Christoph von Vogelstein (rechts) leitet die Berufsausbildung bei Daimler Truck und lernt dabei auch viel von seinen Azubis.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzKI in der Ausbildung : In Dortmunder Betrieb werden Lehrlinge zum Lehrer
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Wie integriert man künstliche Intelligenz in die Ausbildung, wenn man selbst noch nicht weiß, wie man mit ihr umgehen soll? Ein Besuch bei einem Dortmunder Nutzfahrzeugbetrieb, der es mit seinen Azubis gemeinsam herausfindet.
Tausende verschiedene Ersatzteile stapeln sich im Lager von Daimler Truck in Dortmund: Filter, Bremsscheiben, Fensterscheiben, sortiert in Regalreihen, die bis unter die Hallendecke reichen. In dem Nutzfahrzeugzentrum werden Fahrzeuge vom Zoll bis zur Müllabfuhr repariert – für jedes muss im Ernstfall das richtige Teil griffbereit sein.
Für die Azubis Edina Veselji und Taras Rudyi war genau dieses Lager der Ausgangspunkt für ein Projekt mit künstlicher Intelligenz (KI): eine Anwendung, die Reparaturaufträge automatisch analysiert. Sie sortiert sie nach Dringlichkeit, gleicht ab, welche Teile im Lager verfügbar sind, und bestellt fehlende Teile nach.
Edina Veselji macht eine Ausbildung zur Automobilkauffrau und ist bereits im zweiten Lehrjahr.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzSchließlich muss es hier oft schnell gehen. In ihrem Ausbildungsbetrieb geht es nämlich nicht um gewöhnliche Autos, die sich im Zweifel gegen einen Leihwagen tauschen lassen, sondern um Nutzfahrzeuge.
Steht ein Müllfahrzeug oder ein Rettungswagen in der Werkstatt, gibt es dafür oft keinen direkten Ersatz. Genau hier könnte die KI-Anwendung den Betrieb effizienter machen.
Programmieren ohne Vorwissen
Eigentlich haben die beiden Auszubildenen in ihrer Ausbildung wenig mit künstlicher Intelligenz und Informatik zu tun: Veselji macht eine Ausbildung zur Automobilkauffrau, Rudyi zur Fachkraft für Lagerlogistik.
Taras Rudyi macht eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik und ist bereits im zweiten Lehrjahr.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzDass sie trotzdem eine KI-Anwendung entwickelt haben, ist das Ergebnis einer NRW-weiten Initiative: AzubiTrAIn – ein Angebot des Fördervereins für Jugend und Sozialarbeit e. V., das vom Arbeitsministerium des Landes unterstützt wird.
Das Projekt kümmert sich um eine Herausforderung, vor der gerade viele Ausbildungsbetriebe stehen: Während die Ausbildenden selbst noch herausfinden müssen, wie sie im Arbeitsalltag mit KI umgehen wollen, erwarten ihre Azubis längst, dass sie genau darin ausgebildet werden.
Unter dem Motto "von der Kohle zur KI" will AzubiTrAIn diese Lücke schließen. Damit knüpft das Projekt an den Strukturwandel im Ruhrgebiet an.
Online-Sessions, Praxis-Labs, Hackathons
"Wie sich Betriebe – aber vor allem, wie sich auch die jungen Menschen mit KI beschäftigen, wie sie sie nutzen und wie kompetent sie das tun, ist sehr unterschiedlich", sagt Elisabeth Vogel, die das aktuelle AzubiTrAIn-Projekt leitet. Daher wolle das Projekt alle mitnehmen.
Online-Kurse vermitteln den Teilnehmenden einen gemeinsamen Wissensstand. Darauf folgen zweitägige Praxis-Labs direkt im Betrieb. Und mehrmals im Jahr ein großer Hackathon, bei dem Azubis zusammenkommen, um in wenigen Stunden einen Prototyp zu bauen.
Die Logistik-Anwendung von Veselji und Rudyi ist bei so einem Hackaton entstanden. 80 Auszubildende aus verschiedenen Branchen nahmen daran teil: von der Softwarefirma über Kliniken bis zur Bäckerei.
"Wer teilnimmt, hat oft eher was mit der Haltung eines Unternehmens zu tun. Da kann es gut sein, dass eine Bäckerei weiter vorne ist, weil sie einfach auf Zukunft setzen muss, um auch Azubis zu bekommen", sagt Vogel.
Ausbildende lernen mit
Was solche KI-Initiativen tatsächlich für den Arbeitsalltag bedeutet, merkt man im Gespräch mit Daimler Truck-Ausbilder Christoph von Vogelstein. Er selbst ist über den Arbeitsalltag zur KI gekommen, etwa bei bei E-Mails oder Präsentationen.
