Kommunales Rechenzentrum Kamp Lintfort
Bildquelle: wdrDigitale Souveränität : NRW-Städte wollen von US-Konzernen unabhängig werden
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Die Abhängigkeit von den USA gilt inzwischen als Risiko, auch für die staatliche Verwaltung. Im Ernstfall könnten Computerprogramme gesperrt werden. Dann wären etwa die Kommunen in NRW schnell lahmgelegt. Doch der Umstieg auf andere Software ist schwierig.
"Wir hatten eine Weltlage, wo wir gesagt haben, die Amerikaner sind eigentlich unsere Freunde", sagt Thorsten Rode, Leiter des IT-Services der Stadt Nettetal nachdenklich. Doch das habe sich seit vergangenem Jahr, seit der zweiten Amtszeit von Trump, komplett geändert.
Die Stadt Nettetal am Niederrhein zählt gut 40.000 Einwohner und hat es geschafft, sich in Sachen Digitalisierung der Verwaltung einen Namen zu machen. Formulare für neue Personalausweise werden digital ausgefüllt und beantragt. Die Fotos entstehen direkt am Schreibtisch der Sachbearbeiterin. Auch per Handy ist das möglich. Ein KI-Chat-Bot beantwortet Fragen.
Schwachstelle: Abhängigkeit von Microsoft
Doch das digitalisierte Rathaus hat eine Schwachstelle: Die Abhängigkeit von US-Konzernen wie etwa Microsoft. Sollten die USA etwa plötzlich Sanktionen gegen Deutschland erlassen, dürfte der Konzern seine Dienste hier nicht mehr anbieten.
IT-Chef der Stadt Nettetal: Thorsten Rode
Bildquelle: WDR"Wenn die Amerikaner uns von jetzt auf gleich den Saft abdrehen, dann würde das bedeuten, dass auf der einen Seite zum sofortigen Zeitpunkt für uns die komplette Office Suite nicht mehr zur Verfügung stände", erklärt Rode. "Das heißt, keiner könnte mehr mit Word, Excel, Power Point usw. arbeiten. Also mit dem, was man an so einem Büroarbeitsplatz benötigt."
Und das hätte Folgen: Anträge für neue Personalausweise, Baugenehmigungen oder Adressänderungen laufen zwar über eigene spezielle Softwares. Viele dieser Programme sind aber auf Microsoft zugeschnitten. "Das sind alles Dinge, die würden sehr wahrscheinlich relativ zügig, nämlich in den ersten 24 Stunden nicht mehr funktionieren", sagt IT-Chef Thorsten Rode. Die Bürger bekämen den Ausfall sofort zu spüren.
Mehr als 80 Prozent der Kommunen sehen Abhängigkeit kritisch
So wie Nettetal geht es fast allen Städten und Gemeinden in NRW. Das zeigt eine Abfrage der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt), die dem WDR vorliegt. Fast 92 Prozent der Kommunen antworteten, dass sie von Software- und Cloudanbietern abhängig sind. 82 Prozent bewerten diese Abhängigkeit als kritisch.
Digitaler Wohngeld-Antrag
Bildquelle: WDRDie Stadt Nettetal macht sich Schritt für Schritt unabhängig, etwa bei der Bearbeitung von Wohngeldanträgen von Bürgern. Gemeinsam mit einem deutschen Start-up entwickelte IT-Chef Thorsten Rode ein Fachverfahren, das komplett digitalisiert ist und souverän funktioniert: "Egal, ob jetzt irgendwelche amerikanische Software abgeschaltet wird oder nicht, wir sind da komplett souverän und werden das auch immer bleiben."
Das Problem: Die Umstellung hat fast drei Jahre dedauert und wurde vom Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung unterstützt. Eine Kommune wie Nettetal hat aber in der Regel 200 bis 300 solcher Fachverfahren. Die gesamte Umstellung würde mit heutigen Mitteln also viele Jahre dauern.
Kommunales Rechenzentrum setzt auf Open Source
Auch das Kommunale Rechenzentrum Niederrhein in Kamp-Lintfort will sich souveräner aufstellen. 46 Kommunen aus der Region nutzen die Rechenleistungen und den Speicherplatz. 18.000 Arbeitsplätze in Rathäusern und Kreisverwaltungen werden mit Programmen für Fachverfahren versorgt.
Um unabhängiger zu werden, setzt das Rechenzentrum auf Open Source, beispielsweise für die Kartierung von Stadtteilen. Bei Open Source ist die Software quasi öffentlich. Das heißt, die Programmierung ist für Entwickler offen einsehbar. "Der Vorteil von Open Source ist die Unabhängigkeit, weg von den großen Konzernen hin zur Community", erklärt Marvin von Holten, der an einem neuen Programm für Kartierungen mitgearbeitet hat. Die Software lasse sich so nach Bedarf passend entwickeln.
In den Verwaltungen sind Open Source-Lösungen noch nicht weit verbreitet. Fast 60 Prozent der Kommunen gaben in der Abfrage an, dass diese Programme oft nicht gut zu den vorhandenen IT-Systemen passten. Mehr als 40 Prozent nennen fehlendes IT-Personal und Know-how als Grund.
NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach
Bildquelle: dpa / Henning KaiserDieser Knackpunkt ist auch der NRW-Digitalministerin Ina Scharrenbach (CDU) bewusst. Für den Einsatz von Open Source brauche es auch Leute, die das beherrschen und die seien in der Menge nicht verfügbar: "Das heißt, wir müssen das aufbauen. Man muss Fähigkeiten aufbauen und da stecken wir in Teilen noch in den Kinderschuhen."
Und auch, wenn das Land die Umstellung teilweise fördert, müssen Städte erstmal andere Firmen finden, die ähnliche Software anbieten: "Die Notwendigkeit, sich von dem einen oder anderen Anbieter zu lösen, ist erkannt. Die Frage ist nur, was ist im Markt tatsächlich verfügbar."
KRZN-Verbandsvorsteher Ingo Schabrich
Bildquelle: WDRIngo Schabrich dagegen fehlt bisher die Fokussierung auch von Bund und Land auf die digitale Souveränität. Schabrich ist Verbandsvorsteher des Kommunalen Rechenzentrums Niederrhein. Er nennt das, was die Städte und Gemeinde dabei leisten müssen einen "riesengroßer Kraftakt" und eine "Operation am offenen Herzen".
Und Thorsten Rode, IT-Chef der Stadt Nettetal, findet: "Viel mehr braucht es eine Vision, wo wir hinwollen in zehn Jahren, damit wir genau wissen, auf welchen Zielpunkt steuern wir zu." Bisher sind die Kommunen damit vor allem allein beschäftigt.
Unsere Quellen:
- Stadt Nettetal
- Kommunales Rechenzentrum Niederrhein
- Ergebnisse Abfrage der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt)
- Interview mit Ina Scharrenbach, NRW-Digitalministerin
Sendung: Westpol, WDR-Fernsehen, 20.09.2026, 19:30 Uhr