In vielen Städten ist der Wohnungsmarkt ohnehin schon angespannt.
Bildquelle: dpa/Oliver BergAktuell fehlen in NRW 360.000 Wohnungen, wie das Pestel-Institut für Wohnungsmarktforschung ermittelt hat. In den Ballungsgebieten wie Köln, Düsseldorf, im Ruhrgebiet oder auch im Regierungsbezirk Münster kann der Wohnungsneubau nicht Schritt halten mit dem steigenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum.
Schreckt die Enteignungsdebatte Investoren ab?
Eine der zentralen Fragen, die sich dann stellen: Wie würden die Immobilienkonzerne entschädigt? Zum Marktwert der Wohnungen, was zum Beispiel in Berlin den Haushalt sprengen würde, oder weit darunter? Das würde wohl wiederum zu einem Rechtsstreit führen und für jahrelange Unsicherheit sorgen. Das könne der Markt jetzt gar nicht gebrauchen, warnt MichaelVoigtländer. Er ist Immobilienökonom beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.
"Diese Unsicherheit - das könnte sich dann auch auf andere Standorte übertragen. Wenn so eine Diskussion dann anfängt, dass man sagt: Soll ich denn jetzt noch in Düsseldorf bauen oder in Köln bauen, wenn möglicherweise eine solche Enteignung droht." Michael Voigtländer, Immobilienökonom beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW weist auf ein anderes Problem bei einer möglichen Vergesellschaftung von Vonovia und Co hin: "Davon profitieren ja nur die Menschen, die in diesen Wohnungen leben. Was ist mit den 90 Prozent der Menschen, die in anderen Wohnungen leben, die dann eventuell sogar höhere Mietpreise haben? Also man muss das mitdenken."
IW-Ökonom Voigtländer sieht zudem noch eine weitergehende Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland: "Wenn wir anfangen, die Unternehmen zu enteignen, dann werden auch andere Investoren hinterfragen, lohnt sich noch eine Investition in Deutschland? Insofern ist das ein sehr gefährliches Instrument für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt."
Fehlender Wohnraum belastet den Arbeitsmarkt
Allerdings drückt das Problem auch von der anderen Seite auf den Wirtschaftsstandort - in einigen Großstädten finden Unternehmen inzwischen kein qualifiziertes Personal mehr, weil das wiederum keinen bezahlbaren Wohnraum findet.
Voigtländer setzt darauf, dass Baukosten gesenkt werden. Zum Beispiel durch schnellere Genehmigungsverfahren oder industrielle Vorfertigungen, die das Bauen effizienter machen.
Vonovia bietet sich als konstruktiven Gesprächspartner an und sieht sich als Teil der Lösung, um den Wohnungsmarkt in Berlin ebenso wie in den Ballungsgebieten von NRW durch Neubau und bezahlbare Mieten zu entspannen, teilt der Konzern dem WDR mit und weist darauf hin: "Enteignung schafft keine einzige neue Wohnung."
Sollte die Linke nach ihrem Wahlerfolg in Berlin die Enteignung großer Immobiliengesellschaften vorantreiben, könnte das auch in NRW dazu führen, dass sich Bürgerinitiativen bilden und ähnliche Forderungen stellen, sagt Michael Voigtländer.
Derzeit keine Debatte um Enteignung in NRW-Koalition
In der nordrhein-westfälischen schwarz-grünen Koalition spielen Enteignungsgedanken überhaupt keine Rolle. Das Problem wird trotzdem größer. Gerade bei jungen Wählerinnen und Wählern, für die die Wohnungssuche ein immer drängenderes Thema ist. Gerade sie hat die Linke in Berlin damit angesprochen.
Die Lage für Vonovia und auch andere Immobilienkonzerne wird mit dem steigenden Zinsniveau zudem nicht einfacher. Die Zeiten, in denen wegen geringer Zinsen viel Geld in Immobilien geflossen ist, sind vorbei.
Kaufen statt enteignen: Die Alternative zur Vergesellschaftung
Matthias Günther vom Pestel-Institut für Wohnungsmarktforschung schlägt einen ganz anderen Weg vor: Der Staat sollte nicht enteignen, sondern Vonovia einfach kaufen. In einer Art freundlicher Übernahme an der Börse.
„Der Bund hätte sofort 470.000 Wohnungen, die er künftig sozialverträglich bewirtschaften könnte.“ Matthias Günther vom Pestel-Institut für Wohnungsmarktforschung
Die Bundesregierung müsste sich nicht mit einem Bundesgesetz befassen, dass Enteignungen bei Wohnungen verhindern soll, auch würde das Problem eines jahrelangen Rechtsstreits und der damit verbundenen Unsicherheit umgangen.
Eine solche Übernahme würde zwar viel Geld kosten, aber andererseits fließen derzeit auch in erheblichem Maß staatliche Mittel in den Wohnungsmarkt, einerseits durch Wohngeld, andererseits durch hohe Subventionen von sozialem Wohnungsbau.
Da frage ich mich schon: Warum baut der Staat dann nicht gleich selber? Dann hat er die Wohnungen dauerhaft, anstatt eben dort jetzt 60 oder 66 Prozent reinzugeben. Dann gehen doch wieder spätestens nach 35 Jahren die Belegungsrechte weg und man muss eigentlich wieder neu bauen. Matthias Günther vom Pestel-Institut für Wohnungsmarktforschung
Auch wenn der Druck durch die Wahlen größer werde, bezweifelt Matthias Günther, dass die Bundesregierung einen solchen Schritt erwägt.
Quellen:
- Interview mit Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
- Interview mit Mario Voigtländer, Institut der deutschen Wirtschaft
- Interview mit Matthias Günther, Pestel-Institut für Wohnungswirtschaft
- WDR-Anfrage bei Vonovia
- dpa
Sendung: WDR.de, Können Immobilienkonzerne enteignet werden?, 21.09.2026, 18:01 Uhr