In Münster leben aktuell über 2.300 Menschen ohne feste Wohnung. Ingo Schmidt ist Geschäftsleiter des Vereins "Dach überm Kopf", der sich dafür einsetzt, wohnungslose Menschen dauerhaft in eigenen Wohnraum zu vermitteln. Mehr als 200 Erwachsene, Kinder und Jugendliche konnten so bereits ein Zuhause finden, begleitet von Sozialarbeitern.
Warum braucht es den Verein "Dach überm Kopf"?
Ingo Schmidt: Weil es keine andere Schnittstelle gibt in Münster, wo Wohnungslose oder Obdachlose eigenen Wohnraum bekommen. Die größten Hürden sind erstmal, dass wir einen sehr angespannten Mietmarkt in Münster sowieso haben. Und jetzt noch einen Eigentümer zu vermitteln, warum er gerade einen sozial benachteiligten Menschen als Mieter nehmen soll, das ist eine der größten Hürden.
Wie unterstützt der Verein die Wohnungssuchenden?
Schmidt: Es gibt zwei Bereiche. Das eine ist die Beratung. Die Wohnungssuchenden werden unterstützt im Verfassen von Bewerbungen, bei Unterlagen, Akquise... Allerdings alles Hilfe zur Selbsthilfe. Der andere Bereich ist dann eben, dass wir selber Wohnraum vermieten, den wir akquirieren für Wohnungslose und Obdachlose.
Warum ist es für wohnungslose Menschen so schwer eine Wohnung zu finden?
Schmidt: Als Wohnungs- beziehungsweise Obdachloser ist man ganz unten in der Gesellschaft angekommen. Fast jeder Obdachlose oder Wohnungslose weiß um die Situation, dass kein Eigentümer sich darum reißt, an Wohnungslose oder Obdachlose zu vermieten. Diese Hürde zu überspringen, dieses Hemmnis zu überspringen, ist schwierig. Das halte ich für fast unmöglich.
Wie versuchen Sie den Vermietern diese Angst zu nehmen?
Schmidt: Wir können mit dem Verein nur versuchen, dem Eigentümer die Sicherheit zu geben, die er braucht, um an Wohnungslose zu vermieten: Kautionen und Mietzahlungen müssen gesichert sein. Für den Fall, dass es mal irgendwo Unstimmigkeiten gibt, haben wir Sozialarbeiter, die sich darum kümmern und dafür sorgen, dass ein ruhiges und gesichertes Mietverhältnis stattfindet. So, und für Mietausfälle stehen wir da. Das heißt, der Eigentümer hat eigentlich an keiner Stelle das Risiko, dass ein Ausfall oder ein ungesichertes Mietverhältnis entsteht.
Ingo Schmidt, "Dach überm Kopf e.V."
Bildquelle: WDR / Paula GoebelWer zahlt denn die Miete?
Schmidt: Wir leisten die Miete. Also wir sind Mieter und vermieten weiter. Das heißt, wir müssen in Vorleistung gehen. An der Stelle hat der Eigentümer einfach die Sicherheit, dass kein Ausfall da ist.
Ist die Länge der Mietverträge wichtig?
Schmidt: Wir schließen keine Mietverträge, die kürzer sind als ein Jahr und im Regelfall sind es unbefristete Mietverhältnisse. Es ist wichtig, weil die Obdachlosen oder Wohnungslosen, wenn sie endlich mal ein Zuhause gefunden haben, sie es auch behalten sollen, ohne dass die Angst da ist, ich muss wieder auf die Straße.
Glauben Sie es gibt genug Wohnungen, aber es fehlt die Bereitschaft diese an Wohnungslose zu vermieten?
Schmidt: Wir sprechen von im Moment 2.000 bis 2.300 Wohnungslosen und Obdachlosen in Münster. Wir haben geschätzten Leerstand zwischen 5.000 und 7.000 Wohnungen alleine in Münster, die leerstehen und nicht vermietet sind, weil es sich Eigentümer leisten können und sagen: Bevor ich vermiete und vielleicht Ärger mit einem Mieter oder Mietausfall habe, vermiete ich lieber gar nicht. Damit könnte man einen Großteil dessen abdecken. Rein rechnerisch würde es ausreichen.
Was würden Sie gern allen Vermietern sagen?
Schmidt: Dass Eigentum auch verpflichtet. Also man hat mit Eigentum auch Verantwortung, auch der Gesellschaft gegenüber. Man muss vielleicht nicht immer den größten Mietpreis rauskitzeln. Manchmal ist vielleicht ein Euro oder zwei Euro Quadratmeter Mietpreis weniger, am Ende mehr, weil man keinen Mietausfall hat. Und der Gesellschaft etwas zurückgeben, sollte man an der Stelle vielleicht mal drüber nachdenken.
Das Interview führte WDR-Reporterin Paula Goebel.
Für die Online-Version wurde das Gespräch gekürzt und sprachlich bearbeitet.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Ingo Schmidt
Sendung: WDR 2, WDR 2 für das Münsterland, 11.09.2026, 14:30 Uhr
