Warum Kokain Nordrhein-Westfalen überschwemmt
WDR. 04:05 Min.. Verfügbar bis 01.07.2028.
Drogenhandel in NRW : Warum Kokain Nordrhein-Westfalen überschwemmt
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Vom Hafen in Rotterdam bis auf die Straßen in NRW: Kokain gelangt in immer größeren Mengen nach Deutschland. Experten sehen Nordrhein-Westfalen als wichtiges Einfalltor - mit Folgen, die schon lange nicht mehr nur die Drogenszene betreffen.
Am Hansaring in Köln sitzt Nicole auf einer Mauer. Seit rund 30 Jahren konsumiert sie Drogen. Die Szene habe sich verändert, sei härter und rücksichtsloser als früher geworden. Kokain und vor allem Crack seien heute leichter zu bekommen als je zuvor. ''Der Markt wird mit Kokain geflutet,'' sagt sie. Und die Preise seien deutlich niedriger als früher. Besonders beliebt: Crackkugeln, die meist sofort nach Erwerb in einer Pfeife geraucht werden und unmittelbar wirken.
Kokain und Crack überschwemmen den Drogenmarkt in NRW wie nie zuvor. Polizei und Zoll beschlagnahmen zwar immer größere Mengen illegaler Substanzen, gleichzeitig steigt aber auch der Konsum. Vor allem Nordrhein-Westfalen ist betroffen. Während die Gesamtkriminalität im Bereich Drogen nach der Cannabis-Legalisierung sank, stiegen die Zahlen der Straftaten bei Kokain, einschließlich Crack, um 17 Prozent - im Acht-Jahres-Vergleich sogar um 80 Prozent. Das zeigen die Zahlen des Landeskriminalamtes NRW.
Crack verändert das Stadtbild
In vielen Städten in Nordrhein-Westfalen zeigt sich diese Entwicklung der Drogenszene inzwischen im Stadtbild. Offener Konsum, Süchtige in Innenstädten und eine Szene, die sich längst nicht mehr auf einzelne Orte beschränkt.
Besonders Crack verändert das Bild in den Innenstädten. Das High der Droge hält oft nur sehr kurz an, danach brauchen die Abhängigen schon wieder die nächste Dosis. Das große Problem: Die Drogensüchtigen haben sich nicht unter Kontrolle. Sie können nur noch an den hohen Konsumdruck denken, ihre Umgebung zählt nicht mehr.
Der psychische und physische Verfall der Süchtigen geht schnell bei Crack. Das ist auf den Straßen deutlich sichtbar. Nicole erzählt, dass früher Konsum im öffentlichen Raum in der Szene tabu gewesen sei. Heute sei das komplett anders.
Auswirkungen auf Arbeit der Polizei
Crack putscht auf, kann aber auch aggressiv machen - das zeigt sich auch beim Betteln um Geld. Die Abhängigen sprechen Passanten nicht mehr einfach nur an, sie schreien oder bedrohen die Menschen.
Kölns Kriminaldirektor beobachtet eine zunehmend gewaltbereite Drogenszene
Der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser sieht eine zunehmende Gewaltbereitschaft. In der Drogenszene sei man heute eher bereit, gefährliche Gegenstände einzusetzen. Auch gegen die Kolleginnen und Kollegen auf der Straße, sagt der erfahrene Beamte.
Kokain wird zum Lifestyle-Produkt
Prof. Dr. Robin Hofmann von der Universität Maastricht erforscht die Drogenkriminalität in den Niederlanden sowie deren Auswirkungen auf Deutschland.
Umgang mit Kokain habe sich verändert, sagt Kriminologe Robin Hofmann
Im Garten der juristischen Fakultät spricht er über eine Entwicklung, die ihn besorgt. Aus seiner Sicht hat sich der gesellschaftliche Umgang mit Kokain verändert. ''Wir sehen, wie Drogen immer stärker in die Gesellschaft einsickern. Wir sehen einmal diese Lifestyle-Komponente und dass diese Drogen ohne große Hemmschwelle am Wochenende konsumiert werden'', sagt er. Kokain werde zunehmend von Menschen konsumiert, die sich selbst nicht als Teil einer Drogenszene verstehen.
Auch die Zahlen deuten auf einen Wandel hin. Der Bundesdrogenbeauftrage schlägt Alarm: Immer mehr junge Menschen konsumieren Kokain. Bei den 18- bis 25-Jährigen gaben zuletzt 4,1 Prozent der Befragten an, Kokain konsumiert zu haben. Vor zehn Jahren waren es noch 1,2 Prozent. Und sie alle sind Teil des Problems: Denn die Kartelle nutzen oft Reste des Kokains und strecken es mit Natron. So entsteht Crack.
''Kaum ein Prozent kann kontrolliert werden''
Aber wie kann es sein, dass illegale Drogen scheinbar unbegrenzt verfügbar sind, Polizei und Zoll auf der anderen Seite aber immer mehr illegale Substanzen beschlagnahmen?
