So sieht also die Steinzeit des Internets aus: Du sitzt im Zug von Montreal nach New York. Im Gepäck: die erste Digitalkamera und der erste Laptop deines Lebens - kurz noch auf dem Weg zum Bahnhof gekauft. Was zum Teufel ist eine SD-Card? Und wie soll dieses briefmarkengroße Ding von der Kamera in den Slot des Laptops gelangen? Und überhaupt: Warum heißt das ganze System Digicam und SmartMedia, wo es mich doch so dumm aussehen lässt?
Als Hörfunkkorrespondent kenne ich mich aus mit Mikrofon und Aufnahmegerät. Aber Schreiben fürs Internet - "Onlinejournalismus"? Das war alles ein bisschen viel für so einen Tag im Herbst 2001.
Kalt erwischt vom Anruf in Montreal
Herbert Bopp
Bildquelle: Herbert BoppDie WDR-Internetredaktion hatte mich mit einem Anruf kalt erwischt, als sie mich an diesem 11. September 2001 bat, nach New York zu reisen. Der Luftraum über große Teile Nordamerikas war aus Sicherheitsgründen geschlossen worden. Dann fährt der Kanada-Korrespondent von Montreal eben mit der Bahn nach New York. Zwar hatte auch ich die Terroranschläge am Morgen im Fernsehen verfolgt - aber mit einem Einsatz in Manhattan hatte ich nicht gerechnet.
Neun Tage und Nächte lang schrieb ich insgesamt 16 Reportagen fürs Netz, garnierte sie mit Fotos und Recherchematerial - und ab damit nach Köln. Aber wie? Während der neunstündigen Bahnfahrt hatte ich die Bedienungsanleitungen der Digicam und des Laptops gelesen. Ein Mobiltelefon besaß ich zwar auch schon damals. Aber an das, was später als Tethering bekannt wurde, also einen mobilen Hotspot einzurichten, war noch nicht zu denken.
Also musste das gute, alte Einwahlmodem her. Das Ritual war immer dasselbe: Piepsen, Pfeifen, Kreischen - und dann hoffentlich die Verbindung mit der atemberaubenden Übertragungsgeschwindigkeit von 56 Kbit pro Sekunde. Spannend wurde es bei der Übermittlung der Fotos. Häufig scheiterte sie im ersten Anlauf an der wackeligen Telefonleitung im Hotel.
Selbst die BBC staunte
Auch sonst klappte nicht alles reibungslos. Dass eine Kollegin in der Internetredaktion mitten im Übertragungs-Chaos vom gestressten Korrespondenten auch noch verlangte, das Textmanuskript mit sperrigen HTML-Codes zu versehen, zeigte die Hilflosigkeit im Umgang mit dem noch jungen Medium.
Wie mutig und innovativ, ja geradezu revolutionär die Entscheidung von Stephan Moll war, dem damaligen Leiter der Internetredaktion, einen eigenen Reporter nach New York zu schicken, wurde mir erst im Gespräch mit anderen Kollegen richtig klar, die inzwischen aus aller Welt nach New York angereist waren.
Live-Schalten fürs Fernsehen von London bis Tokio gehörten zu den Routine-Jobs, Radio-Aufsager in Echtzeit für die Radiosender in aller Welt ohnehin. Aber ausschließlich online für die Internetseiten eines Fernseh- und Radiosenders in Köln/Deutschland zu arbeiten? Da staunte selbst der BBC-Kollege, mit dem ich Tag und Nacht durch die Straßen von Manhattan zog - immer auf der Suche nach Geschichten, die erzählt werden wollten.
Lettermann und die Journalisten-Preise
Welchen Stellenwert der Onlinejournalismus damals noch hatte, zeigte ein Anruf bei David Letterman. Der TV-Talkmaster, der als erster der amerikanischen Comedians wieder auf Sendung ging, stand für ein Interview nicht zur Verfügung. "Internet only?", hieß es von der PR-Abteilung. "No, sorry!" Dass es dank der Intervention des BBC-Kollegen doch noch mit einem gemeinsamen Besuch der Late-Night-Show im Ed-Sullivan-Theatre klappte, lag am Medium. Die BBC versprach, einen Radiobeitrag zu senden. Nicht "Internet only".
Das Internet sei mit 9/11 erwachsen geworden - und WDR.de zählte zu den Pionieren. So formulierte es später sinngemäß der Autor Steven Geyer in seinem Buch "Der deutsche Onlinejournalismus am 11. September - Die Terroranschläge als Schlüsselereignis für das junge Nachrichtenmedium".
WDR.de hatte schon früh verstanden, dass das Internet mehr sein konnte als ein digitaler Ablageplatz für bereits veröffentlichte Radio- oder Fernsehtexte. Der Live-Ticker, das Dossier und insbesondere die Reportagen aus New York machten die Berichterstattung schon früh zu einem Beispiel dafür, wie Onlinejournalismus seine eigene Form finden konnte, also nicht ausschließlich der Programmbegleitung diente.
2002 wurde das "New Yorker Tagebuch" in Berlin mit dem New Media Award der RIAS-Kommission ausgezeichnet. In der Begründung hieß es: "Diese einfache Website zeigt, dass sich auch die Stimme eines einzelnen Journalisten in der Informationsflut nach den Anschlägen dank des Internets Gehör verschaffen kann."
Ausgezeichnet wurde nicht nur der Autor. Der Preis galt der gesamten WDR-Internetredaktion, allen voran ihrem Leiter Stephan Moll. Ihm ist es zu verdanken, dass aus meinem Besuch in einer verwundeten Stadt ein kleines Stück deutscher Onlinejournalismus-Geschichte wurde.
Stefan Moll
Bildquelle: WDR/Annika FußwinkelWDR-Geschichte(n). 25.01.2025. 58 Min. 55 Sek.. UT. Verfügbar bis 31.12.2099. WDR. Von Klaus Michael Heinz.
Über Herbert Bopp
Herbert Bopp, Jahrgang 1949, lebt seit den 80er-Jahren in Kanada und war viele Jahre freier Hörfunk-Korrespondent für die ARD. Nach seinem Reportereinsatz in New York gab er für den WDR und andere Sender zehn Jahre lang Professionalisierungs-Seminare zum Thema Onlinejournalismus. Seinen Ruhestand verbringt Bopp in Montréal.