Deutlich mehr Sterbefälle in Hitzewoche | WDR aktuell
WDR. 02:37 Min.. Verfügbar bis 09.07.2028.
Die Hitzewelle im Juni kostete vielen Menschen in Nordrhein-Westfalen das Leben. Am Donnerstag hat das Robert Koch-Institut (RKI) seine neuesten Berechnungen vorgelegt. Demnach starben in NRW in diesem Jahr bereits 1.230 Menschen infolge von Hitze. Deutschlandweit sind es 5.100 Menschen.
Zuletzt gab es vor sieben Jahren mehr Hitzetote in NRW
Das sind in NRW viermal so viele hitzebedingte Sterbefälle wie im gesamten vergangenen Jahr. Noch höher war die Zahl der Hitzetoten nach RKI-Modell zuletzt in den Jahren 2018 und 2019 - allerdings bezieht sich das auf die ganzen Jahre. Der Großteil des diesjährigen Sommers steht uns erst noch bevor. In die RKI-Berechnungen gingen nur Todesfälle bis 28. Juni ein.
Je nach Berechnung schwanken die RKI-Schätzungen für das laufende Jahr für NRW in einer Spanne von 900 bis 1.560 hitzebedingter Sterbefälle. Die Zahlen der vergangenen neun berücksichtigten Wochen können außerdem jeweils noch durch Nachmeldungen beeinflusst werden, teilt die Bundesbehörde mit.
RKI-Modell speziell zu Todesfällen bei Hitze
Den Zahlen des RKI liegt ein eigenes Berechnungsmodell zugrunde. Darin werden Daten zur Übersterblichkeit des Statistischen Bundesamtes mit Temperaturwerten des Deutschen Wetterdienstes in Zusammenhang gebracht, erklärte die RKI-Sprecherin dem WDR.
Das RKI schließt nicht aus, dass die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle noch höher ist als die Berechnungen mit dem eigenen Modell ergeben. Dem Statistischen Bundesamt zufolge starben in der Hitzewoche 22. bis 28. Juni etwa 6.800 mehr Menschen als noch zwei Wochen zuvor.
Teils starke Unterschiede bei Berechnungen zu Hitzetoten
Ganz genaue Angaben zur Zahl der hitzebedingten Sterbefälle sind nicht möglich, deshalb gibt es immer nur Berechnungen, die sich je nach Modell unterscheiden - zum Teil stark. Ein Beispiel:
- 4.900 Hitzetote hatte das RKI deutschlandweit für das Jahr 2022 errechnet.
- 8.200 Hitzetote in Deutschland errechnete ein internationales Forscherteam für eine im Fachjournal "Nature Medicine" veröffentlichte Studie für dasselbe Jahr.
Der Grund, weshalb sich die Zahl der Hitzetoten nur errechnen und somit bloß schätzen lässt: Ein direkter oder indirekter Zusammenhang zwischen Todesfällen und Hitze lässt sich oft nicht eindeutig nachweisen.
Dies ist nach Ansicht von Experten vor allem bei Menschen der Fall, die bereits durch Faktoren wie ein hohes Alter oder Erkrankungen vorbelastet sind. Auch in Todesbescheinigungen wird Hitze nicht als Ursache des Versterbens angegeben.
Medizinerin Herrmann: Todesursache oft nicht Hitzschlag
Nach Angaben von Medizinerin Alina Herrmann, die an den Unikliniken Köln und Heidelberg im Bereich Klima und Gesundheit forscht, sterben während einer Hitzewelle vergleichsweise wenige Menschen an einem Hitzschlag. Typische Erkrankungen mit Todesfolge seien in Hitzewellen diese:
- Herzinfarkt
- Schlaganfall
- Atemwegserkrankung
- Nierenversagen
- Komplikationen einer Zuckerkrankheit
Sie könne sich aber vorstellen, dass es in der Hitzewelle im Juni mehr Sterbefälle infolge eines Hitzschlags gegeben haben könnte als an anderen heißen Tagen. Der Grund für ihre Vermutung: Die Hitzewelle hatte nicht nur tags und nachts besonders hohe Temperaturen, sondern hielt auch sehr lange an.
Prof. Dr. Uwe Janssens ist Mediziner in Eschweiler.
Auch Uwe Janssens, Chefarzt für Innere und Internistische Notfallmedizin am St. Antonius-Krankenhaus Eschweiler, berichtet, dass an den heißen Juni-Tagen ungewöhnlich viele Patienten mit Überhitzung behandelt worden seien.
"Ich muss ganz ehrlich sagen, was wir in den vergangenen Wochen erlebt haben, ist in der Form noch nicht aufgetreten. Das habe ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht erlebt", sagte Janssens am Donnerstag im WDR-Interview. "Jetzt haben wir wirklich ein Übermaß an Patienten mit schwersten Überhitzungen gehabt." Das ganze Interview mit Janssens gibt es hier:
Kritik: Mangelhafter Hitzeschutz in Deutschland
Deutschland ist nach Ansicht von Expertinnen und Experten noch nicht ausreichend auf Hitzewellen vorbereitet. Zwar haben schon einige NRW-Städte Hitzeaktionspläne erarbeitet und setzen diese um. "Aber es ist nicht genug passiert", sagte SPD-Politiker Karl Lauterbach im Juni dem WDR, der sich früher als Bundesgesundheitsminister für einen besseren Hitzeschutz eingesetzt hatte.
Doc Esser ist Arzt und WDR-Moderator.
Das sieht auch Arzt und WDR-Moderator Heinz-Wilhelm Esser so, bekannt als Doc Esser. Der mangelnde Hitzeschutz sei schon allein an den vielen Büroarbeitsplätzen zu beobachten, sagte er am Donnerstag.
"Das hört natürlich in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen nicht auf. Auch da gibt es oft nicht die Möglichkeit, eine adäquate Umgebung zu schaffen", so Esser. Auch deshalb komme es zu einem "dramatischen Anstieg" der Zahl der Hitzetoten.
NRW-Gesundheitsminister: Die meisten Hitzetoten zu Hause
Die mit Abstand meisten hitzebedingten Sterbefälle gebe es aber zu Hause, sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Donnerstag dem WDR. "Man muss dann einfach sagen: Leute, ihr müsst jetzt überlegen, wo sind in eurer Gegend, wo ihr lebt, kühle Orte? Wo kann man hingehen, wenn es in der eigenen Wohnung zu warm ist?"
Außerdem sei es wichtig, ausreichend zu trinken. Solche Ratschläge würden sich zwar "banal" anhören, so der Minister. Um sich vor Hitze zu schützen, müsse man sich aber auf sie einstellen.
Unsere Quellen:
- Mitteilungen und Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zu Hitzetoten 2026
- WDR-Gespräch mit der RKI-Pressesprecherin
- WDR-Interview mit Doc Esser
- WDR-Interview mit Karl-Josef Laumann (CDU)
- WDR-Interview mir Karl Lauterbach (SPD) im Juni
- WDR-Interview mit Medizinerin Alina Herrmann
- Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu Sterbefällen
- Studie von Joan Ballester und anderen zu hitzebedingten Todesfällen 2022 in Europa, "Nature Medicine", 10.07.2023
- Nachrichtenagentur dpa
Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 09.07.2026, 12:45 Uhr
