Protestschilder gegen Merz und die Bundesregierung bei der Demonstration in Plauen vom "Projekt M1llion" im August

"Projekt M1llion" Wer heute in Bielefeld demonstriert

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Bis zu 10.000 Menschen wollen am Samstagnachmittag durch Bielefeld ziehen. Eingeladen hat das “Projekt M1llion”. Die Hauptforderungen der Demonstrierenden sind unter anderem der Rücktritt der Bundesregierung und eine drastische Verschärfung der Migrationspolitik. WDR-Recherchen zeigen mögliche Verbindungen zu Rechtsextremen, zu Kritikern des Grundgesetzes, zu Querdenkern und zu Russland-Freunden.

Die Ukraine sei “Schuld am Krieg” ruft ein Demo-Teilnehmer. Das Impfen gegen Corona habe nichts genützt, aber viele Menschen krank gemacht. Auf einem Plakat wird der Krieg im Gazastreifen mit dem Holocaust gleichgesetzt und das Grundgesetz sei nicht gültig.

All das war bei einer Demonstration in Düsseldorf Ende August zu hören und zu lesen. Die Demo angemeldet hatte das Bündnis “Gemeinsam Stark”. Dessen Organisator, David Kaiser, sagte im WDR Gespräch, man habe ein sehr enges Verhältnis zu Marcel Baldauf, dem Gründer des “Projekts M1llion”, das heute zur Demo in Bielefeld aufruft. In Düsseldorf trugen Menschen T-Shirts mit dem Logo, auf Autos waren Plakate für die Demo in Bielefeld geklebt. Nachmittags zogen etwa 120 Menschen mit zahlreichen Deutschlandflaggen durch die Düsseldorfer Altstadt - eine Unterstützer-Demo für die große Bewegung "Projekt M1llion".

Grundgesetz wird in Frage gestellt

Was einzelne Menschen machen in ihrem Privatleben, ist uns egal - geht uns auch nichts an”, sagt David Kaiser zu den Positionen der Teilnehmenden. Und angesprochen auf das Grundgesetz: “Es gab ja ganz viele Politiker, das belegt das Internet, Beiträge von ARD, ZDF und vielen anderen Themenbereichen, dass Politiker gesagt haben, dass das Grundgesetz nur eine Übergangssache ist.” Eine Position, die sich dem Reichsbürger-Millieu zurechnen lässt. Dabei besagt der letzte Artikel des Grundgesetzes (Art. 146), dass dieses solange gilt, bis das deutsche Volk eine neue Verfassung beschließt.

Wie steht das "Projekt M1llion" zu solchen Äußerungen? Auf WDR-Anfrage bestätigt der Gründer, Marcel Baldauf, offiziell für die Demonstration von "Gemeinsam stark" in Düsseldorf geworben zu haben. Baldauf schreibt: “Für persönliche Aussagen einzelner Redner können wir nicht deren eigene Verantwortung übernehmen.” Er betont in seiner Antwort, dass sich das “Projekt M1llion” distanziere “von Rechts/Linksextremismus, Antisemitismus, Rassismus, politischer Gewalt und allen Bestrebungen, die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das "Projekt M1llion" ist eine Bewegung aus den Sozialen Medien und hat sich zuerst auf Facebook gegründet. Innerhalb weniger Monate kamen Zehntausende in Gruppen und Chaträumen zusammen.
  • Gründer ist Marcel Baldauf, der 18 Jahre in der Automobilindustrie arbeitete und dann Rettungssanitäter lernte. Vorher war er politisch nicht auffallend aktiv.
  • Zur ersten Demo im Juni 2026 waren laut Polizei etwa 4.000 Menschen gekommen. Zur zweiten Demo in Plauen waren es etwa 10.000 Menschen.
  • Parallel zur Demo in Bielefeld findet auch eine Demo im bayerischen Bamberg statt.

