Neue Generation : Wie frische Mitglieder die Linke NRW vor der Wahl verändern
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Rund um die Bundestagswahl sind viele Menschen in die Partei eingetreten und auch nach der Wahl von Sachsen-Anhalt gab es eine Eintrittswelle. Die Linke freut sich schon auf ihr 25.000. Mitglied - und muss gleichzeitig lernen, zwischen den vielen Perspektiven Balance zu halten.
Es liegt ein Knistern in der Luft. Ein bisschen Aufregung, auch etwas Euphorie. Für einige ist das hier der erste Landesparteitag, sie sind ganz frisch in der Partei. Die Stimmung ist gut, sagen die neuen Mitglieder, denn wenn so viele Menschen zusammenkommen, merkt man, dass man nicht allein ist.
Und das sind sie keineswegs: 24.400 Mitglieder hat der NRW-Landesverband, das sind mehr als dreimal so viele wie noch vor zwei Jahren, kurz bevor die Ampel-Koalition auseinanderflog. 206 Delegierte kommen an diesem Septemberwochenende in Mülheim zusammen, um zu diskutieren. Grundsätzlich zu diskutieren. Denn so viele neue Mitglieder müssen sich erst mal kennenlernen und einen gemeinsamen Modus finden, immerhin geht es um das Programm zur Landtagswahl.
Linke hoffen auf Einzug in den Landtag
Angesichts des Umfragehochs der Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp träumen die Linken aus NRW davon, endlich wieder in den Düsseldorfer Landtag einzuziehen. Von 2010 bis 2012 war die Linke dort vertreten, seitdem nicht mehr. Das Hoch gibt ihnen Hoffnung, kurz vergessen scheint der doppelte Dämpfer aus dem Frühjahr, als die Linke gleich zweimal den Einzug in Landtage verpasste.
Clara Bosemann und der Kreisverband Duisburg
Bildquelle: Nadja Baschek/WDRDavon ist hier wenig zu spüren, es überwiegt die Hoffnung. Ohnehin ein Wort, das in ziemlich vielen Gesprächen und Reden fällt. An den Tischreihen in der Mülheimer Stadthalle sitzen junge Menschen, fast könnte man meinen, die Gen-Z übernimmt den Landesverband. Es gibt Kartoffelpüree mit Gemüsebällchen, für den Filterkaffee steht eine pflanzliche Milchalternative bereit. Zum ersten Mal ist ein externes Awarenessteam aus Köln dabei. Für den Fall, dass sich jemand unwohl oder belästigt fühlt.
Doch da sind auch die Parteimitglieder, die schon seit Gründungstagen dabei sind. Die viel gesehen und erlebt haben, die Hochs und die Tiefs. Da sind die Frauen, die damals für ein Frauenplenum gekämpft haben und die heute am Flinta-Plenum teilnehmen. Dort kommen Frauen, Lesben, nichtbinäre, inter- und transgeschlechtliche sowie agender Personen zusammen. Und zum ersten Mal bietet dieser Parteitag auch ein Migrantisches Plenum.
Auch das ist ein Grund, warum die Luft knistert: Dieses Plenum soll ein "Safer Space" sein für Menschen mit Migrationsgeschichte und deren Themen. Doch weil zu Beginn einige Nicht-Betroffene in den vorderen Reihen sitzen, wird es kurz hitzig, für einen Moment sogar laut. Ein paar ältere Frauen sollen den Raum verlassen. Sichtlich angefasst gehen sie die Treppe hinab, Richtung Foyer. Der einen oder anderen kommt die Erinnerung hoch. Daran, wie sie selbst vehement Männer aus den Frauenplenen warfen.
Mehr Perspektiven Raum geben
Dass es dieses Plenum gibt, ist allerdings keine Selbstverständlichkeit. Samira Hosni aus Wuppertal und ihre Genossinnen haben sich dafür stark gemacht und lange an der Vorbereitung gesessen. Ihnen sei wichtig, dass es Platz gebe für migrantische Perspektiven und dass Nicht-Betroffene ihnen diesen Raum auch geben.
Samira Hosni ist im November 2024 in die Partei eingetreten, das war kurz vor der vorgezogenen Bundestagswahl. Sie hat schon vorher die Linke gewählt, sagt sie, aber erst als Sahra Wagenknecht ausgetreten war, kam ein Parteieintritt für sie in Frage. Warum die Linke? Ihr sei wichtig gewesen, dass sich eine Partei klar gegen Rassismus ausspricht. Das Thema Klassenkampf begleite sie ihr ganzes Leben, sie sei Kind eines Arbeiters, der aus Tunesien komme:
"Ich weiß, wie es ist, wenn man am Ende des Monats struggelt und wenn man trotzdem seine Familie unterstützen muss, die eben nicht in Deutschland lebt." Samira Hosni, Kreisverband Wuppertal
Und sie weiß auch, dass es mal krachen kann - zwischen den neuen Mitgliedern und den "alten Hasen". Nicht immer hätten alle Verständnis füreinander. "Ich erlebe da eine unfassbare Energie. Ich erlebe aber auch oft eine Enttäuschung, wenn nichts schnell genug geht". Aber das seien eben die Strukturen, Parteiarbeit funktioniere anders als Aktivismus. Wichtig sei, sich gegenseitig zuzuhören - und anzuerkennen, dass man von den Älteren auch etwas lernen könne.
