Drogensüchtige Frau bettelt auf der Straße um Geld

Heroin, Kokain und Crack: Die Drogenszene wird immer sichtbarer

Drogenszene in der Nachbarschaft Zwischen Crackpfeife und Schulhof

Stand:

Händler und Anwohner fühlen sich ohnmächtig angesichts der wachsenden Drogenszene in ihren Städten. In Dortmund zeigt sich der Suchtdruck durch aggressives Betteln und Ladendiebstahl in der Innenstadt. In Kleve wird Tag und Nacht in einem Wohnviertel nahe einer Schule gedealt. Die Politik ringt um Lösungen: Wohin mit denen, die unerwünscht sind?

Von
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Dirk Planert
und
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Laura Kasprowiak

Am frühen Morgen rollen Obdachlose vor dem Dortmunder Hauptbahnhof ihre Schlafsäcke zusammen. Noch verschlafen spricht ein junger, auffällig ungepflegter Mann Pendler auf Kleingeld an. Erfolglos. Der Mann schlurft weiter Richtung Westenhellweg. Hier steht schon die Konkurrenz, mitten in der Fußgängerzone: "Entschuldigung, eine Frage, hätten Sie vielleicht was Kupfergeld, was kleines, was nicht weh tut?"

"Was soll ich denn machen, ich brauche Koks!" Marcel, Drogensüchtiger aus Dortmund

Der Mann heißt Marcel, ist 42 Jahre alt. Kokain und Alkohol haben ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist: ein Kokswrack. Er hat Suchtdruck und wirkt deshalb aggressiv. Er weiß, dass er hier nicht gern gesehen ist.

Drogensüchtiger auf dem Westenhellweg in der Dortmunder Innenstadt

Marcel bettelt auf dem Westenhellweg in Dortmund für Kokain

Neulich habe er beobachet, wie eine Drogenkranke eine Mutter mit ihren Kindern an einem Restaurant anbettelte, aber nichts bekommen habe. Die Frau schmiss daraufhin das Essen vom Tisch. Die Kinder hätten geweint, erzählt er. Dann ist sein Kopf wieder beim alles bestimmenden Thema: "Hast Du fünf Euro? Ich brauch' Koks. Seit vier Tagen habe ich nicht gepennt."

"Plötzlich lag ein Junkie unter unserem Bett."

120 Kilometer von Dortmund entfernt hat die Drogenszene ein anderes Gesicht. Kinderlachen schallt über den Schulhof der Montessori Grundschule in Kleve. Ein Mädchen läuft mit ihrem Tornister nach Hause, vorbei an blühenden Hortensien und gestutzten Hecken. An der Spykstraße legt man Wert auf gepflegte Vorgärten.

Nur ein Haus wirkt wie ein Fremdkörper. Heruntergelassene Jalousien, das Unkraut wuchert. Plötzlich hält ein Fahrradfahrer am Gartenzaun, ein Rottweiler bellt, ein Mann kommt heraus. Die beiden tauschen Päckchen aus. Die Szene dauert keine zehn Sekunden.

Ein Schulkind läuft an einem Haus vorbei

Die Drogenszene mitten im Wohngebiet verunsichert Kinder, Eltern und Anwohner

"Hier wird Tag und Nacht gedealt. Die Menschen, die hier rumlungern, sprechen die Kinder an", berichtet Michael Berg, der zwei Häuser weiter wohnt. "Wir empfinden die Situation als bedrohlich." Er weiß, wovon er spricht: "Plötzlich lag vor ein paar Monaten ein Junkie unter unserem Bett, nachdem ich mit dem Hund spazieren gegangen war." Er berichtet fast nüchtern von der absurden Situation, als er den fremden Mann an der Hose hervorzog und mit Tritten aus dem Haus warf. Die beschauliche Nachbarschaft wird zum Angstraum.

Drogenrazzia von Polizei und Ordnungsamt

Zuletzt gab es im vergangenen Sommer eine große Razzia von Polizei und Ordnungsamt in diesem Haus, nachdem Anwohner und Eltern der benachbarten Grundschule einen Brandbrief geschrieben hatten. "Seitdem ist es etwas ruhiger geworden, aber es wird weiter offen mit Drogen gehandelt und wir müssen damit leben." Eine junge Mutter, die ihren Sohn von der Schule abholt, ist wütend: "Die Junkies sollen einfach weg."

"Es wurden schon Spritzen auf dem Schulhof gefunden." Mutter eines Grundschulkinds

Aber wo sollen sie hin? Im Schatten der Schwanenburg, zwischen den historischen Gebäuden mit ihren geschwungenen Ziegeldächern und dem Spoykanal fällt die Drogenszene in Kleve besonders auf. Anders als in Großstädten wie in Duisburg und Köln ist die Szene überschaubar. Hinter dem Klever Bahnhof stand jahrelang ein Drogen-Container, bis ein Brand Ende 2024 diesen Rückzugsort zerstörte. Die Politik ringt seitdem um Lösungen für die, die unerwünscht sind.

"Wir wollen nicht mehr reden. Wir wollen Lösungen."

Während Kleve nach einem Ort für eine vergleichsweise kleine Szene sucht, kämpft Dortmund mit ganz anderen Dimensionen. Dort sind am Nachmittag die Cafés auf dem Alten Markt voll. Ein junger Mann spricht die sitzenden Menschen auf Kleingeld an. Kevin (27) weiß, das ist verboten. Ansprechen heißt: aggressives Betteln.

