Aaron Ziercke, Trainer von GWD Minden

"Kein Kanonenfutter": Trainer Ziercke über Mindens guten Saisonstart

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GWD Minden trotzt als Aufsteiger in der Handball-Bundesliga den Prognosen vieler Experten. Trainer Aaron Ziercke spricht im Interview über die Gründe für den guten Saisonstart. Den kommenden Gegner aus Gummersbach (Freitag, 20 Uhr) sieht Ziercke als Vorbild für den eigenen Verein.

WDR.de: Herr Ziercke, Sie haben mit GWD Minden beim Mitaufsteiger aus NRW, dem Bergischen HC, mit 30:23 gewonnen. Waren Sie überrascht, wie klar Ihre Mannschaft überlegen war?

Aaron Ziercke: Für mich war überraschend, wie dominant wir zwischenzeitlich aufgetreten sind. Ich hatte eigentlich ein knappes, umkämpftes Spiel erwartet. Bis auf die Anfangsphase haben wir das Heft des Handelns in die Hand genommen. Die letzten 45 Minuten haben wir das Spiel im Griff gehabt. Egal was der BHC versucht hat - wir hatten immer eine Antwort, eine Lösung parat.

Ich wusste nach den Spielen zuvor schon, dass meine Mannschaft in der Lage ist, vernünftigen Handball zu spielen - trotz der Verletzten, die wir haben. Aber dass wir es in dieser Qualität abrufen können, hat mich sehr gefreut, aber auch ein bisschen verwundert.

Wie bewerten Sie den Saisonstart generell? Sie haben mit ihrem Team drei Punkte geholt (ein Sieg, ein Remis und zwei Niederlagen)?

Für uns war das Problem, dass wir quasi sieben Tage vor Saisonstart eine Situation hatten, in der mal eben vier wichtige Spieler wegen Verletzungen weggebrochen sind (Morten Hempel, Daniel Astrup, Alexander Weck und Jakub Sterba, Anm. d. Red.). Ich musste dann innerhalb einer Woche neue Lösungen entwickeln, neue Mechanismen und Abläufe einstudieren.

Da fängt man bei Null an und denkt schon: Was kann man jetzt überhaupt leisten? Mir war klar, dass die Jungs alles investieren, eine super Moral und Charakter haben. Aber die handballerische Leistung konnte man zu Saisonbeginn überhaupt nicht einsortieren. Dass das dann in den ersten Spielen so gelingt, da hat, glaube ich, keiner mit gerechnet.

Karolis Antanavicius vom Bergischen HC

Karolis Antanavicius, bester Torschütze bei GWD Minden

Wir sind im Vorfeld ganz klar als Aufsteiger Nummer eins gehandelt worden, bei den Experten ging es ja nur darum, wer zusammen mit GWD absteigt. Da sind wir mit den 3:5 Punkten gut gestartet. Aber mehr ist es dann auch nicht, weil drei Punkte am Saisonende nicht für den Klassenerhalt reichen werden.

In der Tabelle sind Sie 14. Ist das eine Position, mit der Sie am Ende der Saison einverstanden wären? Spiegelt das die Leistungsfähigkeit wider?

Das ist jetzt noch schwer zu sagen. Für mich ist wichtig, dass wir über dem Strich stehen, für mich ist wichtig, dass wir kein Kanonenfutter sind, wie es manche gesagt haben. Das ist viel wichtiger, als auf unsere Platzierung zu schauen.

Die Jungs haben sich schnell adaptiert an die Liga, sie haben in einer unheimlich kurzen Zeit wirklich Entwicklungsschritte gemacht. Wir sind trotz der Verletzten konkurrenzfähig. Und dann kommen Ende Oktober, Anfang November, verletzte Spieler zurück, dann gewinnen wir nochmal Klasse dazu. Dann sehe ich uns gerüstet, nächstes Jahr im Juni über dem Strich zu stehen.

