Kinder halten Schlagringe, Messer und Pfefferspray in den Händen.

Jugendkriminalität im Städtedreieck - ein Dauerthema für Ermittler

"Gucci Gang": Wie zwei Jugendliche Wuppertal erschütterten

Stand:

2019 wurden zwei junge Intensivtäter aus Wuppertal bundesweit bekannt. Als Mitglieder einer Jugendbande, die sich selbst "Gucci Gang" nennt, prügelten sie auf einen Rentner ein. Es folgten weitere Straftaten und Verurteilungen, die auch die Strafverfolger sprachlos machten.

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14-Jährige greifen Rentner brutal an

Mai 2019, ein Gebäudekomplex im Wuppertaler Osten. Eine Mischung aus Wohn- und Geschäftshaus. Im Flur hält sich eine Gruppe von Jugendlichen auf, sie sollen dort geraucht und auch uriniert haben. Das rief einen der Hausbewohner auf den Plan, der 70 Jahre alte Rentner wollte sie rauswerfen. Das sollte fatale Folgen für ihn haben. Zwei Jungs aus der Gruppe, beide 14 Jahre alt, gingen auf den Mann los.

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"Es sieht so aus, dass er mehrfach geschlagen und auch getreten wurde", sagte damals Oberstaatsanwalt Wolf-Tilman Baumert, "er hat jedenfalls außerordentlich schwere Kopfverletzungen erlitten, die lebensgefährlich sind." Der Senior wurde Dauerpflegefall für den kurzen Rest seines Lebens. Er starb Mitte 2023 an den Folgen der Tat.

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Geld und Pistolen

Ein Schock in Wuppertal und weit darüber hinaus. Zwei 14-Jährige? Sie waren Teil der Bande "Gucci Gang". Benannt nach einem Rap-Song, der bis heute mit mehr als einer Milliarde Abrufe bei Youtube zu sehen ist. Autos, Drogen, "Bling", darum geht es in dem knapp dreiminütigen Song.

Fotos der beiden Täter Finn T. und Milan K. (Namen geändert) aus den sozialen Medien tauchten auf. Sie präsentierten sich mit Pistolen und Geldscheinen. Das passt stilistisch zum Musikvideo und erklärt den Namen "Gucci Gang" für die "lose Verbindung" von Wuppertaler Jugendlichen. Nach Ermittlungen der Polizei traten die im Wuppertaler Osten in Zweier- und Dreiergruppen auf, "um Straftaten zu begehen".

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Erste Verurteilung für jugendliche "Gucci Gang"-Mitglieder

Die beiden Haupttäter taten dies offenbar schon seit längerer Zeit: Die Zahl ihrer "Eintragungen" im strafunmündigen Alter, also unter 14 Jahren, lag bei beiden im dreistelligen Bereich. Da blieb es zunächst bei Eintragungen, Bestrafungen waren noch nicht möglich. Die erhielten Finn T. und Milan K. dann aber 2019: Für zwei Jahre und vier Monate mussten sie in Jugendhaft. "Außerdem kommt bei einem der Angeklagten noch eine weitere Körperverletzung dazu, in Tateinheit mit Beleidigung und Bedrohung, bei diesem Angeklagten noch drei weitere Fälle des Raubes", so sagte es Amtsgerichts-Sprecherin Anne Tielmann im Dezember 2019.

"Zu wenig", hieß es in der öffentlichen Reaktion immer wieder. Dagegen steht der Erziehungsgedanke des Jugendstrafrechts. Jungen Verurteilten eine Chance zu geben, ist wichtig. Aber schnell wurde klar: Die beiden nutzen sie nicht.

Zwei Jugendliche (Gesichter unkenntlich) halten eine Pistole hoch.

So zeigten sich die "Gucci Gang"-Mitglieder Finn T. und Milan K. auf Social Media

Sie waren zwar strafmündig, aber längst nicht volljährig. Deswegen verlief der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und auch Anfang 2023 waren die Informationen spärlich, als einer der beiden auf frischer Tat bei einem Einbruchsversuch gefasst wurde. Ende des Jahres folgte so der nächste Prozess, bei dem beide wieder gemeinsam auf der Anklagebank saßen.

Sie hatten einen Mann mit dessen Auto zu einem Treffpunkt gelockt, dort mit Mittätern auf ihn eingeschlagen und das Auto gestohlen. "Höhepunkt" der Tat war die anschließende Verfolgungsjagd mit der Polizei. Die Urteile: drei Jahre, beziehungsweise drei Jahre und sieben Monate Jugendhaft. Hinter vorgehaltener Hand atmeten Polizei und Staatsanwaltschaft auf. Sie waren froh, beide "von der Straße" zu haben. Sie hatten sich längst das "Prädikat" Intensivtäter erworben.

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Zuhälter für junge Mädchen

Fest steht wohl: Die "Gucci Gang" ist seit der Tat 2019 Geschichte. Aber Finn T. und Milan K. schafften es, erneut straffällig zu werden. Die Vorwürfe diesmal - unter anderem: Zuhälterei, Zwangsprostitution. Eine Gruppe von Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren suchte sich die beiden - freiwillig und bewusst - als Zuhälter aus. Sie sollten den offenbar in sozialen Medien als bequem angepriesenen Weg zum schnellen Geld organisieren, also etwa Hotelzimmer oder Treffs mit Freiern. Zum "Zwang" kam es erst, als Teile der Mädchen aussteigen wollten.

Aussteigen war keine Option, sagte Oberstaatsanwalt Baumert Anfang 2024: "Da wurde dann auch schon mal subtil gedroht, da wurde mal eine Waffe gezeigt, damit man sich nicht leicht aus der Szene wieder lösen konnte." Die nächsten Jugendstrafen: Fünfeinhalb Jahre für Finn T., drei Jahre und zwei Monate für Milan K. Beide sind inzwischen 20 Jahre alt.

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Jugendkriminalität in NRW

NRW-weit verzeichnete die Polizei 2024 rund 100.000 Straftäter, die jünger als 21 Jahre alt waren. Im Bereich der Wuppertaler Polizei entfallen 2023 und 2024 über 20 Prozent aller Tatverdächtigen dieser Altersgruppe. Erschreckende Zahlen für Bärbel Hoffmann von der Diakonie. Sie kennt Jugendliche aus der "Gucci Gang" und hat eine Streetworkerin im Wuppertaler Osten im Einsatz. Sie meint: Hilfe ist der einzige Weg, beobachten und da sein. "Schauen, was brauchen die Kinder und die Familien an Unterstützung, um gar nicht erst auf einen schlechten Weg zu kommen oder diesen wieder zu verlassen. Da bieten wir Möglichkeiten. Die Jugendlichen müssen aber auch die Erfahrung machen, dass kriminelles Verhalten nicht toleriert wird."

Das sieht der Anwalt Carsten Rebber ähnlich. Er hat die Familie des "Gucci Gang"-Opfers und später eine der jugendlichen Prostituierten vor Gericht vertreten. Während Bärbel Hoffmann aber strikt gegen eine Absenkung der Strafmündigkeit ist, spricht sich Rebber dafür aus, "da man früher eingreifen und den Jugendlichen zeigen kann, dass ihre Entwicklung so nicht weitergehen kann".

Für Finn T. und Milan K. kommt all das zu spät. Für beide ist die Frage jetzt, ob die wohl letzte Jugendhaft auch ihr letzter Gefängnisaufenthalt sein wird.

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