So hatte sich Daria Nickel den Start ins Berufsleben nicht vorgestellt: Bei der Suche nach einer Lehrstelle hatte die angehende Kauffrau für Marketing und Kommunikation noch Glück. In den kommenden drei Jahren wird sie beim Unternehmen "Leezen Heroes" ausgebildet, einem Anbieter für Fahrradkurierdienste und Rikscha-Fahrten in Münster.
Doch als die junge Frau aus Rheine sich in Münster auf Wohnungssuche begibt, ist sie schnell ernüchtert.
Es ist auf jeden Fall sehr schwierig. Ich glaube, das liegt auch daran, dass hier viele Studenten eine Wohnung suchen. Daria Nickel, Auszubildende
Vor allem bezahlbare Angebote seien absolute Ausnahme gewesen, sagt sie. Nach vielen erfolglosen Versuchen habe sie die Suche erstmal eingestellt. Sie wird nun täglich vom Elternhaus in Rheine nach Münster pendeln. "Das nimmt schon so 40 Minuten in Anspruch und da gibt es auch ein großes Risiko, dass Züge eventuell ausfallen."
Daria Nickel
Bildquelle: WDR/HoltrichterMindestens bis Sommer 2027 wird sie die tägliche Fahrerei noch auf sich nehmen müssen - erst dann hat sie Chancen auf einen Platz im Wohnheim. Daria ist kein Einzelfall.
Bei Umfragen unter Ausbildungsbetrieben in NRW klagen Unternehmen regelmäßig, wie schwierig die Wohnungssuche für ihre Auszubildenden ist. Obwohl das neue Ausbildungsjahr offiziell bereits am 1. August begonnen hat, sind aktuell noch rund 34.000 Lehrstellen im Land unbesetzt.
Ein Grund dafür sei, "dass Betriebe und Bewerber oft nicht passgenau zusammenfinden", so die wenig präzise Erklärung der Agentur für Arbeit. Tatsächlich könnte die Ursache oft viel banaler sein: Die Bewerber finden einfach keine bezahlbare Unterkunft.
WG-Zimmer in NRW: Azubi-Mieten steigen rasant
Vor allem in den NRW-Großstädten sind die Wohnkosten in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Nach einer aktuellen Analyse des Moses Mendelssohn Instituts müssen Interessenten in NRW derzeit durchschnittlich 485 Euro Miete für ein WG-Zimmer einplanen, fast vier Prozent mehr als im Vorjahr. In Köln werden sogar rund 600 Euro fällig.
Die Agentur für Arbeit kann Azubis zwar mit einer "Berufsausbildungsbeihilfe" unterstützen, wenn der Ausbildungsbetrieb vom Elternhaus nicht in angemessener Zeit erreicht werden kann. Bei einer Mindestvergütung von nur 724 Euro brutto im ersten Lehrjahr sind viele Azubis dennoch praktisch vom regulären Wohnungsmarkt ausgeschlossen.
Viele Azubis pendeln, weil bezahlbare Wohnungen fehlen
Für die meisten Auszubildenden sind die Optionen damit überschaubar. Rund zwei Drittel von ihnen wohnen nach Auskunft des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) weiter bei ihren Eltern. Falls sie an ihrem Heimatort keinen passenden Ausbildungsplatz finden, müssen sie oft weite Strecken pendeln. Im schlimmsten Fall ist die zusätzliche Belastung so hoch, dass sie die Ausbildung nach einiger Zeit abbrechen.
Manche Unternehmen stellen ihren Azubis auch eigene Unterkünfte zur Verfügung. So wirbt zum Beispiel das Hotel "Haus Delecke" in Möhnesee (Kreis Soest) mit "möblierten Mitarbeiterzimmern". Das ist zwar ein attraktives Angebot, birgt aber auch Risiken: Bei Konflikten im Betrieb könnte die Angst vor dem Verlust der Wohnung ein zusätzlicher Druckfaktor sein.
Studierendenwohnheime: Azubis fehlen vergleichbare Angebote
Auch wenn die Wohnungsnot unter Studierenden ebenfalls groß ist - sie haben gegenüber den Azubis einen entscheidenden Vorteil: Durch die Studierendenwerke haben sie Zugang zu einer relativ großen Zahl von Wohnheimen und können sich bei der Wohnungssuche von erfahrenen Mitarbeitern beraten lassen. Azubi-Werke sind hingegen noch die Ausnahme - in NRW hat sich bisher nur in Aachen so ein Projekt erfolgreich etabliert.
Das Azubiwerk Aachen könnte Schule machen
Die zentrale Anlaufstelle für Azubis wird in Aachen von der Handwerkskammer, der Industrie- und Handelskammer, dem DGB und weiteren Organisationen getragen. Das bekannteste Projekt des Bündnisses ist das erste Aachener Azubi-Wohnheim "Burtscheider Brücke".
