"Die sagen imma, wie wunder kriminell es hier is'"

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WDR 3 Min. 58 Sek. Verfügbar bis 25.08.2028

Wuppertal-Oberbarmen "Die sagen imma, wie wunder kriminell es hier is'"

Stand:

Drogen, Jugendbanden, Razzien - Oberbarmen hat seinen Ruf weg. Aber der Stadtteil ist mehr als das. Wir wollen wissen, wie die Menschen abseits von Negativ-Schlagzeilen und Vorurteilen ihren Stadtteil erleben: Was sagen die, die hier leben, selbst über Oberbarmen und ihren Alltag mittendrin?

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Wuppertal-Oberbarmen: Ein kurzer Steckbrief

Bunte Gemüseläden, kleine Cafes, aber auch laut aufheulende Motoren und Müll auf den Straßen. Es ist viel los in Oberbarmen. Fast nirgendwo sonst leben in Wuppertal Menschen aus so vielen Herkunftsländern auf so dichtem Raum zusammen. Nicht nur die materielle Armut ist ein Problem. Auch die soziale Armut ist groß.

Viele Familien können oft nicht mitmachen: kein Geld für Kino oder Schwimmbad. Ihre Kinder haben wenig Chancen auf einen Schulabschluss. Diese Perspektivlosigkeit führt einige in die Kleinkriminalität. Denn die Jugendbanden gibt es schon - die "Gucci-Gang" etwa hat deutschlandweit Schlagzeilen gemacht.

Und so ist der Berliner Platz in Oberbarmen auch ein Kriminalitätsschwerpunkt, steht unter besonderer Beobachtung durch die Polizei. Razzien gibt es regelmäßig, eine Staatsanwältin vor Ort wurde eigens für den Großraum eingesetzt, sie operiert dort mit einer Spezialeinheit der Polizei.

Aber es gibt auch viel Engegament in und für Oberbarmen: die "Färberei" mit kreativen Kulturprojekten, den "Bob-Campus", der Nachbarn zusammenbringt, und den CVJM, der mit Streetworkern schon auf jüngere Kinder zugeht.

Ein Stadttteil mit vielen Gesichtern und vielen Geschichten. Hier kommen sie selbst zu Wort:

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Birol Cakar: Möchte nicht, dass seine Kinder hier aufwachsen

Ein Mann mit schwarzer Jacke und weißem Hemd bekleidet steht auf einem Bürgersteig, links stehen drei Stühle und ein runder Tisch.

Birol Cakar

Bildquelle: WDR / Jennifer von Massow, Wolfram Lumpe

Birol Cakar, Kurde, hat 28 Jahre in Wuppertal als gelernter Baumaschinenführer im Tiefbau gearbeitet

Früher war hier anders alles. Heute sind hier einfach zu viele Leute, zu viele Schlägereien. Ich sehe so viele Sachen, die überhaupt nicht zu Deutschland passen. Drogen, Schlägerei, Unfälle, keine Ordnung. Oder die fahren wie Verrückte hier durch. Du kannst mit den Menschen gar nicht reden, jeder hat ein Messer in der Tasche. 

Also einmal habe ich mein Auto da geparkt. Und jemand sagt: Das ist mein Parkplatz. Fahren Sie raus. Ein Araber - tut mir leid. Und dann musste ich rausfahren. Und dann habe ich gesehen, ein paar Leute haben hinter mir rumgestanden und wollten mich schlagen. Ich habe Angst gehabt. Ich habe das Messer in der Hand gesehen. Da kannst du nichts machen. Rufst du die Polizei: "Wir können nichts machen."

"Ich will mit meinen Kindern hier nicht mehr wohnen. Aber ich kann nicht irgendwohin. Wo soll ich hin?" Birol Cakar

Oberbarmen war früher besser, denke ich. Jetzt haben viele Menschen Angst, hier vorbeizulaufen. 

Ich bin seit 37 Jahren in Deutschland. Ich komme aus der Türkei, aus dem kurdischen Gebirge, ich bin Kurde. Und ich habe auch 28 Jahre gearbeitet, hier in der Stadt. Ich bin Frührentner, ich habe meine Nieren verloren, jetzt arbeite ich nicht.  

Ich sehe so viele Menschen, die rumlaufen und einfach von der Stadt leben und die Stadt tut nichts. Nichts. Ich sehe auch viele Menschen, die schwarzarbeiten, trotzdem vom Jobcenter kassieren. Und Drogen verkaufen, an jeder Ecke.  

