60 Töchter schreiben Merz: Warum jetzt? Was muss sich ändern?
Aktuelle Stunde . 28.10.2025. 35:17 Min.. UT. Verfügbar bis 28.10.2027. WDR. Von Henry Bischoff.
Gewalt gegen Frauen: Männer sind die Bedrohung - unabhängig vom Ort
Stand:
Frauen fordern von Kanzler Merz in einem "Offenen Brief" mehr Sicherheit - auf der Straße und zu Hause. Wo ist die Bedrohung für sie am größten? Und was macht einen "Angstraum" aus?
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Jetzt mitdiskutierenDie von Friedrich Merz (CDU) angestoßene "Stadtbild"-Debatte geht in die nächste Runde. Nun haben unter anderem 60 Frauen aus Kunst, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft den Bundeskanzler in einem Offenen Brief dazu aufgefordert, sich verstärkt für die Sicherheit von Frauen einzusetzen. Zuerst hatte der "Spiegel" berichtet.
Offener Brief an Merz: Wo Frauen sicher sein sollen
"Wir möchten gerne über Sicherheit für Töchter, also Frauen sprechen. Wir möchten es allerdings ernsthaft tun, und nicht als billige Ausrede dienen, wenn rassistische Narrative gerechtfertigt werden sollen", heißt es im Text. Das dürfte eine Anspielung darauf sein, dass Merz das Stadtbild direkt mit der Migrationspolitik seiner Regierung verknüpfte - und dass er auf Nachfrage erklärte "Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte".
Ricarda Lang (Grüne)
Klimaaktivistin Luisa Neubauer, Publizistin Marina Weisband und Grünen-Politikerin Ricarda Lang gehören zu den Unterzeichnerinnen des offenen Briefes an Merz. Lang sagte am Dienstag dem WDR, die Kritik am Kanzler habe sie als richtig empfunden. Frauen seien vorgeschoben worden, um die eigene Politik zu rechtfertigen. Sie will es aber nicht bei Empörung belassen: "Lasst uns nicht bei Sprachkritik stehen bleiben, sondern lasst uns über konkrete Maßnahmen reden."
"Über konkrete Vorschläge reden" - das begrüßte am Mittwoch im WDR-Interview auch Nina Warken (CDU), die nicht nur Bundesgesundheitsministerin ist, sondern auch Bundesvorsitzende der Frauen-Union in ihrer Partei.
Nina Warken, Bundesvorsitzende der Frauen-Union
Ihren Parteivorsitzenden Merz verteidigte Warken gegen Kritik: "Er ist sich des Problems in der ganzen Breite bewusst", sagte sie zum Vorwurf, er mache nur ausländische Männer ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus dafür verantwortlich, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit unsicher fühlen. Dem Kanzler sei bewusst, dass Gewaltkriminalität auch von Deutschen ausgehe.
Die Unterzeichnerinnen des Briefs an Merz machen sich für "einen öffentlichen Raum, in dem sich alle Menschen wohlfühlen" stark. Frauen sollen auf der Straße und im eigenen Zuhause sicher sein. Aber wie sicher sind Frauen in diesen Räumen? Und was macht "Angsträume" aus, in die sich Frauen nicht mehr trauen?
Gefühlte Bedrohungen in "Angsträumen"
Aus Sicht der Polizei ist der Begriff "Angsträume" zumindest für ihre Arbeit irrelevant: "Für uns sind Kriminalitäts-Brennpunkte entscheidend", so ein Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) am Dienstag auf WDR-Anfrage. In "Angsträumen" gebe es gefühlte Bedrohungen, was nicht zwingend mit Kriminalität zu tun habe, die dort tatsächlich stattfinde.
"Angsträume sind öffentliche städtische Räume, die ein Unsicherheitsgefühl hervorrufen." Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak
Da verstärkt Präsenz zu zeigen, wo in der Vergangenheit bereits häufiger etwas passiert ist, erscheint sinnvoll. Es hilft der Frau, die im Dunkeln alleine auf schlecht beleuchteten Wegen unterwegs ist, aber nicht zwangsläufig dabei, kein Gefühl der Unsicherheit zu entwickeln.
Nach Angaben des Bundeskriminalamts geschahen die meisten Gewaltverbrechen 2024 an "sonstigen öffentlichen Straßen, Wegen und Plätzen" (29,4 Prozent) und der "Wohnung" (22,3 Prozent). Dass Frauen durch Gewalt stärker bedroht sind, wird deutlich, wenn man auf die "häusliche Gewalt" blickt. Da waren 2024 in NRW bei Partnerschaftsgewalt 80,6 Prozent der 42.045 Opfer weiblich, bei der innerfamiliärer Gewalt waren es immerhin noch 55 Prozent der 24.709 Opfer.
Häusliche Gewalt: Für Frauen am gefährlichsten ist ein bekannter Mann
"Häusliche Gewalt" und "Wohnung" sind dabei laut LKA nicht gleichzusetzen. Partnerschaftsgewalt finde auch im öffentlichen Raum statt, etwa wenn Frauen von Ex-Partnern bedroht werden. Für Frauen am gefährlichsten ist also ein Mann - in der Regel kein Unbekannter, sondern einer, den die Frau kennt.
