Im Transformations-Café wird Identität sichtbar
Bildquelle: WDR/Marcus Böhm03:17 Min.. Verfügbar bis 30.07.2028.
Linda Thomae sitzt vor einem Spiegel und schaut aufmerksam zu. Die 21-jährige trans* Frau aus Kaarst kommt regelmäßig ins Transformations-Café in Duisburg-Ruhrort. Mit Make-up kennt sie sich kaum aus. Während die Stylistin Pinselstrich für Pinselstrich erklärt, verfolgt sie jede Bewegung genau.
Linda lässt sich im Transformations-Café von der Stylistin beraten.
Bildquelle: WDR/Marcus BöhmNormalerweise trägt Linda eher dunkle Kleidung, meist Schwarz. An diesem Abend hat sie sich bewusst für ein figurbetontes brombeerfarbenes Shirt entschieden. Das Make-up wird farblich darauf abgestimmt. "Ich habe mich lange gefragt, ob ich mich das überhaupt trauen darf. Heute fühlt es sich zum ersten Mal ein bisschen so an, als würde ich die Frau kennenlernen, die schon die ganze Zeit in mir steckt", sagt sie.
Gemeinschaft kennt keine Stadtgrenzen
Sie probieren Kleidung an, trinken an kleinen Tischen Kaffee und reden. Rund 30 Personen aus dem ganzen Ruhrgebiet sind zum monatlichen Treffen gekommen. Wer das Lokal "Harmonie" betritt, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als Styling.
Einmal im Monat treffen sich im Café junge trans*, non-binäre und queere Menschen aus dem gesamten Ruhrgebiet. Einige kommen aus Duisburg oder Oberhausen, andere nehmen die Anreise aus Dortmund, Essen oder Wuppertal auf sich. Für die Region Düsseldorf und das südliche Rheinland gibt es ein weiteres Transformations-Café, das vom selben Team organisiert wird.
Ein geschützter Raum in unsicheren Zeiten
Viele Besucher berichten von Vorurteilen, Anfeindungen oder dem Gefühl, ständig beobachtet zu werden. "Während queere Menschen sichtbarer geworden sind, erleben viele trans* Menschen die öffentliche Diskussion gleichzeitig als belastend und verunsichernd", so Rani Daniel Reschke, Vorstand 1001plateau. Die Organisatoren des Transformations-Cafés sehen deshalb einen "wachsenden Bedarf für Orte, an denen Akzeptanz selbstverständlich ist."
"Viele kommen zum ersten Mal hierher und merken plötzlich: Ich bin nicht allein mit meinen Gedanken und Gefühlen", sagt die pädagogische Fachkraft Katinka Geißler. Für ihren Kollegen Rani Daniel Reschke ist genau das der Kern des Angebots: "Hier müssen die Menschen nichts beweisen. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Sie können einfach da sein und ausprobieren, was sich für sie richtig anfühlt."
Hier muss niemand erklären, warum ein anderer Name wichtig ist oder warum das eigene Geschlecht nicht den Erwartungen anderer entspricht. Für einige Stunden fällt der Druck des Alltags weg.
Der Moment vor dem Spiegel
Der 24-jährige Nat aus Düsseldorf bekommt einen künstlichen Bart.
Bildquelle: WDR/Marcus BöhmIm ersten Stock sitzt der junger trans* Mann Nat aus Düsseldorf vor einem Spiegel. Eine Make-up-Artistin arbeitet konzentriert an einem Bartstyling. Als er das Ergebnis betrachtet, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. "Es ist nur ein Bart, könnte man sagen. Aber für mich ist es viel mehr. Es ist das Gefühl, dass das Bild im Spiegel endlich näher an dem Menschen ist, der ich bin", erzählt er.
Die Stylisten erleben solche Momente regelmäßig. Oft gehe es gar nicht um das Make-up selbst, sondern um das Gefühl, dem eigenen Selbstbild ein Stück näherzukommen. "Manchmal sehe ich förmlich, wie sich jemand verändert. Nicht äußerlich, sondern in der Haltung. Die Menschen schauen sich an und plötzlich ist da Stolz oder Erleichterung", sagt die Make-up-Artistin Eva.
Auch Linda Thomae schaut ihr Spiegelbild immer wieder an. Das brombeerfarbene Shirt, das sie für diesen Abend ausgesucht hat, passt zu den warmen Farbtönen des Make-ups. Es sei ein ungewohntes, aber schönes Gefühl, sagt sie. "Ich sehe nicht einfach nur Make-up. Ich sehe Möglichkeiten. Und das macht mir Spaß."
Mehr als Schminke und Kleidung
Zwischen Spiegeln, Kleiderständern und Schminktischen entstehen an diesem Abend viele Gespräche. Über Familie, Zukunft, Freundschaften und den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Viele kommen wegen des Stylings. Viele bleiben wegen der Gemeinschaft.
Als Linda Thomae später ihre Jacke anzieht und sich verabschiedet, wirkt sie deutlich entspannter als zu Beginn des Abends. Vielleicht ist genau das die besondere Stärke des Transformations-Cafés: ein Ort, an dem Menschen nicht diskutiert oder bewertet werden, sondern einfach die Möglichkeit bekommen, sie selbst zu sein.
Oder wie Rani Daniel Reschke es formuliert: "Wenn jemand hier rausgeht und ein kleines bisschen mehr Vertrauen in sich selbst hat als vorher, dann war der Abend erfolgreich."
Unsere Quellen:
- Interview mit Linda Thomae, trans* Frau aus Kaarst
- Interview mit Nat, trans* Mann aus Düsseldorf
- Interview mit Katinka Geißler, pädagogische Fachkraft und Vorstand 1001plateau
- Interview mit Rani Daniel Reschke, Vorstand 1001plateau
- Eindrücke und Gespräche des WDR-Reporters vor Ort
Sendung: WDR.de, Im Transformations-Café wird Identität sichtbar, 04.08.2026, 05:10 Uhr
