Ein Mensch hält ein Schild mit dem Aufruf zu einem Catcalling-Verbot in die Kamera.

Eine Person demonstriert gegen sexuelle Belästigung.

Bildquelle: picture alliance/CHROMORANGE/Michael Bihlmayer

Niederlande als Vorbild Wird Catcalling in NRW-Kommunen bald strafbar?

Stand:

In einigen NRW-Kommunen soll Catcalling bestraft werden. Sie preschen vor, weil der Bund immer noch kein bundesweit einheitliches Gesetz vorgelegt hat. Ob entsprechende Stadtratsbeschlüsse durchkommen, ist unklar. In den Niederlanden gibt es bereits seit zwei Jahren ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung. Ein Besuch in Rotterdam und Duisburg.

"Du geile Sau!", "Ey, du geile Schnitte!", "Das Outfit sieht wieder obergeil aus", "Schöner Hintern". Das sind nur einige Beispiele für Sprüche, mit denen Frauen alltäglich auf der Straße konfrontiert werden. In Duisburg konnten alle Frauen, die von WDR-Reportern angesprochen wurden, solche Sprüche nennen. Es ist keine harmlose Anmache, sondern eine Form der sexuellen Belästigung.

Unangemessene Kommentare und Pfiffe

Was ist Catcalling?

Unter dem sogenannten "Catcalling" fallen übergriffige und sexuell aufgeladene Bemerkungen im öffentlichen Raum. Der Begriff stammt aus der englischen Umgangssprache und kann mit "Katzen-Rufen" übersetzt werden. Hinter "Catcalling" können sich zum Beispiel unangemessene Kommentare, aber auch Pfiffe oder Kussgeräusche verbergen. Meist geht diese Art der Belästigung von Männern aus. Für Frauen ist das bedrohlich und einschüchternd.

Fast jede junge Frau ist Opfer

Fast jede zweite Person in Deutschland hat bereits sexuelle Belästigung in ihrem Leben erfahren. Das ist das Ergebnis einer Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts aus dem Jahr 2026 in Kooperation mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Es geht noch deutlicher: Eine Studie aus dem Jahr 2021 von der Hochschule Merseburg hat Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren gefragt. Das Ergebnis:

"97 Prozent der Frauen haben sexuelle Belästigung erlebt." PARTNER 5 Jugendstudie der Uni Merseburg (2021)

Sexuelle Belästigung in den Niederlanden verboten

In Deutschland ist Catcalling bislang nicht strafbar. Anders in den Niederlanden: Dort steht sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum seit Juli 2024 unter Strafe. Dazu zählt auch Catcalling. Betroffene können solche Vorfälle bei der Polizei anzeigen.

Der WDR hat mit Frauen in Rotterdam gesprochen. Das bekannte Ausgehviertel an der Witte de Withstraat zieht vor allem viele junge Menschen an. Hier reihen sich zahlreiche Bars, Cafés und Kneipen aneinander. Vor allem in den Abendstunden ist Catcalling hier nicht selten. Die jungen Frauen, mit denen der WDR gesprochen hat, machen solche Erfahrungen regelmäßig.

Eine Niederländerin berichtet: "Ich war damals 17 und am helllichten Tag zu Fuß unterwegs. Da kam ein Mann auf mich zu und fragte mich ganz direkt, ob er meine Mu**** lecken könne." Eine andere Frau erzählt: "Auf der Straße hat mich zum Beispiel mal ein Mann gefragt, ob ich an dem Abend mit zu ihm nach Hause kommen möchte."

Niederländer reagieren gemischt auf das Gesetz

Angezeigt haben diese Frauen Vorfälle wie diese bisher nicht. Weil solche Vorfälle häufig passieren, wäre der Aufwand für sie zu groß, sagen sie. Dennoch begrüßen sie das neue Gesetz:

"Es gibt einem schon ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Aber es hilft auch dabei, Männern zu zeigen, dass so ein Verhalten nicht okay ist. Wenn Jungs mit einem Gesetz aufwachsen, das ihnen klar sagt, dass man so etwas nicht macht, dann denken sie vielleicht eher darüber nach." Frau aus Rotterdam

Doch wie sehen Männer das? Eine kurze Straßenumfrage in Rotterdam zeigt, dass viele Angesprochene das Gesetz gar nicht kennen. Doch sie haben eine grundsätzliche positive Einstellung dazu - mit Einschränkungen. Ein Niederländer findet: "Ich denke, es ist eine Verbesserung. Andererseits stellt sich natürlich auch die Frage: Wo ziehen wir die Grenze?" Ein anderer findet: "Letztlich möchte man natürlich, dass Frauen sich sicher fühlen. Daher ist das Gesetz nicht schlecht. Aber wenn es über eine Geldstrafe hinausgeht, dann ist für mich die Grenze erreicht."