Im vergangenen Jahr hat das Ordnungsamt deshalb rund 1.700 mal ein Bußgeld in Höhe von 50 Euro verhängt. "Kann ich nicht bezahlen, dann werde ich im Gefängnis landen." Er brauche 12 Euro für die Übernachtungsstelle, sagt Kevin. Wenn er die nicht geschnorrt bekomme, dann müsse er klauen. Die Ware verkaufe er dann an Taxifahrer oder an Kioske. Der Chef des Cafés will nicht mehr über die Situation sprechen: "Wir wollen nicht mehr reden. Wir wollen Lösungen."

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Ladendiebstahl gehört zum Alltag

Marcel, der Drogensüchtige aus Dortmund, riecht nach Bier, Schweiß und Straße. Der Geruch, den der Wind jetzt herüber trägt, kommt aus der anderen Welt. Die ohne Sucht. Die Türen einer Parfümerie stehen weit offen. Filialleiter Matthias Schneider steht davor. Sein großes Problem ist der Verlust durch Ladendiebstahl - bis zu 100.000 Euro im Jahr.

"Damit haben wir jeden Tag zu kämpfen. Wenn die bei uns den Store betreten, werden die direkt raus eskortiert: Ist der Ladendiebstahl schon passiert, ruft man die Polizei und dann, nach 10 Minuten, wird er wieder entlassen auf den Westenhellweg und geht dann quasi zu unseren Kollegen nebenan. Das ist ein Fass ohne Boden. Da ist man machtlos." Die Polizei wurde im ersten halben Jahr rund 1.200 mal wegen Ladendiebstahls in die City gerufen, fast acht mal jeden Tag.

Fillialleiter Matthias Schneider steht vor seiner Parfümerie in Dortmund

Einzelhändler Matthias Schneider ist frustriert angesichts der wachsenden Drogenkriminalität

Mikrohandel soll geduldet werden, um Dealer von der Straße zu bekommen

Die Stadt Dortmund will einen zweiten Drogenkonsumraum einrichten, um die Bettler aus der City zu bekommen. Der liegt etwas außerhalb der Stadt. Die Eröffnung war bereits für Dezember 2025 geplant. Nun soll es September werden. Ob der Raum genutzt wird, das wird erst die Praxis zeigen.

Außerdem hat der Rat sich für das Zürcher Modell entschieden. Der Mikrodrogenhandel wird dann auch im Drogenkonsumraum geduldet, um die Dealer von der Straße zu bekommen. Der bisherige Drogenkonsumraum hat rund 2.000 registrierte Klienten.

"Ich finde das schon teilweise sehr unangenehm", sagt Annegret Köhler, die gerade mit ihrem Freund durch die City flaniert. "Allein der Gedanke, das Portemonnaie auf der Straße rauszuziehen und zu öffnen." Es wird Abend. Anja sitzt vor einem Geschäft. Auch sie bettelt um Geld, eigentlich geht es um Heroin: "Das ist alles eine Katastrophe hier. Was man nicht vertreiben kann, das muss man integrieren."

Die Polizei wurde wegen Ladendiebstahl zu einer Parfümerie in der Dortmunder City gerufen

Täglich Ladendiebstahl in der City: 1.200 Polizeieinsätze im ersten halben Jahr 2026

Die Klever Drogenszene an der B57

Zurück in Kleve. Neun Menschen sitzen versteckt hinter Büschen und Bäumen in einer alten Bushaltestelle, eine Crackpfeife geht um. Ihre Blicke sind misstrauisch. Reporterinnen sind an diesem Ort unerwünscht. "Was willst du hier?", fragen sie. "Eure Perspektive!"

Zwei Frauen hocken auf Baumstämmen ein paar Meter weiter. Eine versucht vergeblich, eine Vene für ihre Spritze zu finden. Alles schreit hier nach Elend. Dieser Ort liegt direkt an der B57, zwischen Autobahn und Industriegebiet - so vor einigen Monaten festgelegt von der Klever Politik. "Wir schleppen uns irgendwie hier hin, aber es ist eine Frage der Zeit, bis es knallt." Im Hintergrund ist das Rauschen der Bundesstraße zu hören.

Eine alte Bushalte zwischen Bäumen und Büschen

Abseits der Stadt: Eine alte Bushaltestelle ist der Treffpunkt der Klever Drogenszene

Und dann erzählt Jenny, die eigentlich anders heißt, dass sie sich einen Druckraum wünscht, der sauber ist. Sie hält wie zur Bestätigung ihre dreckige Spritze hoch, bevor sie sich den nächsten Schuss setzt. In Kleve gibt es so etwas nicht. An der Bushaltestelle am Stadtrand endet diese Geschichte nicht. Sie beginnt jeden Tag von Neuem. Denn die Drogenszene bleibt, auch wenn sie aus dem Blickfeld verschwindet.

Wie die Sucht den Alltag in den Innenstädten verändert

WDR 01.07.2026 04:03 Min. Verfügbar bis 01.07.2028 WDR Online

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Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des Reporters in Dortmund
  • Drogenhilfeeinrichtung ''Kick''
  • Stadt Dortmund
  • Polizei Dortmund
  • Beobachtungen der Reporterin in Kleve
  • Caritas Suchthilfe Kleve
  • Polizei Kleve

Sendung: WDR.de, Wie die Sucht den Alltag in den Innenstädten verändert, 01.07.2026, 5:03 Uhr

Dieser Beitrag liefert Ergänzungen zum YouTube-Film ''Die andere Frage - Zwischen Spritzen, Crackpfeifen und Angst – Warum passiert hier nichts?'' von WDR und funk vom 30.06.2026, 16 Uhr

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