An einer Hauswand stehen die gekritzelten Worte "No Islam"

Fast 1050 Vorfälle: Mehr Fälle von Diskriminierung registriert

Stand:

Das Netzwerk ada.nrw stellt mehr Fälle von Diskriminierung fest. 2024 wurden 1050 Fälle registriert, ein Anstieg um 15 Prozent.

Von Susi Makarewicz

In seinem Jahresbericht spricht das Netzwerk für Antidiskriminierungsarbeit (ada) von einer "Polarisierung" der Gesellschaft und "alarmierenden" Ergebnissen. Rassismus sei mit knapp 70 Prozent der Fälle die häufigste Diskriminierungsform. Aber auch Sexismus und Feindlichkeit gegenüber sexuellen Minderheiten (Queerfeindlichkeit) hätten 2024 zugenommen.

Diskriminierung ereigne sich häufiger öffentlich

Dem Bericht zufolge handelte sich häufig um antimuslimischen und antischwarzen Rassismus. Auffällig sei, dass sich immer mehr Vorfälle in der Öffentlichkeit ereigneten. 2023 habe es noch 75 öffentliche Fälle von Diskriminierung gegeben, 2024 wurden 101 Fälle dokumentiert.

(v.l.n.r.) Sarah Haßelmann (Leiterin des Fachbereichs Migration beim Deutschen Roten Kreuz), Mira Berlin (Projektleitung Dokumentation und Berichtswesen im Netzwerk ada.nrw), Gülgün Teyhani (Geschäftsführerin ARIC-NRW e.V.), Jose Narciandi (LPK)

Vorstellung des ADA-Jahresberichts

Gülgün Teyhani vom Anti-Rassismus-Informations-Centrum NRW, die Betroffene berät, stellt fest: "Zum Beispiel geht es darum, dass Kopftuchträgerinnen antimuslimischen Rassismus erleben. Die Anfeindungen sind härter geworden. Ihnen wird das Kopftuch vom Kopf gerissen". Auch häuften sich Fälle, in denen das Umfeld nicht zur Hilfe eile. "Menschen sitzen drumherum und reagieren nicht. Das ist härter und aggressiver geworden".

Mehr Antisemitismus

Auch Antisemitismus hat laut ada-Netzwerk zugenommen. Er mache fast sieben Prozent der dokumentierten Fälle aus. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel und dem Beginn des Gaza-Krieges zeige sich Antisemitismus offener; Jüdinnen und Juden würden unter Beleidigungen, Anfeindungen und antisemitischen Straftaten leiden. Die Gesellschaft zerfalle immer mehr in Lager.

Schutz von Betroffenen müsse verbessert werden

Zwar soll das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) des Bundes vor Diskriminierung schützen. Das Netzwerk kritisiert aber, dass das AGG nicht alle Lebensbereiche umfasse, zum Beispiel werde Diskriminierung durch Behörden oder im Bildungsbereich ausgeklammert. Das führe dazu, dass die Hälfte der dokumentierten Fälle nicht unter das AGG fielen. Deswegen fordert ada eine Reform des AGG sowie ein eigenes Landesantidiskriminierungsgesetz für NRW.

Landesantidiskriminierungsgesetz im Koalitionsvertrag

Jahresbericht der Antidiskriminierungsberatung der Freien Wohlfahrtspflege NRW

Jahresbericht der Antidiskriminierungsberatung der Freien Wohlfahrtspflege NRW

Die schwarz-grüne Landesregierung hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag auf die Einführung eines Landesantidiskriminierungsgesetzes geeinigt. Bisher ist das Vorhaben aber nicht umgesetzt worden. Das Gesetz sollte vor allem Diskriminierung durch staatliche Stellen umfassen, so das Netzwerk. Auch sollte eine Ombudsstelle auf Landesebene eingerichtet werden und Beratungsstellen sollten finanziell abgesichert arbeiten können.

Die Hoffnung ist auch, dass durch eine feste gesetzliche Verankerung das Unrechtsbewusstsein für Fälle von Diskriminierung wächst, erklärte Gülgün Teyhani vom Anti-Rassismus-Informations-Centrum: "Wir haben Werte in dieser Gesellschaft. Wir haben einen gesetzlich festgeschriebenen Diskriminierungsschutz und genauso wie ich in anderen Bereichen nicht Gesetzesbruch riskieren möchte, muss auch das als Gesetzesbruch wahrgenommen werden".

Das ada-Netzwerk

In NRW gibt es 42 Beratungsstellen, die sich in dem ada-Netzwerk zusammengeschlossen haben. Dazu gehört untere anderem das Gleichbehandlungsbüro Aachen, oder die Servicestelle gegen Diskriminierung in Herne und die Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit in Steinfurt. Diese Beratungsstellen gehören zu den Wohlfahrtsverbänden: AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Jüdische Gemeinden und Der Paritätische NRW.
Jede Beratungsstelle ist in ihrer Arbeit eigenständig. Sie werden vom Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Wer sich diskriminiert fühlt, kann sich an die Stellen wenden, sie dokumentieren auch Fälle von Diskriminierung. Diese fließen in die Berichte der Stelle ein. Das Netzwerk leistet auch Präventionsarbeit zum Beispiel in Schulen.

Über dieses Thema berichten wir auch am 10.09.2025 ab 17:05 Uhr im Westblick auf WDR 5.

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