Extremismusforscher: "Vorfeld zur extremen Rechten"

Extremismus- und Protestforscher Bastian Stock von der TU Dresden hat Zweifel an der Distanzierung des Projektes. Er sagt, die Bewegung nehme durchaus eine Funktion innerhalb des Vorfelds der extremen Rechten ein. "Schon in der Bildsprache von Online-Posts und Plakaten zeigt sich, worum es geht", sagt Stock.

Es geht um eine weiße, deutsche Mehrheitsgesellschaft. Bastian Stock, Extremismus- und Protestforscher an der TU Dresden

Das Programm sei laut dem Forscher in vielen Punkten deckungsgleich mit Positionen der AfD. In seinem 11-Punkte-Plan fordert das "Projekt M1llion" unter anderem den Rücktritt von Bundeskanzler Merz und seiner Regierung, eine Verschärfung der Migrationspolitik, die Abschaffung des “GEZ-Zwangsbeitrags” und eine “knallharte Politikerhaftung”, bei der Politiker auch strafrechtlich für vermeintlich falsche Entscheidungen verantwortlich gemacht werden können. Ein Punkt, der wegen des Grundgesetzes so nicht umsetzbar ist, dass die Funktionsfähigkeit des politischen Systems garantiert. "Wir verstehen uns als überparteiliche Bürgerbewegung und beurteilen politische Positionen unabhängig von Parteizugehörigkeiten", schreibt Baldauf.

Projekt-Gründer Baldauf marschiert mit Neonazis

Bei der letzten Demo von “Projekt M1llion” im sächsischen Plauen im August geriet jedoch auch eine rechtsextreme Gruppe in den Fokus. Die Kleinstpartei “Freie Sachsen” unterstützte den Protest, hatte ihre Anhänger zur Teilnahme aufgerufen und war auch mit einem Stand vor Ort, berichtet der MDR. Es waren auch Fahnen des Königreichs Sachsen zu sehen, wie sie von den rechtsextremen “Freien Sachsen” verwendet werden.

Fahnen und Schilder der rechtsextremen Partei "Freie Sachsen" beim Protestzug vom "Projekt M1llion" in Plauen

Fahnen und Schilder der rechtsextremen Partei "Freie Sachsen" beim Protestzug vom "Projekt M1llion" Anfang August in Plauen.

Bildquelle: Sebastian Willnow/dpa

Baldauf widerspricht auf WDR-Anfrage der Berichterstattung des MDR: Bei den Fahnen handele es sich "nicht um Fahnen der Partei „Freie Sachsen“." Es seien historische Fahnen des Königreichs Sachsen. "Entsprechende historische und wappenlose sächsische Landesfahnen sind keine Parteifahnen der Freien Sachsen. Diese Fahnen haben eine eigenständige historische Herkunft und existierten lange vor der Gründung der Partei", so Baldauf. Der Stand sei Teil einer unabhängigen Kundgebung der Partei gewesen, auch wenn er räumlich sehr nah errichtet worden war.

In Chemnitz lief Baldauf bei einem sogenannten Montagsspaziergang mit, der unter anderem von den "Freien Sachsen" organisiert wurde. Dort begrüßte er laut eigener Aussage Mitglieder der Partei per Handschlag - unter anderem den Parteivorsitzenden. Allerdings sei er nicht mit ihm "befreundet", betonte Baldauf im Interview mit der Zeitung "Freie Presse".

Rechtsradikale Unterstützer-Gruppen

In der Vergangenheit gab es bereits mehrere Demonstrationen und Kundgebungen von Gruppen, die für das "Projekt M1llion" geworben haben, wie das “Patriotische Bündnis CleanUp Crew Mönchengladbach” und “Bad Oeynhausen erhebt sich”. Letztere ist eine rechtsradikale Gruppierung , die offen Werbung für die heutige Demo in Bielefeld macht – mit eigenen Plakaten und Logo des "Projekts M1llion". Sie sucht in sozialen Medien immer wieder Kontakt zur rechtsextremen Partei "Die Heimat". Laut mehreren Medienberichten ist die Gruppe der Querdenker-Szene zuzuordnen.

