Westpol spezial - Brennpunkt Schule
Westpol. 05.07.2026. 29:27 Min.. UT. DGS. Verfügbar bis 05.07.2031. WDR.
Es ist heiß in der Mensa der Uhrschule in Moers an diesem Mittwoch. Das liegt nicht nur an der fehlenden Klimaanlage und der Hitze, die seit den Rekordtemperaturen Ende Juni im Gebäude sitzt, sondern auch an den vielen heißen Themen, die diskutiert werden. "Brennpunkt Schule" heißt diese Spezialausgabe der WDR-Sendung Westpol, die in der Grundschule vor einem Fachpublikum aus Lehrkräften, Eltern und ehemaligen Schülern aufgezeichnet wird. Moderator Henrik Hübschen will gleichmal von Schulleiterin Barbara Niephaus wissen, was sich unter Schulministerin Dorothee Feller (CDU) verbessert habe.
Was hat Feller seit 2022 verbessert?
Schulleiterin Barbara Niephaus im Gespräch mit Schulministerin Dorothee Feller
Das bringt die Schulleiterin ein wenig ins Schwitzen. Die Ideen und die Ansätze seien der richtige Weg, sagt Barbara Niephaus vorsichtig über ihre Dienstherrin. Mehr Lesen zum Beispiel mit der verbindlichen Lesezeit, das hätten sie schon vorher gemacht. Denn in der Uhrschule haben 80 Prozent der Kinder eine Zuwanderungsgeschichte. Die Schulleiterin ist froh, über das "Startchancen-Programm" von Bund und Ländern mehr Geld und Stellen für die Förderung der Kinder zu bekommen. Aber: Auf mehrere Stellenausschreibungen habe sich niemand beworben. Erst zum neuen Schuljahr könnten sie endlich eine sozialpädagogische Fachkraft einstellen, so die Schulleiterin.
Lehrkräftemangel nicht überall gleich
Dorothee Feller (CDU) in der Sendung "Westpol spezial: Brennpunkt Schule"
Beim Lehrkräftemangel kann die Ministerin keine schnelle Abhilfe versprechen: Dorothee Feller muss einräumen, dass sich die Schere zwischen Bedarf und Angebot an Grundschullehrkräften erst 2030 schließen werde. Es gebe Regionen im Land, die heute schon ganz passabel ausgestattet seien. "Und wir haben Regionen, da gehört das Ruhrgebiet oder Teil des Ruhrgebiets dazu, aber auch andere Regionen, Sauerland, Eifel, Bergisches Land, wo uns junge Menschen schlichtweg sagen, da wollen wir nicht hin", so Feller.
Feller verteidigt Abordnungen von Lehrkräften
Längst greift das Land deshalb zu unangenehmen Maßnahmen wie der Abordnung von Lehrkräften: Diese werden dann angewiesen, dort zu arbeiten, wo sie gebraucht werden. Pendeln inklusive: "Ich schicke ja keinen von Detmold nach Aachen", so Feller, aber von Münster nach Gelsenkirchen, das ginge eben schon. An Grundschulen sind derzeit gut 3.000 Stellen für Lehrkräfte unbesetzt. Dabei bräuchten die Grundschulen mehr Personal, um die Kinder in kleineren Gruppen fördern zu können, schiebt Schulleiterin Barbaa Niephaus nach.
Einem Drittel der I-Dötzchen fehlen Voraussetzungen bei Einschulung
Westpol-Moderator Henrik Hübschen an der Uhrschule in Moers
Eine Herausforderung: Viele Kinder in Moers sprechen bei der Einschulung kein Deutsch. Landesweit fehlen einem Drittel der Kinder bei der Anmeldung zur Grundschule die nötigen Voraussetzungen - nicht nur sprachlich, auch motorisch. Deshalb muss mehr im Vorschulbereich passieren – da sind sich alle Teilnehmer in Westpol spezial einig. Die Landesregierung hat deshalb entschieden, die Anmeldung zur Einschulung um ein halbes Jahr vorzuziehen und für Kinder mit Schwierigkeiten eine Art Vorschulpflicht einzuführen. Sie sollen im Jahr vor der Einschulung verpflichtend zweimal pro Woche zwei Stunden lang in so genannten ABC-Klassen gefördert werden. Vier Stunden pro Woche - das sei eigentlich zu wenig, aber für mehr fehle das Personal, da müsse man ehrlich sein, sagt Feller.
Kita-Eltern wollen keine ABC-Klassen, sondern Förderung in Kitas
Manche Mütter wie Daniela Heimann aus Mülheim an der Ruhr finden den Weg falsch. Sie hat zwei Töchter, eine in der Grundschule, die andere noch in der Kita. Deshalb engagiert Daniela Heimann sich auch im Landeselternbeirat der Kitas (LEB NRW). Der fordert statt der an den Schulen angedockten neuen ABC-Klassen ein sogenanntes Chancenjahr direkt in Kindertageseinrichtungen. Feller kontert: Auch die Kitas könnten nicht alle fördern und belegt es mit Zahlen. Nur sieben Prozent der Kinder würden im Vorschuljahr nicht in die Kita gehen, aber 33 Prozent der Kinder würden Voraussetzungen für die Schule fehlen. Für Daniela Heimann liegt das allerdings auch daran, dass die Landesregierung finanziell nicht genug für die Kitas tue.