"Dunkelheit und schlechte Beleuchtung spielen eine ganz große Rolle." Cornelia Ehmayer-Rosinak zur Angst im öffentlichen Raum
Cornelia Ehmayer-Rosinak
Welche öffentlichen Räume für Frauen unabhängig von konkret drohenden Gefahren problematisch sind, macht die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak im WDR-Gespräch an bestimmten Faktoren fest. Sie unterrichtet an der Universität in Wien im Bereich Stadt- und Umweltpsychologie und legt in ihrer Arbeit quasi "eine Stadt oder einen Ort auf die Couch". Dabei hat sie entscheidende Faktoren für "Angsträume" identifiziert - auch wenn sie selbst den Begriff nicht verwendet, weil er Orte zu sehr stigmatisiere:
- Dunkelheit und schlechte Beleuchtung
- Unübersichtlichkeit - schlecht einsehbare Orte
- Einsame Orte
- Wenn man alleine unterwegs ist
Zudem weist die Expertin darauf hin, dass Menschen im Alter ängstlicher werden. Durch Studien belegt sei zudem, dass Männer eher Angst auslösen: "Das gilt für Männer und Frauen. Wenn in der Stadt beispielsweise eine Gruppe Männer hinten ihnen herläuft, haben beide mehr Angst, als wenn eine Gruppe Frauen hinter ihnen herläuft", sagt Ehmayer-Rosinak.
Dass es die gefühlte Angst gebe, ist unstrittig. Doch auch die Psychologin betont, dass die Frau im öffentlichen Raum viel weniger Gewalt zu fürchten habe als in der Familie: "Die Gefährlichkeit eines öffentlichen Raums wird überschätzt", was teilweise auch an der medialen Aufmerksamkeit für "Angsträume" liege. Um dies zu verdeutlichen, bietet Ehmayer-Rosinak unter anderem Empirische Stadtspaziergänge an, auf denen die Stärken von "Unorten" erfahrbar werden sollen.
Die Wahrscheinlichkeit auf Räume zu treffen, die Angst machen, sei in Städten größer als auf dem Land. Denn dort gebe es mehr Menschen und somit auch mehr Möglichkeiten, wo man unsicher wird. Letztlich sei Angst individuell aber sehr unterschiedlich, und auch das kleine Dorf, in dem nachts gar nichts mehr los ist, könne Ängste auslösen.
Expertin rät dazu, einen Ort nicht zu stigmatisieren
Angst ist nicht unbedingt rational, was auch der Blick in die Kriminalitätsstatistik nahelegt. Trotzdem muss man Ängste von Menschen ernst nehmen, und viele der Lösungsvorschläge zur Beseitigung von "Angsträumen" sind bekannt. Eine "gute Beleuchtung" oder auch "Messerverbotszonen" könnten helfen, seien alleine aber nicht die Lösung. Laut Ehmayer-Rosinak müsse man sich jeden Ort genau anschauen.
Es brauche die Polizei, die Sozialarbeit und die Menschen in der Nachbarschaft eines "Angstraums": "Bei unsicheren Orten muss man dranbleiben. Eine Art Wundermittel ist die richtige Krisenkommunikation." Die beinhalte, dass man alle einbeziehe und einen Ort "nicht stigmatisiere, ohne dabei jedoch Dinge schönzureden, die nicht schön sind", sagt die Psychologin.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit der Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak
- WDR-Interview mit Nina Warken (CDU), Bundesgesundheitsministerin und Bundesvorsitzende der Frauen-Union
- WDR-Interview mit Ricarda Lang (Grüne)
- WDR-Gespräch mit dem Landeskriminalamt NRW
- Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 des BKA
- Lagebild Häusliche Gewalt der Polizei NRW
Über dieses Thema berichtet der WDR am 29.10.2025 auch im WDR 5 Tagesgespräch um 12.10 Uhr.
3 Kommentare
Kommentar 3: Anonym schreibt am 31.10.2025, 08:18 Uhr :
Es wird immer nur alles für Frauen getan. Männer bleiben bei ihren Problemen immer nur zurück. Gegen sie wird gehetzt wie verrückt. Immer mehr Männer sind von häuslicher Gewalt betroffen, werden ermordet weil sie Männer sind (Androzid). Aber alles was der Welt einfällt: MÄNNER!
Kommentar 2: Gerhard Dufner schreibt am 30.10.2025, 13:18 Uhr :
Diesen offenen Brief von bekannten Frauen ist richtig. Herr Merz hätte wesentlich differenzierter das Problem von vielen Frauen ansprechen müssen, denn in den meisten Fällen geht die Gewalt von Männern aus, egal welcher Herkunft. Leider auch von vielen deutschen Männern, die keinen Anstand, Achtung und Respekt gegenüber Frauen haben, ihre Macht nutzen, ihr Besitzdenken nicht ablegen, und sich nicht wie charakter- starke Männer präsentieren, die immer respektvoll und auch sensibel mit anderen Menschen, vor allem Frauen umgehen. Nicht alleine Stärke machen einen Mann aus, sondern der gesamte Umgang mit anderen Menschen, der immer anständig, höflich und verständlich sein sollte ! Auch sollte es selbstverständlich sein, selbst in einer Gruppe sich gegen Belästigungen, Beleidigungen und Angriffen schlichtend zu stellen, und Achtsamkeit und Respekt ein zu fordern, deeskalierend seine Stärke als Mensch zu zeigen und Vorbild sein !
Kommentar 1: Andi schreibt am 30.10.2025, 08:00 Uhr :
absolutes aufhetzen in Rheinkultur..... nicht nur Konservativ gegen LINKS wird Hetze betrieben . jetzt auch MAL WIEDER Frauen gegen Männer ... Den Keil in Gesellschaft treiben , hat ja System. Jeden gegen Jeden AUFHETZEN , damit sich 1989 ja nicht wiederholt . hier soll sich keiner mit irgendjemanden zusammentun , sonst bricht das politische System , was schon lange kaputt und fertig ist zusammen . Die Politiker fürchten nichts mehr als Bürger , bzw das Volk. Weil das Volk ist mehr als die paar Politiker und deren Helfershelfern .