Eine Kirschessigfliege dringt in eine Kirsche ein.
Immer mehr Schädlinge : Pfui! Warme Temperaturen machen Obst und Gemüse eklig
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Land- und Forstwirte sind besorgt, Imker ebenso. Durch den Klimawandel finden Schädlinge aus dem Süden Europas und aus Asien mittlerweile in NRW gute Überlebensbedingungen. Invasive Insekten haben sich dieses Jahr in NRW weiter ausgebreitet. Sie sind nicht nur schwer zu bekämpfen, sondern verpassen Kirschen einen fiesen Essiggeschmack, saugen den Saft aus Rübenblättern und töten heimische Bienen.
Im Märkischen Kreis und im Kreis Soest haben vor allem die Kartoffel- und Zuckerrüben-Bauern Sorgen. Dort wurden die ersten Glasflügelzikaden in diesem Gebiet nachgewiesen. Sie sind aus Südeuropa erst nach Österreich und Frankreich eingewandert. Jetzt ziehen sie weiter nach Norden und haben NRW erreicht. Die Zikaden stechen die Blätter von Möhren, Zuckerrüben, und Kartoffelpflanzen an. Dadurch verlieren die Pflanzen Wasser und die Früchte werden gummiartig weich.
"Bisher gibt es keine wirkungsvolle Methode, um die Zikaden zu bekämpfen." Ulrich Brinckmann, Kreislandwirt aus Iserlohn.
Breit wirkende Insektizide würden neben den Zikaden zu viele Nützlinge töten. "Wir könnten die Larven theoretisch bekämpfen, aber dafür müssten wir nachweisen, dass die Tiere bei uns angekommen sind", beschreibt Brinckmann das Dilemma. Denn bisher gibt es für die invasive Art noch keine anerkannte Methode, um sie für eine vorbeugende Bekämpfung großflächig zählen zu können. Denn erst ab einem Schwellwert dürfen Pflanzenschutzmittel vorbeugend eingesetzt werden.
Ulrich Brinckmann, Kreislandwirt aus Iserlohn kämpft gegen Zikaden auf dem Acker
Landwirtschaftskammer setzt auf Vorbeugung
In der Landwirtschaftskammer NRW befasst sich Gerhard Renker mit den invasiven Insekten. Er leitet den Sachbereich Pflanzengesundheit. Das klingt für den Laien schnell nach der Erfindung neuer Insektengifte, aber Renker sucht nach anderen Lösungen.
"Die Zeiten des einfachen Griffs auf Insektizide sind vorbei", so Gerhard Renker. "Wir setzen eher auf vorbeugende Maßnahmen, wie gesundes Saatgut, gesunde Jungpflanzen und gesunde und gut gewässerte Böden. Das gilt es zu fördern." So sollen Landwirte ihre Pflanzen auf ihren Rüben- und Kartoffel-Feldern widerstandsfähig machen, vor allem gegen die Zikaden.
Sexual-Duftstoffe verwirren Schädlinge
Obstbauern kämpfen unterdessen gegen die Kirschessigfliege, die über Italien nach Deutschland kam. Ihr Name ist Programm. Die Fliegen bohren sich in Kirschen, Himbeeren und andere rote Beeren. Ihre Larven verwandeln den süßen Geschmack der Früchte in sauren Essig. Damit das nicht passiert, schützen die Landwirte ihre Pflanzen mittlerweile mit Netzen.
Um die Ausbreitung der Kirschessigfliegen einzudämmen greifen sie zu einem Trick. "Wir setzen Sexual-Duftstoffe rund um die Plantagen ein", erklärt Gerhard Renker von der Landwirtschaftskammer NRW. "So verwirren wir die Fliegen. Sie finden ihre eigentlichen Sexualpartner nicht mehr und das dämmt die Fortpflanzung ein."
Starke Ausbreitung der Asiatischen Hornisse
Imker sind dieses Jahr besonders besorgt. Die Asiatische Hornisse tötet heimische Bienen. Und diese Hornisse hat sich dieses Jahr sehr stark ausgebreitet. Der Bonner Imker Klaus Maresch ist Experte für das Entfernen der Hornissen-Nester.
"Ich wurde dieses Jahr schon zu 125 Fällen gerufen. Das ist fünfmal mehr als im Jahr davor." Klaus Maresch, Imker Bonn
Ob der Klimawandel dafür verantwortlich ist, sei aber fraglich, meint er und erzählt von einem unangenehmen Erlebnis: "Ich habe bei Minustemperaturen einmal ein Nest abgenommen und in mein Auto gelegt. Ich dachte, die Hornissen seien eingefroren und tot. Doch durch die Wärme im Auto wurden sie wieder wach und schwirrten dann im Auto umher."
Imker Klaus Maresch entfernt Nester der Asiatischen Hornisse
Maresch arbeitet zusammen mit Imkern aus ganz NRW und anderen Teilen Deutschlands an einem neuen Meldesystem für die Nester der Asiatischen Hornissen. Damit sollen Hausbesitzer und Mieter übers Internet schneller Hilfe von Fachleuten bekommen. "Je mehr Nester wir schnell entfernen, desto besser können wir die gefährliche Ausbreitung eindämmen", erklärt der Imker.
Hilft der Klimawandel auch einheimischen Insekten?
Während invasive Arten von den warmen Temperaturen profitieren, hoffen einige Forscher auch darauf, dass sich der Bestand heimischer Insekten wieder erholt. Ehrenamtliche Insektenkundler des Entomologischen Vereins Krefeld fanden in einer Langzeit-Studie heraus, dass sich zwischen den Jahren 1989 bis 2016 die Gesamt-Biomasse der Insekten um 76 Prozent verringert hat. Haben sich inzwischen wenigstens einige Arten erholt?
Prof. Dr. Bernhard Misof, Generaldirektor des Museums Koenig in Bonn, wünscht sich mehr Daten zu dieser Frage: "Es gibt sicher auch heimische Arten, die vom Klimawandel profitieren können, etwa die trockenliebenden Arten. Die meisten Insektenarten nehmen aber ab. Doch welche genau und in welchem Ausmaß, dazu fehlt es an genauen, umfassenden Daten."
Prof. Bernhard Misof, Generaldirektor Museum König Bonn
Moore und Weiden helfen Insekten
Um heimischen Insekten das Überleben auch bei Hitze und Trockenheit zu ermöglichen, fordert Misof: "Wir müssen zum Beispiel Weideflächen erhalten und die Moore wieder vernetzen und vernässen." Erste Projekte dazu gibt es bereits, wie zum Beispiel die Bastauniederung im Kreis Minden-Lübbecke. Dort waren Moorgebiete über Jahre trocken gelegt worden, um mehr Ackerflächen zu gewinnen.
Jetzt beteiligen sich Landwirte daran, die Moore wieder zu wässern, damit mehr Feuchtgebiete entstehen. Das soll nicht nur den heimischen Insekten helfen, sondern auch dem Klimawandel entgegenwirken. Denn Moore sind auch große CO2-Speicher.
Unsere Quellen:
- Interview mit Kreislandwirt Ulrich Brinkmann aus Iserlohn
- Interview mit Gerhard Renker, Landwirtschaftskammer NRW
- Interview mit Prof. Bernhard Misof, Museum König Bonn
- Interview mit Klaus Maresch, Imker Bonn
- Studie Entomologischer Verein Krefeld
- Beobachtungen und Gespräche der Reporter vor Ort
Sendung: WDR.de, Hitze und Trockenheit: Kommen mehr invasive Insektenarten zu uns? 24.07.2026, 5:06 Uhr

