Neues Leben im Hürtgenwald
Bildquelle: WDR/Katja Stephan3 Min. 20 Sek.. Verfügbar bis 10.09.2028.
Mit vorsichtigen Schritten bahnt sich Valentin Wiesmeyer seinen Weg durch verkohlte Baumstämme und rußgeschwärzte Äste, die am Boden liegen. An einer Fichte bleibt er stehen. Ihre Zweige sind grün. Wiesmeyer legt seine Hand auf die verbrannten Wurzeln, die aus der Erde ragen. "Die Wurzeln liegen völlig frei, sind verbrannt, verkocht. Diese Bäume können sich nicht regenerieren."
Angst vor dem Borkenkäfer
Der Förster sagt das nüchtern, sachlich. Das liegt vielleicht auch daran, dass er sich an diesen Anblick schon gewöhnt hat. Doch Wiesmeyer weiß auch: Er muss nach vorne schauen. Sein Ziel ist ein artenreicher Mischwald, der es schafft, in Zukunft mit Hitze und Trockenheit zurecht zu kommen.
Vor allem die toten Fichten müssen weg
Bildquelle: WDR/Katja StephanDeswegen sind jetzt überall im Wald Maschinen im Einsatz, um die vom Brand betroffenen Fichten zu fällen. In ihrem Zustand bieten sie dem Borkenkäfer jede Menge Nahrung. "Der riecht Schwäche, und der riecht Krankheit. Und wenn es der Fichte schlecht geht, dann stürzt er sich auf sie und vermehrt sich da weiter."
Wanderwege teilweise noch gesperrt
Die Laubbäume will Wiesmeyer teilweise stehen lassen, als Totholz, und damit neue Heimat für Pilze, Insekten und andere Tiere schaffen. Doch das geht nur, wenn sie nicht zu nah an den Wanderwegen stehen, denn die sollen so schnell wie möglich wieder geöffnet werden. Schließlich ist der Hürtgenwald auch für die Menschen da, die hier die Natur genießen wollen. Davon kann jetzt allerdings noch keine Rede sein.
Feuer von historischen Ausmaßen
Mitte August war im Hürtgenwald das größte Feuer in der Geschichte des Landes ausgebrochen. Auf 300 Hektar vernichtete der Brand unzählige Tiere und Pflanzen. Tagelang waren Hunderte Rettungskräfte im Einsatz, versuchten, mit Schneisen die Ausbreitung des Feuers zu verhindern. Erst eine Woche später gelang es ihnen, den Brand zu löschen.
Brachfläche im Hürtgenwald
Bildquelle: WDR/Katja StephanJetzt, einen Monat später, erinnern weite Teile an eine apokalyptische Landschaft in braun und schwarz. Hin und wieder ragt ein einzelner Baum in einer ansonsten fast kahlen Brachfläche auf.
Auch dicke Rinde war kein Schutz
Eine Eiche will sich Wiesmeyer näher anschauen. Er hofft, dass die kräftige Borke den Baum vor dem Feuer geschützt hat. Doch wenig später schüttelt er den Kopf. "Die Rinde ist völlig durchgebrannt. Und darunter steckt ja das Leben, da gehen Nährstoffe und Wasser hoch. Und da ist alles schon völlig verbrannt."
"Es gibt mir schon zu denken, gerade die Baumart Eiche ist eine Zukunftsbaumart, auch im Klimawandel, der man mehr Trockenresistenz und auch Hitzewiderstand nachsagt, aber offensichtlich ist sie für diese intensiven Feuer auch nicht gewappnet." Valentin Wiesmeyer, Forstamtsleiter
Zartes Grün zwischen Asche und Staub
Doch dann bückt sich der Förster, schiebt die braunen Fichtennadeln zur Seite, die den Boden bedecken, und zeigt auf ein zartes kleines Pflänzchen. Es ist ein gekeimter Birkensamen. Und er ist nicht allein. Überall auf dem Waldboden entdeckt man bei genauerem Hinsehen kleine grüne Keimlinge.
Diese kleinen Birkensamen nutzen die Asche als Dünger
Bildquelle: WDR/Katja Stephan"Durch die Hitze haben sich die Birkensamen verteilt. Und die Asche ist ein super Dünger. Das sind perfekte Startbedingungen für viele Baumarten, vor allem für Birke, Kiefer und Lärche.", erklärt Wiesmeyer. In einem gewachsenen Wald gebe es diese optimalen Ausgangsbedingungen so nicht, ergänzt er. Denn die organische Schicht aus Fichtennadeln am Boden verhindere, dass die Samen der Bäume wachsen können.
"Im nächsten Jahr wird das hier explodieren, der Wald hier. Wenn wir dann noch mal wiederkommen, wird das hier hoch und grün stehen." Valentin Wiesmeyer, Forstamtsleiter
Wie stark sollte der Mensch eingreifen?
Der Förster will diese Kraft der Natur nutzen beim Wiederaufbau des Waldes. Aber er will dabei nicht einfach nur zusehen, sondern zusätzliche Baumarten wie Wildbirnen oder Esskastanien pflanzen, um die Artenvielfalt zu erhöhen.
Naturschützerin Tanja Malchow
Bildquelle: WDR/Katja StephanUnd er ist überzeugt davon, dass der Eingriff des Menschen an manchen Stellen notwendig ist. "Baumarten wie die Birke schützen den Boden vor Sonneneinstrahlung, vor Wind, vor Frost. Und unter dem Schutz der Birke kann sich auch eine Buche, eine Eiche oder auch eine Weißtanne etablieren. Und dann brauchen wir unsere Forstwirtinnen und Forstwirte, die auf die Fläche gehen und erkennen: "Oh, da ist eine Eiche, die Birke hat schon völlig zugemacht über ihr, ich nehme jetzt mal zwei Birken weg, dass diese Eiche auch noch morgen da steht."
Natur sollte sich selbst überlassen werden
Tanja Malchow ist im Naturschutzbund, kurz Nabu, für den Kreisverband Düren aktiv. Sie lebt in Gürzenich, einem Ortsteil von Düren. Der Hürtgenwald liegt direkt vor ihrer Haustür.
Das Ziel von Wiesmeyer, möglichst viele Baumarten wachsen zu lassen, begrüßt sie. Aber sie würde sich wünschen, dass der Mensch möglichst wenig in die Entwicklung des Waldes eingreift. "Es ist unter Umständen ja denkbar, Gebiete zu identifizieren, wo man die Natur sich selbst überlässt, zumindest zu einem großen Teil.", schlägt sie vor.
Brände wird es auch in Zukunft geben
In einem Punkt sind sich Wiesmeyer und Malchow einig: Ein artenreicher Mischwald kann sich an das Klima besser anpassen, reagiert weniger gestresst auf Hitze und Trockenheit. Aber er bietet keinen Schutz vor Waldbränden, vor allem nicht bei besonders trockenen Böden wie zuletzt im Hürtgenwald.
Verkohlte Wurzeln
Bildquelle: WDR/Katja StephanDeswegen sei es wichtig, in Zukunft besser vorbereitet zu sein, zum Beispiel mit Brandschneisen und Löschwasserteichen im Wald, erklärt Wiesmeyer. "Denn es wird mehr Brände geben, es wird intensivere Brände geben, und wir müssen lernen, damit umzugehen."
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Valentin Wiesmeyer
- Gespräch mit Tanja Malchow
- Beobachtungen der Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Ökologische Folgen nach Brand im Hürtgenwald , 10.09.2026, 18:00 Uhr
