Schriftzug vom Landgericht in Bielefeld

Am Landgericht in Bielefeld wird der Prozess verhandelt.

Bildquelle: WDR / Oliver Köhler

Prozess um Gewalt im Wittekindshof Menschen mit Behinderung eingesperrt?

Stand:

Im Wittekindshof Bad Oeynhausen sollen Bewohner einfach weggesperrt worden sein. Angeklagt sind vier ehemalige Führungskräfte.

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld wirft ihnen Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung vor. Bei den Angeklagten handelt es sich um den früheren Chef der betroffenen Abteilung, seiner damaligen Stellvertreterin, einer ehemaligen Bereichsleiterin und einem Psychiater. Sie hätten behinderte Bewohner jahrelang ohne Rechtsgrundlage eingesperrt, fixiert und mit Tränengas misshandelt. Immer dann, wenn sie "unbequem" gewesen sein sollen.

Wittekindshof: Wichtige Einrichtung für Menschen mit Behinderungen

Der Wittekindshof ist eine große diakonische Einrichtung in Bad Oeynhausen, die Menschen mit Behinderungen unterstützt. Dazu gehören Wohnangebote, Betreuung, Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Gegründet wurde die Einrichtung 1887. Heute ist es eine Diakonische Stiftung.

Jahrelange Ermittlungen um angenommene Misshandlungen

Die mutmaßlichen Missbrauchsfälle wurden im Jahr 2019 öffentlich. Die Staatsanwaltschaft ließ den Wittekindshof in Bad Oeynhausen durchsuchen. Hunderte Akten wurden beschlagnahmt, etliche Personen vernommen. Bis zur Anklage dauerte es rund drei Jahre. Dann noch vier weitere Jahre bis zur Eröffnung und Terminierung des Hauptverfahrens. Weil es personelle Wechsel im Landgericht Bielefeld gab.

Wichtiger Zeuge im Wittekindshof-Prozess gestorben

In der Zwischenzeit ist ein wichtiger Zeuge gestorben. Es handelt sich um den Vater eines jungen Mannes mit Behinderungen, der im Wittekindshof lebte. Die Familie hatte die mutmaßlichen Missstände aufgedeckt und angezeigt. Nach seiner "Befreiung" lebte er wieder bei seinem Vater und erzählte ihm viel von dem, was er erlebte, berichtet Rechtsanwalt Martin Rother dem WDR. Der Jurist aus Gütersloh vertritt den heute 35-Jährigen als Nebenkläger vor Gericht.

"Mein Mandant war in einem desolaten Zustand als er rauskam. Nun wollen wir die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft ziehen." Martin Rother, Nebenklagevertreter

Die Intelligenz seines Mandaten sei stark gemindert. Die erlebten Misstände zu benennen, falle ihm heute schwer. Eine Zeugenaussage seines Vaters vor Gericht wäre sicher sehr hilfreich gewesen.

"Mein Mandant musste betteln, wenn er aufs Klo wollte. Ihm wurde dann einfach eine Flasche hingestellt." Martin Rother, Nebenklagevertreter

Seinem Mandaten sei über Monate der Türchip, also der elektronische Schlüssel zu seinem Zimmer, weggenommen worden. Er habe das Zimmer dadurch nicht selbständig verlassen können.

So ist es wohl auch vielen anderen Bewohnern zwischen den Jahren 2014 und 2019 ergangen. Diesen Zeitraum benennt die Staatsanwaltschaft Bielefeld in ihrer Anklage. Viele der Bewohner seien zudem mit Reizgas "ruhiggestellt" worden. Insgesamt 25 mutmaßlich Betroffene hat das Landgericht Bielefeld als Nebenkläger zugelassen.

Wittekindshof hat sich neu aufgestellt

Die Diakonische Stiftung Wittekindshof habe ihre Strukturen seit 2019 verändert, damit sich solche Vorgänge nicht wiederholen können, teilt der Vorstand auf WDR-Anfrage schriftlich mit. Neue Standards in der Gewaltprävention seien etabliert worden. Menschen mit Beeinträchtigungen sollten sich in den Einrichtungen sicher, wertgeschätzt und respektiert fühlen.

"Wir begrüßen die juristische Aufarbeitung und unterstützen sie. Die individuelle Schuld klärt das Gericht." Pfarrer Marian Zachow, Theologischer Vorstand Wittekindshof

Die vier Führungskräfte des Wittekindshof wurden nach Bekanntwerden der Vorwürfe vor sieben Jahren entlassen. Die Anklage gegen sie umfasst nun rund 400 Seiten. Das Landgericht Bielefeld hat bislang 19 Verhandlungstermine bis Mitte Mai 2027 festgelegt. Ob die reichen, hängt maßgeblich vom Verhalten der Angeklagten ab - ob sie aussagen und damit zur Aufklärung beitragen.

Menschen mit Behinderung eingesperrt?

WDR 23.09.2026 36 Sek. Verfügbar bis 22.09.2028

Unsere Quellen:

  • Landgericht Bielefeld
  • Gespräch mit Rechtsanwalt Martin Rother
  • Stellungnahme Diakonische Stiftung Wittekindshof

Sendung: WDR.de, Menschen mit Behinderung eingesperrt?, 24.09.2026, 05:07 Uhr

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