Ali Jappan, Arezu Tofigh und Mehdi Khodabakhshi berichten bei WDRforyou von ihren Sorgen.
Bildquelle: WDR/privatNach AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt : "Mama, werden wir abgeschoben?"
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Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent gewonnen. Für viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte geht es seitdem um eine sehr persönliche Frage: Sind wir in Deutschland noch sicher? Ein syrischer Pfleger in Sachsen-Anhalt will wegziehen, iranische Eltern in Nordrhein-Westfalen sorgen sich um ihre Kinder. Einer der Befragten hat die AfD allerdings selbst gewählt.
- Arezu Tofigh: "Wir müssen morgens eine Rüstung anziehen"
- Mehdi Khodabakhshi: In der Klinik Psychologe, draußen "der Ausländer"
- Shabnam: "Mama, wollen sie uns abschieben?"
- Iranerin aus Köln: Die Angst erreicht das Klassenzimmer
- Der iranische AfD-Wähler, der um seine eigenen Kinder fürchtet
- Ali Jappan: Job gekündigt wegen der AfD
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist vorbei. Doch das Ergebnis beschäftigt Menschen weit über das Bundesland hinaus. In Nordrhein-Westfalen erzählen Iranerinnen und Iraner von Angst, Ausgrenzung und der Frage, ob Deutschland für sie und ihre Kinder auf Dauer noch ein sicherer Ort ist. Besonders belastend ist für einige, dass inzwischen auch ihre Kinder fragen, ob die Familie abgeschoben werden könnte.
WDRforyou ist das mehrsprachige öffentlich-rechtliche Informationsangebot des WDR für Menschen, die neu in Deutschland sind, und berichtet über Flucht, Asyl, Migration und Integration. Für diesen Artikel hat WDRforyou, das auch einen Channel auf Persisch betreibt, mit fünf Iranerinnen und Iranern in Nordrhein-Westfalen gesprochen.
Darunter sind Berufstätige und Akademiker, Menschen mit gesichertem Aufenthalt und eine Familie im laufenden Asylverfahren. Die Gespräche sind nicht repräsentativ - sie zeigen aber, wie unterschiedlich Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf das Wahlergebnis reagieren.
Arezu Tofigh: "Wir müssen morgens eine Rüstung anziehen"
Arezu Tofigh kam 2009 mit ihrem damals vierjährigen Sohn als Asylsuchende nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Sozialarbeiterin an einer Grundschule in Düsseldorf. Zuvor war sie fünf Jahre in der Pflege tätig. Seit ihrer Ankunft, sagt sie, habe sie Deutsch gelernt, Ausbildungen absolviert oder gearbeitet.
Arezu Tofigh
Bildquelle: Arezu TofighDeutschland habe ihr Schutz und viele Möglichkeiten gegeben, betont Tofigh. Trotzdem nehme sie heute wieder mehr Ablehnung wahr: in Geschäften, in der Bahn, auf der Straße und in sozialen Medien. Es gehe nicht immer um offene Beleidigungen. Häufiger seien es herablassende Blicke oder Bemerkungen über "Ausländer". Sie habe den Eindruck, dass Migranten pauschal für das Verhalten Einzelner verantwortlich gemacht würden.
Inzwischen denkt die Familie über einen Neuanfang in Australien oder Kanada nach. Ihr 22-jähriger Sohn recherchiere bereits nach Ländern, in denen sie arbeiten und sich etwas aufbauen könnten. "Ich habe zunehmend das Gefühl, dass wir morgens eine Rüstung anziehen müssen, bevor wir hinaus in die Gesellschaft gehen", sagt Tofigh. Ständig müsse sie sich verteidigen und erklären, dass die Vorwürfe gegen Migranten nicht auf sie zuträfen. "Das ist anstrengend geworden. Sehr anstrengend."
Mehdi Khodabakhshi: In der Klinik Psychologe, draußen "der Ausländer"
Auch Mehdi Khodabakhshi erwägt, Deutschland zu verlassen. Der 44-jährige Psychologe kam vor etwa neun Jahren als Asylsuchender. Mehrere Jahre lang war sein Aufenthaltsstatus unsicher. Zeitweise habe er weder arbeiten noch studieren dürfen. Später arbeitete er für verschiedene Einrichtungen, an einer Universität und in einer Klinik. Derzeit möchte er seine Promotion abschließen und arbeitet in der Uniklinik Bonn.