Ein paar Tipps hat er sich dazu auch von seinen Auszubildenen geholt. Eine Auszubildende zeigte ihm, dass sie eine kostenpflichtige KI-Version nutzt: "Das war eine Kommunikation wie mit Menschen. Das fand ich schon echt aufregend", erinnert er sich.
Der Betrieb verkauft und repariert Nutzfahrzeuge.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzSo kamen immer mehr neue Anwendungen in seinen Arbeitsalltag. Es sei eben ein gegenseitiges Lernen, betont von Vogelstein.
Wer bringt eigentlich wem was bei?
Für Käthe Klein, Bildungsexpertin bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Essen, verschieben sich durch künstliche Intelligenz die klassischen Rollenbilder der Ausbildung. Wo Azubis KI-Anwendungen bereits aus Schule und Alltag mitbringen, könnten sie ihren Ausbilderinnen und Ausbildern durchaus etwas beibringen.
"Betriebe müssen jetzt noch nicht die perfekte KI-Strategie entwickelt haben, sondern können vielleicht mit kleinen, konkreten Anwendungsfällen beginnen und das eben gemeinsam erlernen", sagt sie.
Kein Weg vorbei an der KI
Dass KI in der Ausbildung insgesamt aber eine Rolle spielen muss, steht für Klein außer Frage: "Es gibt gar keinen Weg mehr drum herum. KI ist schon in die Arbeitswelt eingezogen und wird Berufsbilder und dadurch auch Arbeitsweisen und Handlungskompetenzen total verändern."
Das gelte keineswegs nur für klassische IT-Berufe, sondern für jeden Beruf, in dem kommuniziert, recherchiert oder dokumentiert wird.
Die fachliche Ausbildung bleibe trotzdem entscheidend, betont Klein. Denn es sei weiterhin Fachwissen gefragt, um die Ergebnisse dessen, was mit der KI erarbeitet wurde, zu prüfen. "Da kommt dann eben der Ausbilder, die Ausbilderin ins Spiel, die Ergebnisse mit dem Fachwissen und den Fachkenntnissen überprüfen zu müssen. Und da entsteht das gemeinsame Lernen."
Risiken von KI
Ein Risiko sieht Bildungsexpertin vor allem dort, wo Betriebe das Thema KI unbegleitet lassen: Fehlende Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten etwa in Projektarbeiten könne im Ernstfall dazu führen, dass Azubis durchfallen.
Auch die Sorge, dass gerade kleinere Betriebe ohne eigene KI-Initiativen gegenüber großen Unternehmen nicht mithalten könnten, hält sie für real, aber nicht neu: "Das ist ein Risiko, das ist es aber bei der Einführung jeder neuen Technologie."
Programme wie AzubiTrAIn könnten deshalb diese Lücken schließen, sagt Klein – weil sie einen geschützten Raum bieten, um auszuprobieren und dabei auch Fehler machen zu dürfen.
Eigentlich fangen ja alle bei null an. Jutta Schneider, AzubiTrAIn
KI-Weiterbildungen richten sich daher auch an Ausbilderinnen und Ausbilder. Nicht nur, damit sie das Thema im Betrieb vorantreiben, sondern damit sie selbst Sicherheit gewinnen, statt allwissend wirken zu müssen, sagt Jutta Schneider, die die Pilotphase von AzubiTrAIn leitete. "Es ist wirklich intergenerationelles Lernen."
Ausbilder von Vogelstein tastet sich beim Thema KI weiterhin Schritt für Schritt voran. Die nächste Azubi-Generation hat er schon für den kommenden Hackathon angemeldet, und hofft dann auch von ihnen Neues lernen zu können.
Der Mensch bleibt wichtig
Bei der Frage, ob KI die Berufe, die er bei Daimler Truck ausbildet, einmal ersetzen wird, ist von Vogelstein vorsichtig. Das Geschäft mit Nutzfahrzeugen sei zu kleinteilig und kundenspezifisch für eine Generallösung mit KI, glaubt er.
Das Lager ist voll gepackt: Die KI behält den Überblick.
Bildquelle: WDR / Marie Vandenhirtz"Man braucht auch zukünftig Leute, die beraten, die für Kunden da sind – und das, glaube ich, machen dann auch noch Menschen", so von Vogelstein.
Ob aus Veseljis und Rudyis Logistik-Anwendung je mehr wird als ein Hackathon-Prototyp, ist offen. Aber die Idee, mit KI ein sehr konkretes Alltagsproblem im Lager zu lösen, statt nur abstrakt über KI zu reden, ist in ihrem Betrieb bereits angekommen.
Unsere Quellen:
- Gespräch der Industrie und Handelskammer zu Essen
- Gespräch mit einem Ausbildungsbetrieb und ihren Azubis
- Gespräch mit AzubiTrAIn
- Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Wenn Azubis den Ausbildenden etwas beibringen, 15.09.2026, 05.02 Uhr