Verdeckte Beamte ermitteln Catcalling

Mit der Einführung des neuen Gesetzes startete gleichzeitig auch ein Pilot-Projekt in den Niederlanden: In verschiedenen Kommunen sind speziell geschulte Beamte im Einsatz, die mögliche sexuelle Belästigungen auf der Straße beobachten sollen. In den Niederlanden heißen sie "buitengewoon opsporingsambtenaar", kurz: BOAs.

Addy Polet, Programmleiterin bei Fairspace, im Ausgehviertel von Rotterdam

Addy Polet, Programmleiterin bei Fairspace in Rotterdam.

Bildquelle: Cedrik Pelka/WDR

Für diese Aufgabe geschult werden die BOAs von der niederländischen Organisation Fairspace. Die Non-Profit-Organisation setzt sich mit verschiedenen Projekten gegen sexuelle Belästigung und Geschlechterungerechtigkeit ein. "Bei der Schulung lernen die Beamten, woran sie sexuelle Belästigung erkennen können, wie sie am besten eingreifen und welche Form der Hilfe für eine Person, am besten geeignet ist, ohne sie erneut zu traumatisieren", erläutert Addy Polet, Programmleiterin bei Fairspace.

Unsicherheit an Bahnhöfen

Die Hafenstadt Rotterdam ist eine der insgesamt sieben Pilot-Kommunen, in denen die Beamten im Einsatz ist. Der Hauptbahnhof hier gehört wie vielerorts zu den Orten, an denen Frauen sich besonders unsicher fühlen.

Wenn Addy Polet sich auf dem Bahnhofsvorplatz umschaut, könnten unter den zahlreichen Passanten auch gerade BOAs im Einsatz sein. Denn sie sind in zivil unterwegs und für Außenstehende nicht zu erkennen. "Wir würden uns wünschen, dass dieses Modell in den gesamten Niederlanden eingeführt wird."

Hubig kündigt Bundesgesetz an

Stefanie Hubig im Porträt

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD)

Bildquelle: REUTERS/Annegret Hilse

Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte bereits vor einem Jahr an, an einem Gesetzesentwurf zum Schutz von Frauen vor verbaler sexueller Belästigung zu arbeiten. Dies entspreche auch der Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag, teilt das Ministerium für Justiz auf WDR-Anfrage mit. Mit angestoßen hat diesen Schritt das Land Niedersachsen mit einer Bundesratsinitiative. Unterstützung kam dabei aus NRW.

"Zu dem konkreten Regelungsvorschlag finden derzeit noch regierungsinterne Abstimmungen statt", teilt das Justizministerium mit. "Der Gesetzentwurf soll zeitnah veröffentlicht werden." Ein genauer Zeitpunkt wird nicht genannt.

Kommunen in NRW prüfen Strafbarkeit von Catcalling

Weil das Bundesgesetz auf sich warten lässt, gibt es in mehreren Kommunen NRWs politische Vorstöße, Catcalling auf kommunaler Ebene zu ahnden.

Eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren und einigen Piercings im Gesicht lächelt in die Kamera
"Es passiert tatsächlich nichts und wir wollen nicht länger warten. Also warum nicht der Versuch, das in der Kommune zu starten?" Pia Waschko, Die Linke Duisburg

In Duisburg stellte die Linken-Fraktion im Juni einen Antrag an die Stadtverwaltung. Sie fordern die Stadtverwaltung auf, zu prüfen, ob Catcalling als unerwünschtes Verhalten in die Duisburger Sicherheits- und Ordnungsverordnung aufgenommen werden kann.

"So könnte Duisburg eine Vorreiterin sein als Kommune und zeigen, dass es funktioniert und gut umsetzbar ist", sagt Pia Waschko, die für die Linke im Stadtrat sitzt. Ziel sei es auch, den Druck auf Landes- und Bundesebene zu erhöhen, entsprechende Gesetze zeitnah umzusetzen.