Ich will mit meinen Kindern hier nicht mehr wohnen. Aber ich kann nicht irgendwohin. Wo soll ich hin? Ich weiß nicht, was die Politiker machen, aber das muss sich ändern, denke ich. Das ist meine Meinung. 

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Isabell Hanisch: Nur keine Angst vor Oberbarmen!

Eine Frau mit langen blonden Haaren, bekleidet mit einem schwarzen Oberteil, steht vor einem Eiscafé.

Isabell Hanisch

Bildquelle: WDR / Jennifer von Massow, Wolfram Lumpe

Isabell Hanisch betreibt seit 23 Jahren das Café Barocco am Berliner Platz

Hier wird immer erzählt, wie wunder wie gefährlich das hier is'. 

Ich bin seit 23 Jahren hier am Hotspot, an dem schönen Platz. Ich mache sehr schöne Erfahrungen. Also wir haben hier viele Deutsche, wir haben auch Südländer hier. Aber ich kann nur positiv davon sprechen. Sonst wäre ich auch nicht mehr hier.  

"Ich sag mal, wenn ich so lange jetzt hier überlebt habe, dann werden die anderen das auch überleben, wenn sie nach Oberbarmen kommen." Isabell Hanisch

Die verstehen sich untereinander, die tauschen sich auch gut aus, da sind Freundschaften entstanden. Das ist ein Treffpunkt geworden in Oberbarmen.  

Und ich denke auch, viele Deutsche haben gar kein Problem mit den Südländern. Es wird nur immer anders erzählt, wie wunder kriminell die hier in Oberbarmen sind. Natürlich gibt es Kriminelle, aber die gibt es überall, die gibt es nicht nur in Oberbarmen. 

Ich würde mich freuen, wenn mehr Deutsche nach Oberbarmen kommen. Also die brauchen keine Angst zu haben. Ich sag mal, wenn ich so lange jetzt hier überlebt habe, dann werden die anderen das auch überleben, wenn sie nach Oberbarmen kommen.  

Dieser Platz wird auch teilweise überwacht und die Polizei ist immer präsent. Sechs bis acht Mal am Tag fahren die hier her. Und das ist schon viel, finde ich. 

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Engin: Hier ist viel los - Gutes und Schlechtes

Ein Mann mit Brille lächelt zufrieden

Engin

Bildquelle: WDR / Julia Bichel

Engin (möchte seinen Nachnamen nicht nennen), lebt seit fast 30 Jahren in Oberbarmen und fühlt sich hier verwurzelt.

Ich bin eingereist als Migrant aus der Türkei im Dezember 1978. Damals waren hier schon viele Griechen in Wupperfeld. Da war das ein bisschen anders hier. Als Kind nimmt man ja auch manche Sachen anders wahr. Es war nicht so lebendig wie jetzt, muss ich sagen. Finde ich jetzt schöner, lebendiger.

"Ich finde, dass es ein sehr lebendiger Stadtteil ist. Hier ist viel los, hier sind viele Menschen auf den Straßen." Engin

In erster Linie würde ich sagen, ich fühle mich hier sehr sicher. Man denkt ja immer, Oberbarmen ist so ein bisschen kriminell, aber das kann ich nicht bestätigen. Ich fühle mich hier schon relativ sicher.

Hier ist viel los, hier sind viele Menschen auf den Straßen. Einkaufen, kurz zum Arzt gehen, Apotheke und dann noch einen Kaffee trinken. Alles draußen, wenn das Wetter schön ist.

Es ist natürlich viel los hier in Oberbarmen, Gutes und Schlechtes. Alle zwei, drei Tage merkt man schon, wenn man hier so vorbeigeht, da gibt es schon so eine kleine Schlägerei oder Auseinandersetzung.

Ich bin stark verwurzelt, hab' zu viel aufgebaut hier, was das Weggehen nicht so einfach macht.

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Volkan Aslan: Hätte gerne, dass mehr Polizei unterwegs ist

Ein Mann steht vor einem roten Schaufenster mit der Aufschrift "CAESAR", im Fenster spiegeln sich Autos von einer Strasse.

