Teurer Diesel: Spediteure geraten unter Druck
Bildquelle: picture alliance / CHROMORANGEAutofahrerinnen und Autofahrer wissen es: Spritpreise reagieren schnell auf Preisschocks beim Rohöl. Der Großhandel nahezu unmittelbar. An der Tankstelle dauert es etwas länger. Die Europäische Zentralbank geht davon aus, dass ein gestiegener Rohölpreis typischerweise innerhalb von ein bis zwei Monaten auch bei den Preisen für Benzin und Diesel ankommt.
Die Faustformel: Steigt Rohöl um zehn Prozent, dann wird Sprit drei Prozent teurer. Denn im Spritpreis stecken auch andere Faktoren wie Energiesteuer, Mehrwertsteuer und Vertriebskosten und eine Marge, also die Rendite der Mineralölkonzerne.
Wie Spediteure gestiegene Kosten weitergeben
Spediteure sind natürlich unmittelbar von hohen Dieselpreisen betroffen. Bei Transporten über den Spot-Markt können sie die Kosten unmittelbar weitergeben. Das betrifft kurzfristig angenommene Aufträge. Doch schließen Spediteure oft langfristige Frachtverträge. Dann können sie Kosten oft nur verzögert weitergeben. Die Verträge beinhalten einen sogenannten Diesel-Floater. Das ist eine Option, die Spediteuren erlaubt, höhere Dieselpreise weiterzugeben. Wie schnell, das ist Verhandlungssache.
Früher gab es keinen Bedarf für kurze Intervalle. Da ging es nur darum, ein paar Cent Unterschied abzufedern. Monatliche Anpassungen haben ausgereicht. Das funktioniert bei den hohen Preissprüngen aber nicht mehr. Mittlerweile versuchen unsere Spediteure auch wöchentliche Preisanpassungen zu verhandeln. Marcus Hover, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbands Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL)
Allerdings beobachtet der VVWL, dass aktuell nicht alle Kunden bei höheren Frachtpreisen mitgehen können. Das führe immer wieder zu Auftragsverlusten der Spediteure. "Die Kunden schreiben den Auftrag dann neu aus. Es findet sich immer jemand, der günstiger fährt. Speditionen aus osteuropäischen Ländern wie Polen zum Beispiel haben nicht nur günstigere Spritkosten, weil für sie niedrigere Steuern gelten. Auch das Back-Office ist im Baltikum viel günstiger", sagte Hover gegenüber dem WDR.
Flugpreise nicht sofort betroffen
Fluggesellschaften sichern einen Teil ihres zukünftigen Treibstoffbedarfs finanziell ab, um nicht zu stark von Preisschwankungen getroffen zu werden. Das nennt sich Hedging. Die Höhe des abgesicherten Anteils ist unterschiedlich. Die Lufthansa hatte nach eigener Aussage bereits im Frühjahr rund 80 Prozent ihres Bedarfs für dieses Jahr abgesichert.
Preise für Flugtickets setzen sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, unter anderem aus Nachfrage, Auslastung der Flüge oder Buchungszeitpunkt. Allesamt wichtige Preisfaktoren. Ein höherer Ölpreis bedeutet also nicht automatisch, dass Ticketpreise für alle Flüge zeitnah steigen.
Lebensmittelpreise reagieren verzögert auf den Ölpreis
Auch Lebensmittelpreise reagieren, wenn Rohöl teurer wird. Nicht nur durch Transporte. Auch indirekt, weil zum Beispiel aus Rohöl Verpackungen produziert werden. Die Hersteller versuchen, gestiegene Kosten weiterzugeben. Dafür müssen allerdings oft erst längerfristige Verträge zu festen Preisen auslaufen. Die Händler können auch zunächst ihre Lagerbestände zu alten Einkaufspreisen verkaufen.
Bei neuen Preisverhandlungen müssen Hersteller gestiegene Kosten erst einmal gegenüber dem Handel durchsetzen. Ist der Hersteller nicht erfolgreich, schmälern die hohen Kosten nur seine Gewinnmarge. Andere Kostenfaktoren sind aber oft entscheidender, wie zum Beispiel die Löhne in der Produktion oder die Handelsspannen selbst, also das, was Hersteller und Händler am Produkt verdienen.
Höhepunkt des Preisanstiegs erst nächstes Jahr
Die Europäische Zentralbank geht von einem deutlich verzögerten Effekt aus. Den Höhepunkt bei Nahrungsmittelpreisen sieht die EZB erst im dritten Quartal 2027. Dafür ist aber nicht nur der Rohölpreis ausschlaggebend. Sondern etwa auch der hohe Gaspreis, der wiederum Düngemittel teurer macht. Wie groß der Zeitversatz sein kann, zeigt das Bundesamt für Statistik. Im August waren Kraftstoffe rund 28 Prozent teurer als vergangenes Jahr, Nahrungsmittel aber nur 0,1 Prozent.
Teure chemische Grundstoffe und Plastik
In der chemischen Industrie kommt es auf die Produktionsstufe an, wie schnell höhere Preise weitergegeben werden. Zum Beispiel: Aus Rohöl entstehen zuerst chemische Grundstoffe und daraus dann Kunststoff. Aus dem Kunststoff wiederum Folien oder Flaschen. Grundstoffe sind direkte Raffinerieprodukte. Hier können höhere Ölpreise recht schnell ankommen.
Je weiter die Produktion in Richtung fertige Verpackungen wandert, umso länger dauert es. Denn auch hier gilt: Unternehmen haben Lagerbestände und Lieferverträge mit festen Preisen. Höhere Preise kommen in vielen Fällen erst bei neuen Lieferungen und Vertragsabschlüssen zum Tragen.
Doch die Preise entwickeln sich mittlerweile nach oben, wie sich an den Importpreisen ablesen lässt. Primärkunststoffe kosteten im Februar noch acht Prozent weniger als vergangenes Jahr. Im Juni waren sie bereits um knapp 24 Prozent teurer verglichen mit dem Vorjahr. Das liegt nicht nur am Rohölpreis, sondern auch am allgemein hohen Preisniveau für Strom oder Gas.
Unsere Quellen
- WDR-Anfrage an Marcus Hover, Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. (VVWL)
- Monatsbericht Deutsche Bundesbank
- DPD zu Preisanpassungen bei Diesel
- EZB: Ökonomischer Ausblick für die Eurozone
- EZB: Wie sich Spritpreise bilden
- Statistisches Bundesamt zur Preisentwicklung bei Importen
Sendung: WDR5, Das Wirtschaftsmagazin, 17.09.2026, 13:36 Uhr