Ein leidiges Thema ist eure Halle, die Kampa-Halle, die sie bis auf Weiteres nicht nutzen können, da die Sanierung noch nicht abgeschlossen ist. So müssen Sie weiterhin in Lübbecke spielen. Inwieweit beeinflusst und stört Sie diese Situation als Trainer?

Man könnte natürlich nach Ausreden suchen: Wir können nicht in der Kampa-Halle spielen, wir haben so viele Verletzte. Ich habe meinen Jungs aber gesagt: Nein Leute, es ist entscheidend, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir können sie nicht ändern. Und je weniger Energie wir für diese Nebenschauplätze verschwenden, umso mehr Energie haben wir für die Spiele.

Die Kampa-Halle in Minden in der Außenansicht

Die Kampa-Halle in Minden in der Außenansicht (hier im Jahr 2021)

Ich weiß auch nicht, ob wir im Dezember reinkönnen, ob wir im Januar reinkönnen, oder ob wir erst im März reinkönnen. Wir tun gut daran, uns einfach auf unseren Job zu konzentrieren - und das ist Handball spielen, das möglichst erfolgreich.

Am Freitag spielen Sie gegen den stark in die Saison gestarteten NRW-Rivalen aus Gummersbach (20 Uhr). Was erwarten Sie für ein Spiel?

Das ist für uns ein Bonusspiel. Ich muss wirklich sagen, die Leistung, die Gummersbach jetzt abgerufen hat, die war wirklich beeindruckend. Gerade jetzt am Wochenende beim Spiel gegen Berlin, aber auch davor schon. Die körperliche Präsenz, die sie zeigen, jeder kann Zweikämpfe gewinnen, vorne und hinten - das ist schon sehr, sehr stark, was Gummersbach da zeigt. Und dann hat mein Kollege (Gummersbachs Trainer Gudjon Sigurdsson, Anm. d. Red.) auch die entsprechende Kaderbreite, um zu rotieren.

Wir werden dennoch versuchen, so viel Sand wie möglich ins Getriebe des Gummersbacher Spiels zu streuen. Wir wollen ein unangenehmer Gegner sein. Aber wenn das Spiel einen normalen Verlauf nimmt, hat Gummersbach einfach die bessere Mannschaft.

Ist Gummersbach, das vor drei Jahren ebenfalls zurück in die 1. Liga aufgestiegen ist und sich mittlerweile absolut etabliert hat, sowas wie ein Vorbild für GWD Minden?

Ja. Gummersbach ist auch abgestiegen, hat dann auch zwei Jahre in der 2. Liga gespielt, hat sich konsolidiert, hat die Kaderstruktur verändert, hat an der Infrastruktur was verändert - und dann Stück für Stück eine Mannschaft aufgebaut. Sie haben alles auf solide Beine gestellt. Sie haben an allen Ecken und Enden geschaut, wo man was verbessern kann, und haben das in den letzten Jahren extrem gut gemacht.

Ich würde mir wünschen, dass wir das auch schaffen. Bei uns sah es zwischenzeitlich, wir waren Vorletzter in der 2. Liga, ganz finster aus. Dann haben wir doch relativ souverän die Kurve bekommen und angefangen, den Kader umzustrukturieren. Wir haben eine Teamchemie und eine Teamstruktur aufgebaut, die im letzten Jahr erfolgreich war. Und natürlich möchte man sich immer weiterentwickeln, aber da gehören viele Dinge zu: Sponsoring, weitere Umstände wie die Halle.

Wir sind gerade dabei, das Sportliche zu steuern und unseren Teil beizutragen. Und dann muss man sehen, was man an den anderen infrastrukturellen Stellschrauben machen kann. Aber wir wünschen uns das natürlich, dass man sich mittelfristig auch wieder als etablierter Bundesligist präsentiert.

Unsere Quelle:

  • WDR-Gespräch mit Aaron Ziercke

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