Mehdi Khodabakhshi
Bildquelle: Mehdi KhodabakhshiBeruflich erlebe er Anerkennung, außerhalb seines Arbeitsplatzes jedoch häufig Distanz. "Solange ich in der Klinik bin, werde ich respektiert", sagt er. "Aber sobald man die Klinik verlässt und nach draußen geht, ist man wieder der Ausländer." Das Erstarken der AfD verstärkt dieses Gefühl, sagt Khodabakhshi. Nach seiner Promotion will er gezielt nach Stellen außerhalb Deutschlands suchen. Als mögliche Ziele nennt er die USA, Australien, Kanada, Großbritannien oder die Schweiz. In mehreren europäischen Ländern habe er sich bei Besuchen wohler und stärker zugehörig gefühlt als in Deutschland.
Shabnam: "Mama, wollen sie uns abschieben?"
Shabnam lebt mit ihrer Familie seit etwas mehr als zwei Jahren in Rommerskirchen im Rhein-Kreis Neuss. Ihr Mann arbeitet in Vollzeit, sie selbst macht eine Ausbildung zur Köchin. Die Familie kam als asylsuchend nach Deutschland - ihr Antrag wurde bislang abgelehnt. Weitere Angaben zu dem laufenden Verfahren möchte Shabnam nicht veröffentlicht sehen.
Von ihrem Alltag in Deutschland erzählt Shabnam zunächst viel Positives. Deutsche Freunde hätten die Familie unterstützt. Die Schule ihres Sohnes habe dem Kind nach belastenden Erfahrungen im Iran Sicherheit gegeben. Auch ihre fast 15-jährige Tochter werde von einer Lehrerin und Mitschülerinnen unterstützt.
Die politische Entwicklung macht der Familie trotzdem Angst. Ihre Tochter habe sie wiederholt gefragt: "Mama, wollen sie uns abschieben? Was passiert dann mit uns? Wir können doch nicht in unser Land zurück." Shabnam versucht, ihren Kindern Zuversicht zu vermitteln. Zugleich merkt sie, dass die Jugendlichen die Debatten genau verfolgen. Sie wünsche sich, dass auch die Erfahrungen von Zugewanderten wahrgenommen werden, die arbeiten, lernen und sich in die Gesellschaft einbringen.
Iranerin aus Köln: Die Angst erreicht das Klassenzimmer
Seit dem Wahlsonntag melden sich bei WDRforyou immer wieder Menschen und schildern ihre Sorgen. Eine Iranerin aus der Nähe von Dortmund schilderte in einem Livestream bei WDRforyou ebenfalls ihre Sorge um ihre Tochter.
Die Frau lebt nach eigenen Angaben seit 2016 in Deutschland. Sie und ihr Mann arbeiten, auch eine ältere Tochter ist berufstätig. Ihren Namen und ihren genauen Wohnort möchte sie nicht nennen. Ihre jüngere Tochter sei hier geboren. In der vierten Klasse habe sie von Mitschülern gehört, die Familie müsse Deutschland verlassen. "Packt eure Koffer", hätten Kinder sinngemäß gesagt.
Das Mädchen sei weinend nach Hause gekommen und habe gefragt, wohin die Familie gehen solle. Die Mutter wandte sich an die Lehrerin. Kinder sollten nicht mit solchen Drohungen belastet werden, sagt sie. Nach rund zehn Jahren in Deutschland sei allein der Gedanke, erneut die Koffer packen zu müssen, für die ganze Familie schwer.
Hier gibt es den Livestream auf Persisch zum Nachschauen:
Der iranische AfD-Wähler, der um seine eigenen Kinder fürchtet
Unter unseren Gesprächspartnern ist auch ein iranischer Arzt in NRW, der anonym bleiben möchte. Er kam 2013 über die Fachkräfteeinwanderung nach Deutschland und wurde später eingebürgert. Der Mediziner sagt, er habe zuvor dreimal die FDP gewählt, bei der vergangenen Bundestagswahl aber für die AfD gestimmt. Seine Stimme für die AfD versteht er nach eigener Aussage als "gelbe Karte" für die anderen Parteien.
