Die Liste der beschlossenen Maßnahmen liest sich wie eine Abmahnung in alle Richtungen. So bekommt nicht nur das Lager von Landeschef Martin Vincentz es mit Ordnungsmaßnahmen zu tun. Auch dessen Gegner aus dem Umfeld des rechtsextremen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich werden abgemahnt.
Die getroffenen Entscheidungen liegen dem WDR vor - sie sind auch ein Stück weit das Dokument eines tiefen Risses durch die Landespartei, der bis heute nicht repariert ist. Der Lagerkampf in der NRW-AfD war auf dem Listenparteitag in Marl eskaliert. Vor den Sommerferien bestimmte die Partei dort ihre Kandidaten für die Landtagswahl.
Auf den ersten Plätzen waren fast ausschließlich Gefolgsleute des Landeschefs Vincentz zu finden - für das Helferich-Lager ein Affront. So blockierten sie zeitweise den Parteitag und legte am Ende sogar Widerspruch gegen die Liste ein. Sie ist inzwischen bei der Landeswahlleitung eingereicht und rechtlich besteht daher kaum noch eine Möglichkeit, dass sie zurückgezogen wird.
Wurden interne Schiedsgerichte umgangen?
Der Streit um die Liste wurde so eine bundesweit beachtete Schlammschlacht um den Kurs der Partei. Auf der einen Seite die Leute um Martin Vincentz, die einen extremeren Kurs der Partei inzwischen ablehnen. Auf der anderen Seite die Leute aus dem Helferich-Lager, welches die Unterstützung durch Bundeschefin Alice Weidel genoss.
Gegen nahezu sämtliche Spitzenvertreter dieser beiden Lager sind nun Parteiordnungsverfahren auf den Weg gebracht worden. So werden Landeschef Vincentz und seine Mitstreiter im Vorstand vorgeworfen, die Parteischiedsgerichte umgangen zu haben.
Mitte Juli legte der AfD-Landesvorstand einen Eilantrag beim Landgericht Düsseldorf vor, der dem Bundesvorstand eine Einmischung in die Verhältnisse des Landesverbandes untersagen sollte.
Dieser wurde auch formal nicht - anders als angekündigt - später zurückgezogen. Da man in der Sache - es ging um die Fortsetzung des Parteitages in Marl - nicht zuvor die Parteischiedsgerichte angerufen habe, habe man gegen die Satzung verstoßen.
Baut Vincentz neue Parteijugend auf?
Martin Vincentz, AfD
Bildquelle: WDRAußerdem wirft der Bundesvorstand Martin Vincentz vor, eine eigene Parteijugend gründen zu wollen. Er gilt tatsächlich als ein Kritiker der auch in NRW als Verdachtsfall eingestuften "Generation Deutschland" (GD). Mit den Maßnahmen heute wurde Vincentz faktisch untersagt, mögliche Parallelstrukturen aufzubauen.
Vincentz selber bestreitet auf Nachfrage diesen Vorwurf vehement. "Dass allerdings viele Jugendliche nicht mit dem Kurs der GD in NRW einverstanden sind, ist kein Geheimnis", schreibt er. Zu den übrigen Maßnahmen will er sich noch nicht äußern.
Auch die ärgersten Widersacher bekommen Ärger
Ebenfalls Ärger gibt es jedoch auch für seine ärgsten Widersacher. Vor allem dürfte dies die beiden Bundesvorstandsmitglieder Sven Tritschler und Maximilian Kneller treffen. Sie waren laut AfD-Spitze mit daran beteiligt, dass der Listenparteitag in Marl zeitweise blockiert wurde.
Mit ihren Ämtern sei jedoch "eine höhere Verantwortung für den innerparteilichen Frieden und für einen geordneten Ablauf innerparteilicher Willensbildungs- und Wahlverfahren verbunden", heißt es in dem Beschluss. Dieser seien beide nicht gerecht geworden.
Zwar droht keinem der genannten damit der Rauswurf aus der Partei, der Rundumschlag dürfte aber als Signal gesehen werden, dass man sich von Berlin aus auf keine der beiden Seiten mehr schlagen will.
Gibt es finanzielle Unregelmäßigkeiten?
Eine weitere Maßnahme betrifft die Organisation der NRW-AfD. "Der Bundesvorstand hat zur Aufklärung von Unregelmäßigkeiten im Landesverband Nordrhein-Westfalen eine Untersuchungskommission eingesetzt", heißt es. Dabei geht es um den Umgang mit den Personalkosten von AfD-Abgeordneten in Landtag und Bundestag.
Seit Wochen werden Gerüchte gestreut, aus den Personaletats würden Gelder für die Parteiarbeit entwendet - unter Billigung von Landeschef Vincentz. Bisher wurden diese Vorwürfe nicht belegt.
Für die Arbeit der Untersuchungskommission darf die NRW-AfD nun keine weitreichenden Löschungen von Daten mehr vornehmen - auch nicht mit der Begründung von datenschutzrechtlichen Vorgaben. Damit wolle man die Arbeit der Untersuchungskommission sicherstellen.
Keine Maßnahmen gegen Matthias Helferich
Die getroffenen Maßnahmen zeigen vor allem eins deutlich: Zu gefährlich scheint für Alice Weidel inzwischen die Gefahr, in den Sog der Auseinandersetzung hineingezogen zu werden.
Ob jedoch eine kollektive Abmahnung den Streit im größten Landesverband schlichten wird, darf bezweifelt werden. Fehlt doch in der Masse der Abmahnungen und Ordnungsmaßnamen ein Name: Matthias Helferich. Er geht bisher schadlos aus dem Zerwürfnis hervor.
Unsere Quellen:
- Beschluss des AfD-Bundesvorstandes vom 14.09.2026
- Eigene Recherche
- Stellungnahme Martin Vincentz
Sendung: WDR.de, AfD-Bundesvorstand mahnt nahezu gesamte Landesspitze ab, 14.09.2026, 13:10 Uhr