Mutter Daniela Heimann fragt Schulministerin Feller zu ABC-Klassen | Westpol
05:22 Min.. Verfügbar bis 03.07.2028.
Mehr Entwicklungsstörungen: Liegt es am Tablet?
Neben den Sprachschwierigkeiten wächst auch die Zahl der Kinder mit einem besonderen Förderbedarf. Im Bereich der geistigen Entwicklung sei die Zahl in den letzten zehn Jahren um 86 Prozent gestiegen, berichtet die Schulministerin. Um die Gründe hinter dem Anstieg zu erforschen, haben die Bildungs- und Gesundheitsminister Länder beschlossen, gemeinsam ein Gutachten in Auftrag zu geben. Feller hat allerdings bereits einen Verdacht: Dass kleine Kinder von den Eltern schon früh ein Tablet zum Spielen bekämen und die Gehirne der drei- oder fünfjährigen Kinder zum Beispiel die schnelle Bildfolge noch gar nicht verarbeiten könnten.
Mangel an Sonderpädagogen
An der Uhrschule in Moers unterrichten sie schon lange Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam in den Klassen. Den Rechtsanspruch auf Inklusion gibt es in NRW seit 2013. Dennoch ist das Thema nach wie vor ein heißes Eisen, auch im Gespräch mit der Ministerin. Denn es fehlen Sonderpädagogen wie Verena Sievert. Jetzt müsse man zum neuen Schuljahr sogar noch an einer anderen Schule aushelfen, weil dort gar keine Sonderpädagogen seien, beschreibt ihre Schulleiterin die ganze Misere. Feller räumt den Mangel ein. Gerade sei man dabei, dass Studium Sonderpädagogik attraktiver zu machen. Auch sei die Zahl der Studienplätze erhöht worden. Doch diese Versprechen in die Zukunft helfen aktuell wenig. Weshalb Sonderpädagogin Verena Sievert die Ministerin fragt, ob die Grundschule wirklich der geeignete Förderort sei.
Sonderpädagogin Verena Sievert fragt Schulministerin Feller zu Inklusion | Westpol
01:44 Min.. Verfügbar bis 04.07.2028.
Ausstattung der Grundschulen teils von Kommunen abhängig
Der Düsseldorfer Grundschulleiter Kornelius Knettel lenkt die Debatte noch in eine andere Richtung. Seit fünf Jahren arbeitet seine Schule, die im sozial benachteiligten Stadtteil Oberbilk liegt, als Familiengrundschulzentrum. So habe man viele Eltern mit ins Boot holen können. Doch jetzt wird auch in Düsseldorf das Geld knapp und dem Projekt droht das Aus. Der Schulleiter versteht nicht, warum es keine dauerhafte Finanzierung vom Land gibt. Da weicht Feller aus, verweist auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten. Die meisten Familiengrundschulzentren würden - wie in Knettels Fall - von den Kommunen finanziert. Das Land unterstütze selbst bisher nur 54 solcher Einrichtungen, plane aber im kommenden Schuljahr die Zahl zu verdoppeln.
Grundschulleiter Kornelius Knettel fragt Schulministerin Feller zu Familiengrundschulzentren | Westpol
01:33 Min.. Verfügbar bis 04.07.2028.
Ministerin nimmt sich viel Zeit – Eltern bieten Dialog an
Die Uhrschule in Moers, Aufzeichnungsort von "Westpol spezial: Brennpunkt Schule"
Auch wenn die Ministerin statt der geplanten Stunde am Ende sogar eineinhalb Stunden Rede und Antwort stand: Am Ende konnten nicht alle Gäste ihre Fragen loswerden. Und die Antworten der Ministerin empfanden nicht alle als zufriedenstellend. Mutter Daniela Heimann fragt sich hinterher, ob der Lehrkräftebedarf für die neuen ABC-Klassen ab 2028 wirklich gedeckt werden kann. Als Vertreterin der Kita-Eltern bietet sie Dorothee Feller an, weiter im Gespräch zu bleiben. "Können wir gerne machen", reagiert die Ministerin. Schulleiterin Barbara Niephaus hebt hervor, dass die Ministerin sich deutlich mehr Zeit genommen habe, deutlich mehr als geplant. Das habe sie als sehr wertschätzend empfunden.
Unsere Quellen:
- Aufzeichnung Sendung Westpol spezial
- Schulministerium NRW
- Landesbetrieb IT.NRW
- Landtagsdokumente
- eigene Recherchen und Reporter vor Ort
Sendung: WDR Fernsehen, Westpol spezial - Brennpunkt Schule, 05.07.2026, 19:30 Uhr
WDR Fernsehen, WDR aktuell, Lernschwierigkeiten: Feller macht frühen Medienkonsum mit verantwortlich, 05.07.2026, 12:45 Uhr
WDR.de, Fragen an Schulministerin Feller, 05.07.2026, 05:00 Uhr
WDR.de, Lernschwierigkeiten: Feller macht frühen Medienkonsum verantwortlich, 05.07.2026, 05:00 Uhr
