Eine lange Schlange von Menschen

Anstehen für Eistee? Machen in Gelsenkirchen viele.

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Retro-Produkte boomen Einmal die "gute, alte Zeit", bitte!

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Schlange stehen für Pokémon-Karten oder Aldi-Eistee: Retro ist mal wieder angesagt. Aber wie werden Produkte zum Erinnerungsanker?

"Es gibt sie noch, die guten Dinge." Wer den aktuellen Retro-Trend in den Läden, Geschäften und Supermärkten NRWs beobachtet, muss diesen Werbespruch eines hochpreisigen Kaufhauses eigentlich umformulieren: "Es gibt sie wieder, die guten Dinge."

Denn es ist auffällig, wie sehr einen derzeit die Vergangenheit im Ladenregal einholt. Und das in den verschiedensten Bereichen: So bildeten sich Mitte September in Krefeld und Köln schon nachts Schlangen vor manchen Spielzeughändlern, weil dort neu aufgelegte Pokémon-Sammelkarten im Design von vor 25 Jahren verkauft wurden.

Im Süßwarenregal kann man nach jahrzehntelanger Pause wieder zu "Treets" greifen. Und auch bei Aldi surft man die Nostalgie-Welle: Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr gibt es dort eine "Retro-Woche", bei der unter anderem Eistee und Cola der eigentlich in den Ruhestand versetzten Eigenmarke "River" verkauft werden.

Retro-Woche bei ALDI startet

WDR 27.09.2026 1 Min. 22 Sek. Verfügbar bis 26.09.2028 WDR Online

River-Eistee bei Aldi: Retro-Hype mit hohen Preisen

Die erste "Retro-Woche" fand im Juli statt und war offenbar ein Erfolg: Die Kunden standen Schlange, vor allem um den Eistee riss man sich. Nachdem der Tee ausverkauft war, tauchten die begehrten Tetrapaks schnell bei Ebay auf - zum Preis von 100 Euro und mehr.

Damit diesmal alle Eistee-Fans bedient werden, hat Aldi die Warenmenge deutlich erhöht. Genauso wie die Werbung für das Event: Bevor am Montag die "Retro-Woche" startet, gab es am Freitag bereits einen Vorabverkauf, und zwar beim legendären Kiosk Mummel in Gelsenkirchen-Erle.

"Ein Stück weit in die Kindheit zurückversetzt"

Nadine Nowitzki hat sich dort in die Schlange gestellt und schließlich zwei Eistee-Tetrapaks gesichert - einmal Pfirsich, einmal Zitrone. Neben dem Geschmack spielt bei ihr das "Vergangenheitsgefühl" eine große Rolle. "Da fühle ich mich ein Stück weit in die Kindheit zurückversetzt, da kommen Erinnerungen hoch", sagte sie dem WDR.

Im Freibad, beim Fußball - der Eistee war bei ihr immer dabei. Sie hat in den Sozialen Medien von dem Pre-Sale am Kiosk erfahren. "Das hier ist eine richtig tolle Aktion", lautet ihr Fazit. Nur ein Wunsch bleibt offen: "Noch cooler wäre es, wenn es die Sachen zu den damaligen Preisen gäbe."

Eine Frau in einem blau-weißen Kleid hält ihre Daumen hoch

Aldi-Fan Nina Würmann in Gelsenkirchen

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Auch Nina Teresa Würmann ist in den Neunzigern mit diesem Eistee groß geworden. "Das ist einfach der beste, es gibt keinen besseren", schwärmt sie. Als es den Tee bei der Aktion im Juli zu kaufen gab, hat sie direkt zugeschlagen. Doch das reichte nicht. Nun steht sie wieder in der Schlange - und hat sogar ein Kleid im Aldi-Look angezogen.

