Eine Lehrerin hält Unterricht vor einer zweiten Klasse in der Grundschule

Die Betreuung nach dem Unterricht ist noch oft unklar

Rechtsanspruch startet NRW-Städte fühlen sich bei Ganztagsbetreuung allein

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Betreute Kinder, entspannte Eltern - was nach einer einfachen Rechnung klingt, ist in der Realität so gut wie unmöglich. Seit Jahren fehlen Kita-Plätze trotz Rechtsanspruch. Jetzt kommt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für die Erstklässler. Aber schon jetzt fehlt es an Platz und Personal.

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Petra Dierks

Jareena macht Hausaufgaben. In dem Kiosk, in dem ihre Mutter seit einem Jahr arbeitet. Und genauso lange benötigt Eileen Mayer dringend einen Platz im Offenen Ganztag an der Schule ihrer Tochter. Denn die Siebenjährige kann noch nicht allein zuhause sein. Also fährt Jareena fast jeden Tag nach der Schule mit dem Bus ans andere Ende der Stadt. Und wartet dort, bis ihre Mama Schluss hat oder ihr Vater sie abholt. Stress seit einem Jahr.

Erstklässler haben Recht auf Ganztagsbetreuung

Kiosk statt OGS: Jareena hat keinen Platz im Offenen Ganztag

Aber in diesem Jahr gab es zumindest eine Chance. Ein Platz wurde frei. "Wir haben sofort alle Unterlagen, Arbeitsbescheinigungen eingereicht", erklärt Eileen Mayer. Das war im April. Im Mai kam die Ablehnung. "Das hat mir der Boden unter den Füßen weggezogen."

"Aufgrund des Rechtsanspruchs für die künftigen Erstklässler mussten wir unsere verfügbaren Plätze vorrangig an diese Kinder vergeben." Stadt Remscheid

So funktioniert der Rechtsanspruch in NRW

Ab August gibt es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Wer ein Kind in der ersten Klasse hat, bekommt auch einen Platz im Offenen Ganztag. Beschlossen hat das der Bund. Erfüllen müssen es die Kommunen.

Städte bleiben auf den Mehrkosten sitzen

Bis 2029 soll der Rechtsanspruch stufenweise für alle Klassen in der Grundschule sogar noch ausgebaut werden. Das bedeutet: jedes Jahr ein weiterer Grundschul-Jahrgang mit Rechtsanspruch, von der ersten bis zur vierten Klasse. Und das bedeutet mehr Platz und mehr Personal für die Betreuung. Und damit mehr Kosten.

Erstklässler haben Recht auf Ganztagsbetreuung

Remscheids Sozialdezernent Thomas Neuhaus sieht Land in der Pflicht

In Remscheid bekommen nahezu alle Erstklässler mit Betreuungsbedarf einen Platz. Sozialdezernent Thomas Neuhaus weiß schon jetzt, dass Remscheid den Rechtsanspruch nicht wird halten können. "Wir haben räumlich alles ausgeschöpft. Im zweiten, dritten und vierten Jahr des Rechtsanspruchs wird’s enger und enger."

Zwar haben Bund und Länder die Kommunen mit 3,5 Milliarden Euro für Ausstattung, sowie für Um- und Neubauten unterstützt. Und ab diesem Jahr beteiligt sich auch der Bund an den Betriebskosten. Aber laut dem Städtetag NRW werde das Geld vom Land nicht an die Städte weitergeleitet. Diese gingen seit Jahren in Vorleistung und blieben auf den Kosten sitzen.

NRW-Städte prüfen Verfassungsklage

Denn vom Land gibt es laut Städtetag bislang keine klare Regelung der Zuständigkeit und keine auskömmliche Finanzierung. Deshalb hatten acht NRW-Städte vor dem Verwaltungsgericht in Düsseldorf Klage eingereicht, um klare gesetzliche Regeln vorzugeben. Und damit auch eine größere finanzielle Unterstützung.

Das Gericht hatte vor zwei Wochen Woche zwar ein "berechtigtes Anliegen" bestätigt, aber das Verwaltungsgericht Düsseldorf sei nicht zuständig - dafür aber das NRW-Verfassungsgericht. Deshalb prüfen die Städte jetzt eine Verfassungsklage.

Trägervereine kommen an ihre Grenzen

Auch in der Kleinstadt Radevormwald steht die Verwaltung vor einer Mammutaufgabe. Bisher musste die Stadt nur sehr wenige Kinder ablehnen. Träger des Offenen Ganztags sind hier Schul-Fördervereine. Schulleitungen übernehmen ehrenamtlich die Organisation und kümmern sich um das Personal.

Erstklässler haben Recht auf Ganztagsbetreuung

In Radevormwald gibt es sogar eine Waldgruppe im Offenen Ganztag

Mit weniger Kindern funktioniert das gut. Man kennt die Familien und es gibt schnelle, unbürokratische Lösungen für benötigte Plätze. Seit fünf Jahren gibt es hier außerdem zwei Wald-OGS-Gruppen, in denen nur die Erstklässler betreut werden. Sie sind den ganzen Tag draußen - einen Gruppenraum brauchen die Kinder hier nicht. Und das hat sich herumgesprochen. Immer wieder kommen andere OGS-Vertreter, um sich das Konzept anzusehen.

Auch den normalen Offene Ganztag hat die Stadt mit Geldern von Bund und Land deutlich ausgebaut. Trotzdem kommen die Fördervereine an ihre Grenzen, wenn durch den Rechtsanspruch immer mehr Kinder betreut werden müssen. In der Verwaltung sucht man jetzt nach Lösungen. Konkrete Ideen gibt es aber noch nicht.

Lösungen müssen auch in Remscheid her. Auch Kinder wie Jareena brauchen dringend Platz - den finanzschwache Städte wie Remscheid aber nicht haben. Thomas Neuhaus sieht Bund und Länder in der Pflicht: "Es kann ja nicht sein, dass eben ein Rechtsanspruch auf der Bundesebene erhoben wird und offensichtlich alle Ebenen, die oberhalb der Kommune sind, uns hängen lassen."

Erstklässler haben Recht auf Ganztagsbetreuung

Eileen Mayer braucht dringend einen Platz für ihre Tochter

Am meisten trifft es aber wieder die Familien. Eileen Mayer denkt sogar darüber nach, für Jareena ihren Job aufzugeben. "Weil es keine Kindheit für Jareena ist, hier ständig mehrere Stunden zu sitzen und zu warten. Das eine Jahr hab ich wirklich die Zähne zusammengebissen. Aber wie soll’s weitergehen?"

NRW-Städte fühlen sich bei Ganztagsbetreuung alleingelassen

WDR 27.07.2026 00:44 Min. Verfügbar bis 26.07.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Eindrücke der Reporterin vor Ort
  • Stadt Remscheid
  • Stadt Radevormwald
  • Städtetag NRW

Sendung: WDR.de, NRW-Städte fühlen sich bei Ganztagsbetreuung alleingelassen , 27.07.2026, 5:02 Uhr

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