Teilnehmende der Demo von "Gemeinsam stark" in Düsseldorf Ende August

Teilnehmende der Demo von "Gemeinsam stark" in Düsseldorf Ende August.

Bildquelle: Cedrik Pelka/WDR

Die Gruppe "Patriotisches Bündnis CleanUp Crew" in Mönchengladbach teilt unter anderem auf Telegram queerfeindliche Nachrichten und verwendet in ihren Videos rechtsextreme Lieder bekannter Nazis. Auf Facebook werden Beiträge der AfD reposted oder sogar zusammen mit der Partei erstellt.

Dass diese Gruppen das Logo verwenden und sich als Unterstützer sehen, hat für "Projekt M1llion"-Gründer Baldauf keine Relevanz. "Daraus folgt nicht automatisch eine organisatorische Zusammenarbeit oder eine inhaltliche Übereinstimmung mit jeder Person oder Gruppe, die unser Logo verwendet.” Extremismus- und Protestforscher Bastian Stock lässt diese Erklärung nicht gelten. "Das Projekt M1llion bietet eine Protestinfrastruktur und ruft für seine Positionen auf. Es trägt dadurch auch eine Mitverantwortung."

Projekt Million mit Verbindungen zu Rechtsextremen?

WDR 12.09.2026 41 Sek. Verfügbar bis 10.09.2028 WDR Online

Rechtsextreme Inhalte, queerfeindliche Symbole

WDR-Recherchen zeigen noch mehr Bezüge zu extremen Strömungen. In der eigenen Facebookgruppe “Einigkeit für Deutschland – Projekt M1llion” werden zum Beispiel Inhalte des vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Senders "Auf1.tv" geteilt. Die Postings erhalten dort hunderte Likes und Kommentare. Mehrere Mitglieder haben Symboliken in ihren Profilbildern wie z.B. die queerfeindliche Stolzflagge. Eine Userin schreibt “Nicht die Russen, sondern die Ukraine sind die Kriegstreiber.”

Auch hier weist Baldauf, der einer der Verantwortlichen der Gruppe ist, die Verantwortung weit von sich: “In unserer Facebook-Gruppe mit mehreren zehntausend Mitgliedern findet ein breiter politischer Diskurs statt. Die dort veröffentlichten Beiträge und Kommentare stammen nicht automatisch von Projekt M1llion und stellen nicht automatisch dessen Positionen dar.” Die Beiträge werden aber auch nicht gelöscht oder anders moderiert.

Parallelen zu "Corona-Demos"

Natürlich seien nicht alle Teilnehmenden der Demos Rechtsextremisten, betont Extremismusforscher Bastian Stock von der TU Dresden. Er sieht eher Parallelen zu Teilnehmenden von "Corona-Demos": "Die Menschen sind ja nicht einfach weg gewesen. In diesen neuen ,Sozialprotesten' vom Projekt Million haben sie eine Möglichkeit gefunden, sich wieder zu organisieren." Viele fühlten sich nicht gehört und hätten reale Probleme, sagt Stock. Doch sie müssten sich bewusst sein, mit wem sie zusammen demonstrieren.

Unsere Quellen:

  • Gespräche mit teilnehmenden der Demo in Düsseldorf von ”Gemeinsam Stark”
  • Interview mit Extremismus- und Protestforscher Bastian Stock von der TU Dresden
  • Interview mit David Kaiser von "Gemeinsam stark"
  • E-Mail von Marcel Baldauf auf die WDR-Anfrage
  • Telegram und Facebook-Auftritte von “Bad Oeynhausen erhebt sich” und der “CleanUp Crew MG”
  • Facebookgruppe von Projekt M1llion
  • Beobachtungen des WDR Reporters vor Ort
  • Berichterstattung des MDR
  • Internetseite vom Projekt M1illion
  • Deutsches Grundgesetz
  • Artikel von der "Freien Presse - Annaberger Zeitung"
  • Verfassungsschutzbericht

Sendung: wdr.de, Projekt M1illion: Wer heute in Bielefeld demonstriert, 12.09.2026, 05:00 Uhr

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