Unterschiede zwischen den Generationen
Auch Clara Bosemann ist erst vor kurzem eingetreten, mit der Welle rund um die Bundestagswahl. Zu der Zeit habe sie viel Content von der Duisburger Linken auf TikTok gesehen. Sie findet es wichtig, dass linke Parteien da mitspielen, um dem oft viralen Content aus der rechten Ecke etwas entgegenzusetzen. Ihr sei Feminismus ein wichtiges Anliegen, der Schutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch. Als sie gesehen habe, dass die Linke zu ihren Idealen passen könnte, schaute sie einfach mal vorbei. Sie sei dort ermuntert worden, ihre Perspektive einzubringen, dennoch, den Generationenunterschied habe sie bemerkt:
"Ich merke auch teilweise, dass gerade die älteren Genoss*innen andere Blickweisen haben." Clara Bosemann, Kreisverband Duisburg
Ob es manchmal clashe? Ja, das könne schon vorkommen. Doch sie habe gelernt, für ihre Meinung einzustehen und diese offen zu sagen: "Und dann passiert es auch tatsächlich, dass ältere Genossen mal zuhören." Mittlerweile ist die 27-Jährige, die eine Ausbildung zur Physiotherapeutin macht, im Vorstand des Duisburger Kreisverbands.
Landesverband will 25.000 knacken
Zwischen September 2024 und September 2026 haben sich die Mitgliederzahlen mehr als verdreifacht: von 7518 auf 24.400. Einen großen Teil der Mitglieder machen Menschen zwischen 21 und 35 Jahren aus.
Der Landesverband freut sich über den Zuwachs und hat nun ein Konzept entwickelt, das auf drei Säulen beruht: Neue Mitglieder sollen dadurch an die Strukturen herangeführt und mit den politischen Ideen vertraut gemacht werden. Und auch lernen, wie sie diese nach außen vertreten können.
Alexandra Mehdi und Sebastian Merkens
Bildquelle: Nadja Baschek/WDRAlexandra Mehdi und Sebastian Merkens laufen an diesem Samstag vom einem Tisch zum nächsten, schütteln Hände. Merkens bleibt kaum ein Moment zum Durchschnaufen, als Landesgeschäftsführer hat er den Parteitag maßgeblich mit organisiert. Mehdi ruft einer anderen Frau noch schnell zu, dass sie gleich nachkomme zum Frauenplenum.
Die beiden wollen die Linke in den Landtag führen, sie sind das designierte Spitzenduo. Beide sind schon länger dabei, Mehdi seit 2013, Merkens seit 2016. Der Landesgeschäftsführer freut sich über die neuen Mitglieder und findet, gerade die Debatte sei die Stärke der Partei:
"Ich liebe gerade diese Partei, die so vielfältig, so interessant und so aufregend geworden ist." Sebastian Merkens, Landesgeschäftsführer Die Linke NRW
Alexandra Mehdi stimmt zu, sie freue, dass viele junge Arbeiterinnen, Gewerkschafterinnen, Lehrer und Alleinerziehende eintreten würden, die Zukunft gestalten wollten: "Die mit einer Hoffnung reinkommen und das ist großartig."
Hoffnung ist ihr Thema: Sie wollen, dass sich Menschen mit geringem Einkommen keine Sorgen über den nächsten Großeinkauf machen brauchen, dass der ÖPNV wieder funktioniert und Wohnen nicht zum Luxusgut wird. Dafür ernten sie später in der Generaldebatte Applaus.
Aufgestanden sind die Delegierten aber vorher, nach der Rede von Nagea Belekhrif aus Wuppertal, die aus dem Migrantischen Plenum berichtete: Auf die Barrikaden sollte es gehen, gegen das geplante Abschiebegefängnis in Mönchengladbach. Sie rief auf, für Menschenrechte "zu kämpfen, wirklich zu kämpfen".
Auch im ländlichen Raum wächst die Partei
Der Linken wird nachgesagt, dass sie aktuell besonders junge Menschen in den Großstädten anspricht. Doch auch im ländlichen Raum hätten sich die Mitgliederzahlen verdreifacht, heißt es aus dem Verband.
So wie in Euskirchen. Als Yannic Groell 2020 in den Kreisverband eingetreten ist, war der praktisch nicht existent, erzählt er. Etwa 50 Leute seien sie gewesen, davon drei aktive. Heute habe der Verband 180 Mitglieder, fast 40 aktive. Der gelernte Erzieher arbeitet Teilzeit in einem Internat für Menschen mit geistiger Behinderung, den anderen Teil ist er als DJ unterwegs. Schon jetzt kündigt er einen Wahlkampfrave im Februar an. Yannic Groell will in den Landtag, er sieht sich selbst in einer Vermittlerposition, könne gut politische Botschaften kommunizieren.
Programm fürs Raves und Wahlkampfstände
Welche Botschaften Groell und seine Genossen in den kommenden Monaten bei Raves oder an Wahlkampfständen unter die Leute bringen, das diskutieren sie an diesem Wochenende. Redebedarf ist da, zum Beispiel in der Frage, ob es "Superreiche" oder nicht doch etwa "Überreiche" heißen sollte, weil "super" zu positiv konnotiert sei. Nach einer relativ knappen Abstimmung bleiben sie beim alten Begriff. Ziemlich einig sind sie sich, dass sie sich mit der jüdischen Gemeinde Wuppertal nach dem Brandanschlag solidarisch zeigen, einer Resolution stimmen alle zu.
Diskussionsfreude liegt in der DNA der Partei. Und mit den vielen neuen Mitgliedern dürfte sie sich darum keine Sorgen machen. Die entstandenen Debatten und auch die Spannung, die sich kurz Bahn brach, zeigen: Hier passiert gerade etwas.
Unsere Quellen:
- WDR-Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de Die Linke NRW debattiert Landtagswahlprogramm, 19.09.2026, 05:01 Uhr