Wie ehemalige "Pariah-Marken" Kultstatus bekommen

Interessant ist, dass der Retro-Trend beim Discounter Aldi funktioniert. Denn wer früher die Wahl zwischen Coca Cola, Pepsi oder River Cola hatte, griff freiwillig wohl eher selten zur Aldi-Hausmarke. "Ganz böse gesagt: Das waren die Pariah-Getränke, die eigentlich keiner haben wollte. Aber sobald die Geschichte eine Patina drüberzieht, bekommen solche Produkte eine ganz andere Anziehungskraft", sagt der Marketing-Experte Arnd Zschiesche, der das Institut für Markensoziologie in Hamburg gegründet hat.

Ein Kühlschrank mit Retro-Eistee

Früher eher verpönt, heute heißbegehrt

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Schon Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb der Soziologe Ferdinand Tönnies den Prozess, mit dem Menschen Dinge oder Marken zum Teil ihres Lebens machen. Dabei spielt laut Tönnies der Dreiklang aus "Gefallen, Gewohnheit und Gedächtnis" die entscheidende Rolle. Ein Prinzip, das auch heute noch gültig sei, sagt Arnd Zschiesche.

In unsicheren Zeiten boomen Retro-Produkte

Für ihn sind Marken "Erinnerungsanker", eng verknüpft mit dem Gedanken an die eigene Vergangenheit: "Die meisten Menschen verbinden mit ihrer Kindheit und Jugend positive Erinnerungen, ganz egal, wie schlimm es damals womöglich wirklich war." Und dieses Gefühl von Jugend könne man eben manchmal kaufen - in Form einer Schokolade, eines Spiels, eines Lego-Sets oder eben eines Eistees.

Warum aber erleben Retro-Produkte derzeit einen solchen Boom? Zschiesche sieht einen Zusammenhang mit der aktuellen Weltlage: "Wir leben in einer Welt, die scheinbar sehr, sehr unsicher geworden ist. In dem Moment, wo man seinen Alltag als unsicher erlebt, wendet man sich Sachen zu, die man kontrollieren kann, wie zum Beispiel Waren. In dem Moment, wo ich Waren sehe, die mich an eine Zeit erinnern, in der alles noch klar war, dann kann mich das durchaus befriedigen."

Allerdings ist wohl nicht nur Soziologen, sondern auch den meisten Menschen in der Supermarkt-Schlange klar, dass dabei eine Menge Selbsttäuschung im Spiel ist.

Arnd Zschiesche
"Früher war alles besser? Das stimmt nicht, das ist faktisch falsch." Arnd Zschiesche, Marketing-Experte

Nostalgie bezieht sich oft auf die Zeit vor 20 bis 30 Jahren

Retro-Trends kommen in Zyklen. Meist stehe dabei die Zeit vor 20 bis 30 Jahren im Fokus, die man nostalgisch betrachtet, heißt es etwa auf der Marketing-Plattform "Brandwatch". Und wer alt genug ist, braucht keinen Historiker und keinen Soziologen, um zu der Erkenntnis zu kommen: So gut war die Zeit damals beileibe nicht.

In den Neunziger Jahren tobte der Balkankrieg, Asylbewerberheime wurden angezündet, Millionen Jobs in der Ex-DDR gingen verloren. Und in den 2000er Jahren gab es die Anschläge in New York am 11. September 2001, die Finanzkrise, den Afghanistan-Krieg.

Wir Menschen seien sehr gut darin, unsere Vergangenheit positiv zu verklären, so Zschiesche. Das sei schon immer so gewesen und werde sich auch in Zukunft wohl nicht ändern. Werden wir also auch in 30 Jahren mit Nostalgie und einem guten Gefühl auf das Jahr 2026 zurückblicken - trotz Trump und Ukraine-Krieg, trotz KI und Klimakrise? Ja, sagt Arnd Zschiesche. "Dafür würde ich fast meine Hand ins Feuer legen."

Unsere Quellen:

Sendung: WDR.de, Einmal die "gute, alte Zeit", bitte!, 28.09.26, 06:02 Uhr

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