Amelie Krassmann sitzt und wartet. Ihre Hand ist blutig geschminkt, in ihrer Rolle mehrfach gebrochen. Heute heißt die 27-Jährige aus Hannover Henrike, ist 43 Jahre alt und Besucherin eines Festivals in Warburg. Bei der Flucht vor einem Unwetter ist ihr Bus mit einem Auto zusammengestoßen, ihre Hand wurde zwischen Sitzbank und Fahrzeugwand eingeklemmt.
Rettungskräfte bergen Darsteller die Unfallopfer eines Busunglücks spielen
Bildquelle: WDR / Marvin KonradNatürlich ist nichts davon wirklich passiert. Krassmann gehört zu rund 90 Unfalldarstellern bei der Großübung „DIEMELSTURM.HX26“ auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik. Trotzdem läuft der Einsatz möglichst realistisch: Notruf über 112, Rettungswagen, Einteilung der Verletzten nach Dringlichkeit.
Rund 1.000 Einsatzkräfte und mehrere Unglücksorte
Eine Windhose soll ein Festival mit tausenden Besuchern getroffen haben. Rund 30 Menschen werden unter einer teilweise eingestürzten Bühne verletzt, weitere bei einem Busunfall und an Essensständen. Zusätzlich treten aus beschädigten Reinigungsmittelbehältern giftige Gase aus.
Rund 1.000 Einsatzkräfte und etwa 160 Fahrzeuge sind an der Übung beteiligt. Feuerwehr, Rettungsdienste und Hilfsorganisationen müssen mehrere Einsatzstellen gleichzeitig abarbeiten. "Hier muss es Hand in Hand gehen", sagt Kreisbrandmeister Stefan Nostitz. Entscheidend seien klare Einsatzabschnitte und Kommunikationswege.
Verletzte werden tatsächlich ins Krankenhaus gebracht
Rund 60 Darsteller werden mit Rettungswagen bis in die Krankenhäuser in Warburg und Höxter gebracht. Dort werden Aufnahme, Sichtung und Diagnostik geprobt, während der normale Betrieb weiterläuft.
Die Einsatzkräfte kannten den Termin, aber nicht alle Details der Schadenslagen und Verletzungsmuster. Ein zehnköpfiger Steuerungsstab beobachtet das Geschehen. Bereits im Laufe des Tages habe man Probleme erkannt und mehrfach nachsteuern müssen, sagt Hauptorganisator Sören Krelaus.
Darsteller spielen verunglückte Festivalbesucher. Die Bühne wurde von einer Windhose erfasst und Trümmerteile umhergeschleudert.
Bildquelle: WDR / Marvin KonradGenau das sei gewollt. "Eine Übung, wo man keinen Schwachpunkt finden würde, wäre, glaube ich, eine schlechte Übung", sagt Nostitz. Anschließend soll der Einsatz vollständig ausgewertet werden.
Das Unwetterszenario ist nicht nur Theorie
Diese Übung ist nicht ohne Grund gewählt: Im Mai 2022 zog ein Tornado durch Paderborn, hinterließ eine etwa 300 Meter breite Schneise und verletzte mehr als 40 Menschen. Nostitz selbst erlebte bereits eine Windhose bei einem Festival in Beverungen, das damals evakuiert wurde.
Amelie Krassmann aus Hannover spielt in der Übung ein Unfallopfer im verunglückten Bus
Bildquelle: WDR / Marvin KonradFür Amelie Krassmann endet der angenommene Katastrophentag mit dem Weitertransport Richtung Krankenhaus. Die frisch ausgebildete Ärztin wollte bei der Übung auch selbst etwas lernen. Dass Einsatzkräfte solche Lagen trainieren, gibt ihr ein gutes Gefühl: "Dann ist man erst mal schon überfordert, wenn man es halt noch nie gemacht hat."
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Amelie Krassmann aus Hannover
- Gespräch mit Hauptorganisator Sören Krelaus
- Stefan Nostitz, Kreisbrandmeister im Kreis Höxter
- Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Über 1.000 Einsatzkräfte üben Sturmchaos auf Festival, 27.09.2026, 15:00 Uhr
