Interview mit Ministerin Mona Naubaur | Westpol

Bildquelle: WDR

3 Min. 19 Sek. Verfügbar bis 13.09.2030

Kölner Asylskandal Wollen die Grünen wirklich abschieben, Frau Neubaur?

Stand:

Ausreisepflichtige sollen in Köln mehrfach auch schwere Straftaten begangen haben. Das sorgt für Ärger in der Regierungskoalition. Die stellvertredene Ministerpräsidentin Mona Neubaur fordert, die Abscheibung von Straftätern und Gefärdern zu priorisieren - unabhängig vom Herkunftsland.

Seit Wochen sorgt die sogenannte Coesfelder Liste für Schlagzeilen. In Köln sollen abgelehnte und ausreisepflichtige Asylbewerber nicht zurück in ihr Herkunftsland gebracht worden sein. Darunter auch viele Straftäter.

Zahlreiche Intensivtäter

Gegen rund 160 Personen von der Coesfelder Liste liefen zwischen 2011 und 2026 Ermittlungsverfahren. Dem WDR liegt die Liste vor: Es finden sich neben zahlreichen Diebstahlsdelikten auch jeweils ein Verfahren zu Mord und eines zu Totschlag.

Foto einer ausgedruckten Abschiebe-Liste der Zentralen Ausländerbehörde in Coesfeld

Die "Coesfelder Liste"

Bildquelle: WDR / Hilgers

Viele der aufgelisteten Personen sind gleich mehrfach ins Visier der Ermittler geraten. Gegen einen Beschuldigten liefen etwa ganze 85 Ermittlungsverfahren, dabei war er den Behörden offenbar mit zwei unterschiedlichen Schreibweisen seines Vornamens bekannt. Ermittelt wurde gegen ihn unter anderem wegen "Vergewaltigung von Widerstandsunfähigen" und "Schwerem Raub".

Hätten Taten verhindert werden können?

Ein genauerer Blick auf die Liste ergibt:

318 der insgesamt 1.570 mutmaßlichen Taten wurden seit Anfang November 2024 begangen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Personen den Behörden zum Teil über Jahre bekannt. Wären die Abschiebungen der Kriminellen erfolgreich gewesen, hätten diese Straftaten im Umkehrschluss verhindert werden können. Die Kölner Behörden hätte auch feststellen können, wie viele Kriminelle unter den Menschen sind, die sie selbst zum Teil in einem Bleibeprogramm versuchte zu integrieren.

Die Zentrale Ausländerbehörde Coesfeld hatte die Liste im November 2024 an die Stadt Köln übermittelt und Unterstützung bei der Beschaffung von Papieren für Abschiebungen angeboten. Die Kölner Ausländerbehörde reagierte darauf nicht.

Die Auswertung der Liste ergibt auch, dass mehr als die Hälfte der Ermittlungsverfahren gegen Frauen geführt wurden. Das häufigste Vergehen ist der Ladendiebstahl, über 300 Ermittlungsverfahren wurden allein dazu geführt.

Landesregierung sieht Fehler in Köln

Gregor Golland - er trägt einen Anzug, hat kurze dunkelblonde Haare und trägt eine Brille.

Gregor Golland, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion

Bildquelle: dpa/Arne Dedert

Politisch ist der Fall längst in Düsseldorf angekommen. Für Gregor Golland, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion, hat Köln das Problem nicht nur verschlafen, sondern bewusst liegen lassen:

Ich glaub, die Stadtverwaltung Köln hat gezeigt, dass sie nicht willens und nicht in der Lage ist, dieses Problem wirklich zu lösen. Das geht schon an die Grenze der Rechtsbeugung und ich vermute auch eine gewisse Absicht dahinter aus ideologischen Gründen. Es ist ein Skandal und ein Behördenversagen des Ausländeramtes der Stadt Köln. Gregor Golland (CDU)
stellv. Fraktionsvorsitzender NRW

Die Kölner Grünen geben in dieser Woche kein Interview. In einer Pressemitteilung von Anfang September heißt es:

Aufklärung braucht Zeit, denn hinter jeder Zeile in der Excel-Tabelle stecken Menschen mit ihren individuellen Lebensläufen. Ein rechtswidriges Handeln des Ausländeramts ist bisher nicht erkennbar. Dîlan Yazicioglu (Bündnis 90/Die Grünen)
stellv. Fraktionsvorsitzende Rat Köln

Gollands Antwort darauf: "Da kann ich nur noch den Kopf schütteln. Individuelle Lebensläufe - es geht hier um Straftäter, um Kriminelle, um Sozialbetrüger."

FDP nimmt das Land in die Pflicht

Die Opposition im Landtag will das Thema Abschiebungen grundsätzlich neu angehen.. Alexander Steffen, integrationspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion:

Ich will nicht nur wissen, was in Köln schiefläuft, sondern: Was läuft in Nordrhein-Westfalen schief? Wir haben Zehntausende ausreisepflichtige Menschen. Wer von denen sind alles Straftäter? Priorisiert die Landesregierung wirklich? Sagt die Landesregierung den Kommunen, wenn sie nicht abschieben? Alexander Steffen (FDP)
integrationspolitischer Sprecher

Seine Forderung: Das Land solle Abschiebungen zentral organisieren. Darauf will sich die Landesregierung nicht einlassen - die Verantwortung müsse, so wie gesetzlich vorgeschrieben, bei den Kommunen bleiben.

Hat das Land keinen Überblick?

Das Land hat mithilfe der 2018 geschaffenen Rückkehrkoordinationsstellen bis Juli dieses Jahres insgesamt 2.144 Straftäter abgeschoben. Darüber hinaus sind 500 weitere freiwillig ausgereist. Doch ist das eine Erfolgsbilanz?

Rund 56.600 ausreisepflichtige Ausländer gibt es in NRW insgesamt, die allermeisten von ihnen werden geduldet. Wer von ihnen kriminell ist, weiß das Land jedoch nicht. Und wie viele Straftäter insgesamt, also auch in den Kommunen abgeschoben werden, wird laut NRW-Fluchtministerium "statistisch nicht gesondert erfasst".

Auf diese Lücke angesprochen, pocht die NRW-Vizeministerpräsidentin Mona Neubaur (Grüne) im WDR-Interview auf die Priorisierung der Rückführung von Straftätern und Gefährdern: "Die Sicherheit von Bürgerinnen und Bürgern hat absolute Priorität." Die Rückführungen dieser Personengruppe solle unabhängig von der Nationalität der Täter erfolgen.

Unsere Quellen:

  • "Coesfelder Liste"
  • Anfrage an das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI)
  • Interview mit Gregor Golland (CDU)
  • Interview mit Alexander Steffen (FDP)
  • Pressemitteilung der Grünen im Kölner Rat
  • Studiogespräch mit Mona Neubaur (Grüne)

Sendung: WDR-Fernsehen, WESTPOL, 13.09.2026, 19:30 Uhr
WDR.de, WESTPOL-Interview mit Mona Neubaur, 13.09.2026, 20:00 Uhr

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