Volkan Aslan

Bildquelle: WDR / Jennifer von Massow, Wolfram Lumpe

Volkan Aslan, 1978 aus der Türkei gekommen, betreibt eine Spielhalle in der Berliner Straße

Es ist mittlerweile gemischt. Man sieht viele Menschen hier, also auch Ausländer, alles nette Leute. Die begrüßen uns auch, wenn wir hier arbeiten.    

"Ich hätte gerne, dass noch mehr Polizei unterwegs ist, dass man sich sicherer und wohler fühlt." Volkan Aslan

Die schlechten Seiten sehen wir manchmal abends, weil wir hier bis in die Nacht arbeiten. Dann sehen wir ab 22 Uhr am Wochenende, dass die Streife oft rumfährt. Das finden wir natürlich gut. Man sieht dann auch die Jugendlichen. Ich weiß nicht, ob die Drogen verkaufen oder nehmen.  

Wir haben Angst, dass jemand mit einem Messer oder einer Waffe reinkommt. Wir sind natürlich abgesichert, wir haben Kameras, Notfallknöpfe. Polizei und  Sicherheitsdienst sind innerhalb von fünf Minuten da. Aber trotzdem, man hat dann die Angst immer wieder.  

Ich hätte gerne, dass noch mehr Polizei unterwegs ist, dass man sich sicherer und wohler fühlt.

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Anke: Vermisst das alte Oberbarmen

Eine Frau mit Brille und blauer Baskenmütze steht an einer Einkaufsstrasse.

Anke

Bildquelle: WDR / Jennifer von Massow, Wolfram Lumpe

Anke (möchte ihren Nachnamen nicht nennen). 91 Jahre, lebt seit rund 50 Jahren in Oberbarmen

Also seit 50 Jahren kenne ich das hier. Das war ein Stadtteil mit sehr guten Wuppertaler Geschäften. Wir hatten ein Schuhgeschäft, ein Modegeschäft, wir hatten wirklich gute Geschäfte, sogar ein Reformhaus hatten wir hier. Und dann hat sich das natürlich gewandelt mit der Zeit.  

Wir hatten also in Wupperfeld erst mal die Griechen, dann hatten wir hier die Türken, dann kamen die Araber und jetzt kommen allmählich die Nordafrikaner. Wir haben jetzt die Läden mit den langen Kleidern, die zwar sehr schön aussehen, aber natürlich das Stadtbild verändern.  

Und wir haben sehr viele Männer auf der Straße. Wenn ich hier mal so am Sonntag alleine vom Berliner Platz zum Wupperfeld laufe, habe ich schon mal hundert Männer gezählt und vielleicht drei Frauen.  

Natürlich ist die Drogenszene hier groß und dann kann man schon mit der Drogenszene in Kontakt kommen. In letzter Zeit habe ich es nicht so gemerkt, aber zu manchen Zeiten war es schon ziemlich stark. Dann habe ich auch gesehen, wie der Ober-Drogenboss irgendwie was verteilt hat. 

"Ich habe hier noch keine politischen Einflüsse gemerkt. Das Rathaus ist weit weg. " Anke

Von einer bestimmten Zeit an fühle ich mich nicht mehr sicher. Dann gehe ich auch nicht auf die Straße, dann fahre ich entweder mit dem Bus oder mit dem Taxi nach Hause. 

Wenn ich hier in den Laden gehe und ich werde nicht mit Deutsch verstanden, dann finde ich das schon extrem. Ich lebe hier in Deutschland, ich habe auch ein Recht, in meiner deutschen Sprache in einem Laden was einkaufen zu können. So empfinde ich das. 

Ich habe hier noch keine politischen Einflüsse gemerkt. Das Rathaus ist weit weg.  

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Der Bezirksbürgermeister: Hier muss was passieren

Ein Mann in einem blauen Sakko blickt in die Kamera

Christian Wirtz

Bildquelle: WDR

Christian Wirtz (CDU) ist seit November 2025 Bezirksbürgermeister im Stadtbezirk Oberbarmen.

Wenn Sie das hören von den Menschen – das ist ja ihr Bezirk – dass die Politik dort nicht ankommt, was macht das mit Ihnen?

Christian Wirtz Das besorgt mich. Das besorgt mich wirklich, weil das ein Grundanliegen ist, weswegen ich Politik mache. Und ich weiß: weswegen auch ganz viele in der Bezirksvertretung Politik machen.

