Bunt wie die Welt: Die internationale Klasse in Aachen
Bildquelle: WDR / DerichsSie heißen Lebiya, Queency, Alvin, Elisa und Xiangfu. Aus allen Winkeln der Welt sind sie in den Aachener Süden gekommen, besuchen jeden Tag das Einhard-Gymnasium. Eine normale Klasse haben sie dort auch, aber sind auch regelmäßig in der internationalen Klasse. Das Thema dort: Deutsch. Spielerisch und in Gemeinschaft. Und das seit zehn Jahren.
"Wir schaffen das!" war der prägende Satz der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, als über 1,8 Millionen Flüchtlinge vor allem aus Syrien nach Deutschland kamen. Leichter gesagt als getan, denn Fragezeichen bei der Umsetzung blieben auch im Schulsektor: Wie sollten zum Beispiel Kinder erfolgreich die Schule besuchen, die vielleicht in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben gelernt hatten, aber ganz sicher nicht in Deutsch? Viele Schulen in der Region reagierten mit internationalen Klassen.
Geflüchtete und Kinder von Fachkräften in der internationalen Klasse
Mahinur (15) will Ärztin werden
Bildquelle: WDR / DerichsZehn Jahre später hat sich das Bild in der internationalen Klasse etwas gewandelt: Geflüchtete Kinder sind dabei, aber auch zunehmend Kinder von Fachkräften, die hier leben. Zehn Jahre alt sind die Jüngsten, Mahinur aus Usbekistan ist mit 15 etwas älter und hat klare Ziele. Ihre Mutter, erzählt sie, ist Ärztin am Universitätsklinikum. Und auch sie möchte Medizinerin werden.
Dass sie das flüssig erzählen kann, obwohl sie erst vor einem halben Jahr hergezogen ist, liegt daran, dass sie nicht nur in der Schule Deutsch lernt. Sie spricht es zuhause, sie übt mit Apps, sie schaut Filme. Und sie hat Talent: Mit Usbekisch, Russisch, Englisch und Französisch spricht sie direkt noch vier weitere Sprachen.
Unterricht auf Augenhöhe: Schüler Xiangfu Zhao und Lehrerin Annika Friese
Bildquelle: WDR / DerichsDeutsch als Fremdsprache: Lehrerinnen mit Freude dabei
Soviel Motivation macht auch der Lehrerin Spaß. Annika Friese übernahm vor zehn Jahre den Job mit einer weiteren Kollegin, die ebenfalls eine Ausbildung für Deutsch als Fremdsprache hat. Der Anfang war nicht einfach. Es gab eine Anweisung vom Schulamt, aber kein festes Konzept und keine Erfahrung. Jetzt geht sie jedesmal überzeugt in den Unterricht:
"Die Kinder arbeiten selbständig, ich bin also nicht in der normalen Lehrerrolle. Hier ist auch immer Leben in der Bude - und durch so viele Kulturen lernen wir auch.“ Annika Friese, Lehrerin der Internationalen Klasse
Dass zugewanderte Kinder gefördert werden, begann in der Städteregion allerdings nicht mit der Flüchtlingskrise. "Die Arbeit begann vor vier Jahrzehnten“, weiß Schulrat Ralf Sistermann. Anfangs waren es Hauptschulen, dann auch Grundschulen und Berufskollegs, später auch Gymnasien. Die Kapazitäten sind da, der Austausch funktioniert.
Aachen: Erfolg in der Schule entscheidet nicht über Lebenslauf
Am Einhard-Gymnasium in Aachen absolvieren etwa sechs von zehn die Internationale Klasse mit Erfolg - nach 20 Stunden Unterricht pro Woche. Eine Hürde ist nicht nur binnen zwei Jahren fließend Deutsch zu lernen, sondern auch die Anforderungen eines Gymnasiums. Für die, die es hier nicht schaffen waren die Mühen aber nicht umsonst. Annika Friese vermittelte sie an andere Schulen.
"Wir wissen, dass am Ende viele viele Kinder erfolgreich ihren Abschluss gemacht haben. Und das ist wichtig. Es ist wichtig, dass Kinder in Deutschland ihren Schulabschluss erlangen, und das gelingt uns.“ Annika Friese, Lehrerin der Internationalen Klasse
Ein Beispiel: In Frankfurt am Main arbeitet Lorans Omar als KfZ-Mechatroniker. Vor elf Jahren kam er mit 15 aus Syrien nach Aachen. "Am Anfang hatte ich enorme Schwierigkeiten“, erinnert er sich. "Die Lehrerinnen haben sich enorm viel Zeit genommen und mir den Weg in Deutschland frei gemacht“. Nach Abschluß der Berufsausbildung ist er jetzt in seinem Traumjob angekommen.
Vom syrischen Flüchtling zum Kfz-Mechatroniker: Lorens Omar
Bildquelle: WDR / DerichsKinder und Lehrer lernen über den Unterricht hinaus
Berührungsängste vor Fremden zeigen die Kinder in den Internationalen Klassen nicht. Sie lernen nicht nur Deutsch, sondern auch viel über die Kulturen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler. Wie ihre Lehrerin: "Ich wußte zum Beispiel nicht, dass Zimt in Korea eher zur Insektenbekämpfung eingesetzt wird, bis ein Schüler aus Korea ein sehr komisches Gesicht machte, als er am ersten Schultag in eine Zimtschnecke beißen sollte.“
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- WDR-Gespräche mit Annika Friese, Lorans Omar und Ralf Sistermann
- Städteregion Aachen
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Aachen, Eifel und die Euregio, 25.09.2026, 12:30 Uhr