2025 stellte der Zoll bundesweit 69 Tonnen Betäubungsmittel sicher, darunter allein 6,6 Tonnen Kokain. Das war eine der bisher größten erfassten Mengen. Im Februar dieses Jahres beschlagnahmten Kölner Zollfahnder in Wilhelmshaven dann acht Tonnen Kokain mit einem Straßenverkaufswert von 500 Millionen Euro.
Trotz solcher Rekordfunde scheint das Angebot nicht kleiner zu werden. Für Hofmann ist das kein Widerspruch. ''Wir sehen die Dynamik: Je mehr gefunden wird, desto mehr ist auf dem Markt. Die Kontrolldichte ist immer noch gering. Wenn man sich den Hafen von Rotterdam anschaut: Kaum ein Prozent der Container kann kontrolliert werden. Gleichwohl sehen wir aber auch, dass die Drogendealer immer mehr Drogen schmuggeln.''
NRW als Einfallstor für Kokain
Für Hofmann spielt dabei die geografische Lage eine entscheidende Rolle. Nordrhein-Westfalen grenzt direkt an die Niederlande. ''Die Autobahnverbindungen sind top. Es gibt jede Menge Grenzübergänge, die unkontrolliert sind. Wenn Sie diese Achse vom Duisburger Hafen nach Rotterdam nehmen, ist der LKW-Verkehr enorm, die Kontrolldichte gering. Durch die Nähe ist NRW das perfekte Einfallstor für Drogen aus dem niederländischen Raum.''
In der Vergangenheit wurden auch immer mehr synthetische Drogen sichergestellt. Die stellen auch die Kölner Polizei vor ganz neue Herausforderungen. Das erleben die Beamten vor allem, wenn sie Menschen ins polizeiliche Gewahrsam nehmen, die unter dem Einfluss von synthetischen Drogen stehen:
''Da sind unerwartete Atemaussetzer an der Tagesordnung, die sind nicht mehr sonderlich stabil. Gott sei Dank ist bei uns bisher noch niemand verstorben.'' Michael Esser, Kriminaldirektor
Das Geschäft endet nicht beim Drogenschmuggel
Ein Phänomen bleibt dabei fast unbemerkt, spielt aber eine immer größere Rolle. Die enormen Umsätze, meist Bargeld, müssen in den legalen Kreislauf gebracht, das Geld gewaschen werden. Dabei spielen in NRW nach Beobachtung von Hofmann zunehmend Mietwagenfirmen eine Rolle.
Die Firmen haben sich auf hochmotorisierte Luxuswagen spezialisiert, die sie zu hohen Tagessätzen in bar an Drogenkriminelle vermieten. Gut 150 von diesen Firmen gebe es allein in NRW, schätzt Hofmann. Selbst niederländische Kriminelle würden in NRW diese Luxusautos mieten und damit in den Niederlanden zum Teil auch Straftaten begehen.
Das betrachte die niederländische Polizei zunehmend als Problem, weil im Nachbarland die Gesetze strenger seien. ''NRW ist ein absoluter Hotspot für dieses Geschäft. Gerade auch bei niederländischen Kriminellen. Hier ist es deutlich einfacher, an solche Fahrzeuge zu gelangen.''
Drogenhandel als Gefahr für den Rechtsstaat?
Für Konsumenten wie Nicole in Köln spielen diese internationalen Strukturen keine Rolle. Ihr Alltag dreht sich vor allem um die nächste Dosis. Doch aus Sicht von Hofmann reichen die Folgen des Drogenhandels weit über die offene Drogenszene hinaus. Er guckt auf die Händlerseite. Der Kriminologe warnt vor den langfristigen Folgen der Entwicklung.
"Ohne Panik machen zu wollen, aber realistisch gesehen kann Drogenhandel eine Bedrohung für unsere demokratische Gesellschaft werden." Professor Dr. Robin Hofmann, Universität Maastricht
''Wenn wir über Korruption sprechen, wenn Politiker korrumpiert werden, wenn die Justiz immer mehr ins Fadenkreuz gerät und der Rechtsstaat unterwandert wird, dann sollten wir uns wirklich Gedanken machen über unser demokratisches Gemeinwesen und ob unser Rechtsstaat dem etwas entgegenzusetzen hat.''
Unsere Quellen:
- Professor Dr. Robin Hofmann, Universität Maastricht
- Michael Esser, Polizeipräsident Köln
- Jahresbericht des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BiÖG)
Hinweis der Redaktion vom 01.07.2026, 16:29 Uhr: In einer früheren Version des Textes stand fälschlicherweise, dass der Zoll 2025 bundesweit 69 Millionen Tonnen illegale Substanzen beschlagnahmt hat. Tatsächlich sind es aber 69 Tonnen. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.
Sendung: WDR.de, Warum Kokain Nordrhein-Westfalen überschwemmt, 01.07.2026, 5:03 Uhr