Was ja deutlich geworden ist: dass wir im Moment ein Riesenproblem in Oberbarmen mit dem Sicherheitsgefühl der Menschen haben und da müssen wir ran. Und das ist auch das, was ich mir auf die Fahnen geschrieben habe.

Wir müssen viel kleinteiliger anfangen. Es gibt nicht den einen großen Regler, den wir umlegen können. Das fängt ganz klein an mit Ordnungswidrigkeiten. Es sind ja immer einige wenige, die dann das schlechte Bild ausmachen.

Ihre Politik kommt nicht an – warum meinen Sie, ist das so? Sind das zu wenig Veränderungen, sind die zu klein? Warum sagen die Menschen, das kommt nicht an?

Wirtz Das ist eine Frage, die wir uns jetzt auch schon seit Längerem stellen. Wir haben in der letzten Kommunalwahl nur 39% Wahlbeteiligung gehabt, in Oberbarmen, ein fast historisch niedriger Wert. Und seitdem versuchen wir, immer mehr in die Öffentlichkeit zu gehen.

Ich bin also jede Woche in mehreren Institutionen, Vereinen, Nachbarschaftsvereinen, auch Kirchen und anderen Glaubenseinrichtungen, unterwegs und versuche dort mit den Menschen in Kontakt zu kommen: Ich hab da sehr gute Erfahrungen. Aber das Vernetzen, das dauert halt.

Wirtz Das muss man dann mal die Verwaltung fragen. Die Politik hat in der letzten Legislaturperiode Stellen dafür bereitgestellt, die jetzt besetzt werden müssen. Es muss priorisiert werden, aber das sind Dinge, die das Ordnungsamt machen muss.

Lassen Sie uns doch mal darauf schauen, was es in den letzten Monaten, im letzten Jahr, ganz konkret in Oberbarmen passiert, dass die Menschen das Gefühl bekommen könnten, hier wird wieder für mehr Sicherheit gesorgt.

Wirtz Was ich feststelle, ist – und das ist auch ein Aspekt des Sicherheitsgefühls – die Sauberkeit hat sich verbessert. Die ESW [die Wuppertaler Straßenreinigung] sind sehr, sehr fleißig, die sind schon ganz früh morgens unterwegs, versuchen wirklich den Stadtbezirk sauber zu halten und das sieht man auch schon. Das hat schon mal erste Auswirkungen.

Was allerdings noch nicht passiert ist und was unbedingt passieren muss: Wir brauchen mehr Präsenz, wir brauchen mehr Ordnungsamt, wir brauchen aber auch mehr Polizei, die sich dort in dem Bereich, auch persönlich in Form von Fußstreifen, blicken lässt.

"Wir müssen uns mehr in Oberbarmen blicken lassen, damit die Menschen vor Ort merken: Der Staat versagt nicht, sondern der Staat ist da, und der Staat kümmert sich." Christian Wirtz

Warum ist das noch nicht umgesetzt worden?

Wir als Politik können immer nur darauf hinweisen, Druck machen und sagen, hier muss was passieren. Auch das Umdenken in der Verwaltung schärfen: Hoppla, wir müssen uns doch mal mehr in Oberbarmen blicken lassen, damit die Menschen vor Ort merken: Der Staat versagt nicht, sondern der Staat ist da, und der Staat kümmert sich.

Wenn wir uns in zehn Jahren hier wieder treffen und über Oberbarmen sprechen, was sagen Sie, was hat sich dann verändert?

Wirtz Ich hoffe, dass sich dann das Sicherheitsgefühl verändert hat, dass die Leute sagen, ich gehe angstfrei durch Oberbarmen. Ich bin gerne da, ich bin gerne auf dem Berliner Platz – wo auch noch viel gemacht werden muss – und ich genieße einfach das schöne Wupperufer.

Das heißt, wenn man sie demnächst in Oberbarmen trifft: Direkt ansprechen, Ideen mitgeben?

Wirtz Definitiv. Jederzeit.

Studiogespräch mit Christian Wirtz (CDU), Bezirksbürgermeister Wuppertal-Oberbarmen

Bildquelle: WDR

WDR 3 Min. 51 Sek. Verfügbar bis 25.08.2028

Unsere Quellen


  • WDR-Gespräche mit Anwohnern
  • WDR-Gespräch mit Christian Wirtz (CDU), Bezirksbürgermeister im Stadtbezirk Oberbarmen

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit Bergisches Land, 25.08.2026, 19.30 Uhr

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