgehen können.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, spricht von massiven Versäumnissen bei Investitionen.

Gerald Gaß Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft

Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft

Viele Kliniken seien finanziell so schlecht aufgestellt, dass sie wichtige Maßnahmen wie Klimaanlagen oder besseren Hitzeschutz nicht selbst bezahlen könnten. Gaß kritisiert vor allem die Bundesländer, die ihrer Finanzierungspflicht seit Jahren nicht ausreichend nachkämen.

Zusätzlich setze das Sparpaket des Bundes die Krankenhäuser weiter unter Druck. Unter diesen Bedingungen sei es kaum möglich, sich an die zunehmende Hitze anzupassen.

Umweltminister sieht Länder und Kommunen in der Pflicht

Carsten Schneider spricht im Plenum des Deutschen Bundestages

Umweltminister Carsten Schneider

Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider sieht beim Hitzeschutz vor allem die Länder und Kommunen in der Pflicht. Der Bund habe dafür bereits 100 Milliarden Euro aus einem Infrastruktur-Fonds bereitgestellt. Das sei ausreichend, um entsprechende Maßnahmen zu finanzieren, betonte Schneider im Deutschlandfunk.

Das NRW-Gesundheitsministerium schreibt auf WDR-Anfrage, die Landesregierung habe vor allem für die Krankenhäuser bereits erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt und tue dies auch weiter. Mit Blick auf die vergangene Hitzewelle solle das bisherige Vorgehen ausgewertet und mit allen beteiligten Gruppen und Fachleuten über mögliche Verbesserungen diskutiert werden.

Städtetag: Defizit der Kommunen zu hoch

Der Städtetag verweist dagegen auf die klammen Haushalte der Kommunen. Städtetags-Präsident Burkhard Jung (SPD) forderte in der "Rheinischen Post" Bund und Länder auf, mehr Mittel für den Hitzeschutz in den Kommunen zur Verfügung zu stellen. Viele Städte und Gemeinden hätten praktisch keine Möglichkeit für Investitionen angesichts eines Defizits der kommunalen Haushalte von 30 Milliarden Euro pro Jahr.

Laut Umweltminister Schneider will der Bund finanziell auch weiter unterstützen. Der Klimawandel sei jetzt noch mal deutlich spürbar geworden. Temperaturen von mehr als 40 Grad und zunehmende Extremwetterlagen stellten Menschen und Infrastruktur vor große Herausforderungen, so der SPD-Politiker.

Ziel der Bundesregierung bleibe es, den CO2-Ausstoß bis 2030 deutlich zu senken – um mindestens 65 Prozent im Vergleich zu 1990.

Das machen andere Länder gegen Hitze

Aber reicht das alles, um extremen Hitzewellen wirklich etwas entgegenzusetzen? Ein Blick ins Ausland zeigt, wie andere Länder auf den Klimawandel reagieren.

Begrüntes Gebäude in Singapur

Begrüntes Gebäude in Singapur

Ein besonders spannendes Beispiel ist Singapur. Der Stadtstaat setzt nicht nur auf Klimaanlagen, sondern vor allem auf ein ganzes Anti-Hitze-System. Überall wachsen vertikale Gärten an Hochhäusern, Fassaden und Dächer sind begrünt, damit sich die Gebäude weniger aufheizen und mehr Schatten entsteht. Neue Viertel werden so geplant, dass Luft besser zirkulieren kann und sich keine Hitzeinseln bilden.

In manchen Stadtteilen werden ganze Häuserblöcke über ein unterirdisches Rohrsystem gekühlt. Dort wird kaltes Wasser durchgepumpt und zentral verteilt. Das ersetzt viele einzelne Klimaanlagen, spart also Energie und verhindert, dass noch mehr Abwärme die Stadt zusätzlich aufheizt. Auch helle Fassaden und Straßenbeläge sollen helfen, weniger Wärme zu speichern.

Beispiele aus Singapur, Medellín, Paris und Barcelona

In Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, haben zahlreiche grüne Korridore die Temperaturen bereits messbar gesenkt. Dort wurden bis zum Jahr 2021 insgesamt 880.000 Bäume und rund 2,5 Millionen kleinere Pflanzen gesetzt.

Andere Städte zeigen ebenfalls, wie Anpassung funktionieren kann: Paris setzt auf Trinkwasserstellen, Schattenplätze und öffentlich zugängliche Kühlräume. Barcelona hat sogenannte Superblöcke mit viel Grün und verkehrsberuhigten Straßen geschaffen.

Wenn Hitzewellen durch den Klimawandel häufiger werden, brauchen Städte also mehr als nur Klimaanlagen. Entscheidend ist eine Mischung aus guter Planung, Begrünung und smarter Technik.

Was wir aus der Hitzewelle lernen sollten

WDR 29.06.2026 01:32 Min. Verfügbar bis 28.06.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Nachrichtenagenturen KNA, DPA, EPD
  • Interview mit Bundesumweltminister Carsten Schneider im Deutschlandfunk
  • Interview mit Mobilitätsforscher Andreas Knie im ARD Brennpunkt vom 27.06.2026
  • WDR-Anfrage NRW-Gesundheitsministerium

SendungWDR.de, Was wir aus der Hitzewelle lernen sollten, 29.06.2026, 15:10 Uhr
Sendung: WRD Fernsehen, Aktuelle Stunde, 29.06.2026, 18:45 Uhr

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