Auch in Dortmund und Bochum prüfen die Verwaltungen

Die Stadtverwaltung in Duisburg teilt auf WDR-Anfrage mit, dass die Prüfung derweil noch andauert. Ähnlich sieht es in Köln aus: Dort prüft die Stadtverwaltung derzeit einen Antrag von Volt und der Linken aus dem März.

Ähnliche politische Vorstöße gibt es mittlerweile auch in Dortmund und Bochum. In Essen lehnten die regierenden Parteien, CDU und SPD, einen entsprechenden Antrag mit ihrer Mehrheit im Stadtrat ab. Die Begründung: Sie wollen auf das Bundesgesetz warten.

Ist das Gesetz in den Niederlanden erfolgreich?

Ob das Gesetz in den Niederlanden ein Erfolg ist, lasse sich nur schwer sagen, sagt Coco Bastiaansen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Politikforschung beim Forschungsinstitut Regioplan. Dafür gebe es das Gesetz noch nicht lange genug.

Auf Bordsteinen steht eine Kreidezeichnung zu Catcalling.

Köln könnte mit einer entsprechenden Verfügung Vorreiter werden.

Bildquelle: Lukas Fortkord/dpa

Eine erster Ergebnisbericht, an der Bastiaansen mitwirkte, zeigt zumindest, dass das Gesetz in der Praxis angewendet wird. Bei der niederländischen Polizei gingen seit der Einführung bis einschließlich Februar 2026 insgesamt 572 Meldungen wegen sexueller Belästigung im öffentlichen Raum ein. Die Zahl gilt aber als eher niedrig. Die Beamten der BOAs in den Pilot-Kommunen haben insgesamt 60 Fälle von sexueller Belästigung bis Mitte Februar beobachtet.

Bei insgesamt 73 Fällen kam es zu einer gerichtlichen Strafe. Am häufigsten wurden Geldstrafen mit durchschnittlich 294 Euro erlassen. Außerdem wurden bisher insgesamt zehn Freiheitsstrafen ausgesprochen.

Wirkung trotz niedriger Zahlen?

"Einerseits konnten Fälle erfasst werden, die sonst nicht erfasst worden wären", sagt Bastiaansen. "Andererseits ist die Zahl der erfassten Fälle im Vergleich zum zeitlichen Aufwand, um das Gesetz durchzusetzen, nicht besonders hoch." Die Kapazitäten der kommunalen Ordnungskräften und der niederländischen Polizei seien begrenzt.

Gleichzeitig sei es sehr schwierig, Fälle vor Gericht zu bringen und eine Verurteilung zu erreichen, da es häufig an Beweisen mangele. Das könnte auch erklären, warum sexuelle Belästigung in vielen Fällen gar nicht erst angezeigt werde.

Ein Schritt zum kulturellem Wandel

Laut Bastiaansen könne aber beobachtet werden, dass das gesellschaftliche Bewusstsein sich durch das Gesetz verändert habe. Denn Vorfälle von sexueller Belästigung würden mittlerweile häufiger bei der Polizei gemeldet. Für sie hat das Gesetz daher eine wichtige Signalwirkung.

Ähnlich sieht es Addy Polet von Fairspace: "Das Gesetz setzt eine klare gesellschaftliche Norm: Belästigung ist nicht normal und nicht in Ordnung." Das Gesetz sei damit ein Schritt auf dem Weg zu einem kulturellen Wandel.

Wird Catcalling in NRW-Kommunen bald strafbar?

WDR 20.09.2026 1 Min. 43 Sek. Verfügbar bis 19.09.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Reporter vor Ort in Duisburg und Rotterdam
  • Interview mit Pia Waschko, Fraktion Die Linke in Duisburg
  • Interview mit Addy Polet von Fairspace
  • Antrag der Linksfraktion in Duisburg
  • Antrag von Fraktionen Volt und Linke in Köln
  • Interview mit Coco Bastiaansen, Regioplan
  • Ergebnisbericht von Regioplan zum niederländischen Gesetz
  • Anfrage an die Stadt Duisburg
  • Anfrage an die Stadt Köln
  • Anfrage an Justizministerium NRW
  • Anfrage an das Bundesjustizministerium
  • PARTNER 5 Jugendstudie der Uni Merseburg im Auftrag des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt

Sendung: WDR.de, Der Kampf gegen Catcalling, 20.09.2026, 05:00 Uhr

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