Der Arzt kritisiert vor allem die Migrationspolitik, hohe Steuern, Energiepreise und die Belastung der sozialen Sicherungssysteme. Die AfD benenne aus seiner Sicht Probleme, über die andere Parteien nicht ausreichend sprächen.
Gleichzeitig sieht er die Gefahr, die von Teilen der AfD-Politik auch für seine eigene Familie ausgehen könnte. "Ich weiß, dass ihre Aussagen zum Teil rassistisch sind", sagt er. "Selbst meine Kinder könnten gefährdet sein." Viele Forderungen der Partei hält er für gefährlich oder rechtlich nicht umsetzbar. Trotzdem wolle er mit seiner Wahl Druck auf die anderen Parteien ausüben.
Ali Jappan: Job gekündigt wegen der AfD
Ali Jappan sieht müde aus, als er sich per Videoanruf meldet. Trotzdem lächelt er in die Kamera. Viel Zeit hat er nicht: Gleich muss er seine Tochter von der Klassenfahrt abholen.
Seit der Landtagswahl am vergangenen Sonntag ist eine Entscheidung gefallen, die seine Familie schon länger vorbereitet hatte.
"Der Albtraum, den wir damals in den Umfragen gesehen oder mitbekommen haben, ist wahr geworden." Ali Jappan
Schon vor der Wahl hatte Jappan darüber nachgedacht, Sachsen-Anhalt zu verlassen. Das Ergebnis habe ihn nun endgültig in dieser Entscheidung bestätigt. Seinen Job als Krankenpfleger hat er zum Ende des Jahres gekündigt.
Bereits im Juni hatte WDRforyou Jappan in Halle an der Saale getroffen. Seit 2012 lebt er in Sachsen-Anhalt, inzwischen besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus versteht er sich gut. Trotzdem machte er sich schon damals Gedanken darüber, wie willkommen seine Familie im Land noch ist. "Die meisten sind nett, lieb, interessieren sich auch gar nicht dafür, woher ich komme oder was weiß ich. Ja, wo kommen dann die 40 Prozent her, fragt man sich?"
Zwischen Hoffnung und Angst - Sachsen-Anhalt vor der Wahl
Bildquelle: WDRWDRforyou Reportage. 22.06.2026. 19 Min. 34 Sek.. UT. Verfügbar bis 18.06.2099. WDR. Von Janina Werner, Borhan Akid.
Seine Frau findet keinen Job als Apothekerin
Seine Frau ist Apothekerin und trägt Kopftuch. Einen Job in Sachsen-Anhalt zu finden, sei für sie schwierig, sagt Jappan. Schon im Juni berichteten er und seine Frau von Anfeindungen gegen sich und ihre beiden Töchter. Nach dem Wahlergebnis fürchtet Jappan, dass sich die Stimmung weiter verschärfen könnte.
"Die AfD-Anhänger werden sich nach diesem Ergebnis noch stärker fühlen, dann wird es schlimmer für uns." Ali Jappan
Deshalb sucht die Familie nun einen neuen Lebensmittelpunkt in einem anderen Bundesland. Erste Bewerbungsgespräche hat Jappan bereits geführt, entschieden ist noch nichts.
Ali in seiner Wohnung: Noch ist nicht klar, wo es für seine Familie weitergeht.
Bildquelle: WDRFür Sachsen-Anhalt bedeutet sein Weggang auch den Verlust eines erfahrenen Krankenpflegers. Kliniken im Land sind auf Fachkräfte angewiesen, darunter auch Beschäftigte aus dem Ausland. Für seine Familie ist die Entscheidung allerdings weit mehr als ein Jobwechsel. Seine Töchter müssten ihre Schule verlassen, Freunde zurücklassen und in einem anderen Bundesland neu anfangen.
Dann muss Jappan los. In einer Stunde hat er schon das nächste Bewerbungsgespräch. Zum Abschied sagt er, all das mache er vor allem für seine Töchter. Er wolle, dass sie sich sicher fühlen und ohne Angst aufwachsen können.
Unsere Quellen:
- Gespräche mit migrantischen Menschen aus NRW und Sachsen-Anhalt
- WDRforyou-Livestream
- Frühere WDRforyou-Berichterstattung
Sendung: WDR.de, Wie fühlen sich migrantische Menschen nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt?, 14.09.2026, 5 Uhr