Insgesamt 112 Kleinwohnungen sind in der Nähe des Hauptbahnhofs entstanden: Wohn- und Schlafraum, Bad mit Dusche und Diele mit Küchenzeile für 375 Euro inklusive Strom und Nebenkosten. Inzwischen sind alle Heimplätze vermietet, weitere Wohnprojekte sind aber bereits in Planung.
100 Azubi-Wohnungen in ehemaliger Kaserne in Münster
Bildquelle: SchmidtplanungAuch in Münster könnte ein Vorzeigeprojekt ab dem kommenden Jahr für etwas Entspannung auf dem Wohnungsmarkt für Azubis sorgen: Auf einem ehemaligen Kasernengelände entstehen insgesamt 170 Wohnplätze, von denen 100 für Azubis von Münsteraner Unternehmen reserviert sind. Auch die lokale Kreishandwerkerschaft hat ein eigenes Azubi-Wohnprojekt gestartet - allerdings bisher nur mit 15 möblierten Einzelzimmern.
Wohnen an der Brauerei
Seit drei Jahren betreibt die Krombacher Brauerei in Kreuztal ihr Wohnprojekt "Young Living": Ein extra gebautes Wohnhaus direkt neben dem Brauereigelände. In 14 Wohnungen können Azubis, Trainees oder Werksstudierende hier unterkommen.
Krombacher bietet Wohnraum für Azubis
Bildquelle: WDRSie zahlen rund 500 Euro warm – dafür gibt’s ein Heimkino, Fitnessraum und Gemeinschaftsküche. Nach Angaben der Brauerei lassen sich junge Leute schneller auf einen Wohnortswechsel ein, wenn die oft schwierige Wohnungssuche wegfällt.
Auch kirchliche Organisationen helfen weiter
Bezahlbaren Wohnraum, Lernruhe und Unterstützung im Alltag versprechen auch die katholischen Kolping Azubi- und Jugendwohnhäuser. An insgesamt sechs Standorten in NRW können sich Azubis zwischen 16 und 26 Jahren um einen Wohnplatz bewerben. Hier wird großen Wert auf den Zusammenhalt der Hausgemeinschaft gelegt.
Einfache, günstige Zimmer sind Mangelware
Bildquelle: Soeren Stache/dpaUnterstützung gibt es von einem pädagogischen Team, das auch bei Problemen am Arbeitsplatz beraten kann. Wer sich sozial nicht einbringen möchte, ist hier eher fehl am Platz. Ähnliche Projekte gibt es auch von anderen Verbänden oder kirchlichen Organisationen: Mehr Informationen gibt es auf der Homepage der Initiative "Auswärts Zuhause".
Trotz solcher positiver Initiativen auf lokaler Ebene: Anders als Studierende sind die meisten Azubis bei der Wohnungssuche weiterhin auf sich selbst gestellt. Für die Ausbildungsbetriebe sei das ein Problem, meint Wolfgang Trefzger, Geschäftsführer Bildung und Fachkräfte bei der IHK NRW: "Die Mobilität von Azubis sinkt, wenn es in der Region keinen geeigneten Wohnraum gibt." Neue Wohnheime seien deshalb dringend nötig.
Fördermittel für Azubi-Wohnen von Bund und Land
Das Programm "Junges Wohnen" sei dafür ein guter Ansatz, meint Trefzger. Der Bund unterstützt seit einigen Jahren die Schaffung von Wohnraum für Studierende und Azubis mit 500 Millionen Euro im Jahr. Ein ähnliches Förderprogramm der NRW-Landesregierung hat ein jährliches Budget von 180 Millionen Euro. "Das sollte auch für private Investoren ein Anreiz sein."
Wolfgang Trefzger
Bildquelle: IHK NRWDie klare Trennung zwischen Wohnprojekten für Studierende und Azubis hält Trefzger dabei für überholt. "Ich denke, Studentenwohnheime sollten sich grundsätzlich auch für Azubis öffnen."
Bis es soweit ist, empfiehlt Trefzger Berufsanfängern, sich außerhalb der Ballungszentren um einen Ausbildungsplatz zu bemühen. "Auch in Städten wie Arnsberg lässt es sich gut leben und arbeiten. Und die Wohnungssuche ist erheblich einfacher."
Unsere Quellen:
- Sozialer Wohn-Monitor 2026
- Moses Mendelssohn Institut
- Agentur für Arbeit
- Deutscher Gewerkschaftsbund
- Azubiwerk Aachen
- Krombacher Brauerei
- Bauministerien in NRW und Bund
- Gespräche mit Wolfgang Trefzger und Daria Nickel
Sendung: WDR.de, Azubi-Wohnungen: Kaum Angebote auf Wohnungsmarkt, 05.08.2026, 05:00 Uhr
