Chefarzt warnt : "Ein Übermaß an Patienten mit schwersten Überhitzungen"
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Bis zu 40 Grad und mehr: die jüngste Hitzewelle hat einen Eindruck hinterlassen. Vor allem in den Pflegeheimen und Krankenhäusern hat sich bemerkbar gemacht, was solche Temperaturen bedeuten. Eine Situation, schlimmer als in Corona-Zeiten, sagen Ärzte.
Professor Dr. med. Uwe Janssens ist ärztlicher Direktor und Chefarzt für Innere und Internistische Notfallmedizin am St. Antonius-Krankenhaus Eschweiler. Er erklärt im WDR-Interview, warum Hitzewellen mit Temperaturen weit über 30 Grad so gefährlich sind und was seiner Ansicht nach jetzt passieren muss.
Herr Professor Janssens, wie haben Sie die jüngste extreme Hitzewelle erlebt?
Dr. Uwe Janssens: Ich muss ganz ehrlich sagen, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, ist in der Form noch nicht aufgetreten. Das habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht erlebt. Wir warten ja seit Jahren darauf, dass die Hitzeepisoden zunehmen. Und jetzt haben wir wirklich ein Übermaß an Patienten mit schwersten Überhitzungen gehabt.
Professor Dr. med. Uwe Janssens, Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Innere und Internistische Notfallmedizin am St. Antonius-Krankenhaus Eschweiler
Was bedeutet schwerste Überhitzung im medizinischen Sinn, wie wirkt sich diese aus?
Janssens: Schwerste Überhitzung bedeutet eine Körperkerntemperatur von über 42 Grad. Das kann ein Körper nicht stemmen. Da denaturieren die Proteine, da versagen alle Stoffwechselvorgänge und das haben wir ja auch erlebt. Bis hin zu Todesfällen. Sowohl hier im Haus als auch bei Patienten, die draußen verstorben sind.
"Schwerste Überhitzung bedeutet eine Körperkerntemperatur von über 42 Grad. Das kann ein Körper nicht stemmen! Da versagen alle Stoffwechselvorgänge." Professor Dr. med. Uwe Janssens, Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Innere und Internistische Notfallmedizin am St. Antonius-Krankenhaus Eschweiler
Wie ging es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die Patienten versorgt und behandelt haben?
Janssens: Die Mitarbeiter haben unter Bedingungen gearbeitet, die eigentlich dazu hätten führen müssen, dass sie gar nicht mehr hätten weiterarbeiten können. Weil wir keine klimageschützten Rückzugsräume haben für die Mitarbeiter. Und wir haben hier keine Ausfälle gehabt. Die haben durchgearbeitet und sind wirklich an ihre Grenzen gegangen. Aber nicht nur hier. Das gilt auch für die Pflegeheime und die Rettungsdienste, die nach draußen gefahren sind. Die haben an ihren Belastungsgrenzen gearbeitet.
Die Notfälle landen dann in den Kliniken und Krankenhäusern. Sind diese eigentlich selbst auf solche Temperaturen vorbereitet?
Janssens: Überhaupt nicht. Die allermeisten Krankenhäuser in der Region, in NRW, aber auch in ganz Deutschland sind überhaupt nicht auf solche Klimakrisen vorbereitet. Da hat man 20 Jahre lang geschlafen, hat nicht investiert in die bauliche Struktur - also Außenmaßnahmen wie Beschattungen, Fenster so zu gestalten, dass Wärme abgehalten wird bis zu klimageschützten Räumen. Da gibt es einen riesigen Investitionsbedarf. Das wäre die Verpflichtung der Länder gewesen, die sind diesen Verpflichtungen nicht nachgekommen.
"Da hat man 20 Jahre lang geschlafen, hat nicht investiert in die bauliche Struktur." Professor Dr. med. Uwe Janssens
Was lernt man nun daraus?
Janssens: Wir werden uns jetzt überregional zusammensetzen mit dem Rettungsdienst, auch mit dem Gesundheitsamt und eine Nachbesprechung machen: was ist gewesen, was hat gefehlt, was benötigen wir als Grundsicherung für die Zukunft? Die medizinischen Fachgesellschaften, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für internistische Medizin und Notfallmedizin, plant gerade ein wissenschaftliches Empfehlungspapier, wo wir noch mal Hinweise geben, wie wir mit schwer hitzegeschädigten Patienten umgehen. Das werden wir mit den Fachgesellschaften jetzt angehen.
Was ist, wenn die Folgen der jüngsten Hitzewelle wieder in den Hintergrund treten, andere Themen das Ganze überlagern, Politik und Gesellschaft nicht so tätig werden, wie Sie es fordern?
Janssens: Das System insgesamt wird nicht kollabieren, aber eins muss man ganz klar sagen, und das muss die Politik wissen, die am Ende in der Verantwortung ist, das müssen alle wissen, dass wir dann einen erheblichen Anteil an Toten sehen werden. An hitzebedingten Todesfällen.
"Das müssen alle wissen, dass wir dann einen erheblichen Anteil an Toten sehen werden. An hitzebedingten Todesfällen." Professor Dr. med. Uwe Janssens
Janssens: Wir haben internationale Berechnungen aus dem Jahr 2022, das waren in Deutschland - sehr valide berechnet - nahezu 8.000 hitzebedingte Todesfälle, also deutlich mehr als im Straßenverkehr. Da wird ja gar nicht groß drüber geredet. Gleichzeitig wissen wir von allen Instituten, die sich mit Klimaforschung beschäftigen, dass das nicht besser wird. Und trotzdem machen wir so weiter. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
Sie fordern von der Politik mehr Unterstützung. Fehlte die bei der letzten Hitzewelle?
Besonders ältere Menschen leiden unter hohen Temperaturen.
Janssens: Ich persönlich habe vermisst, dass die Landes- und Bundespolitik auch mal ein "Danke" ausgesprochen hätte, an die Leute, die sowohl draußen in den Rettungsdiensten als auch in den Pflegeheimen als auch in den Krankenhäusern wirklich tolle Arbeit geleistet haben. Ich glaube, das wäre angebracht- und ein Zeichen der Wertschätzung gewesen. Viele Pflegekräfte sagen das auch. Wo ist da die Empathie der Politik, die zumindest sagt, wir finden es toll, was ihr geleistet habt, wir werden euch künftig besser unterstützen.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Prof. Dr. med. Uwe Janssens
Sendung: WDR.de, Mediziner zu Hitzewellen, 09.07.2026, 16:16 Uhr
