Nächster Halt: Auf die Fresse? · Angst in Bus und Bahn

Bildquelle: dpa / Benjamin Westhoff

Einzelstücke für Dokumentationen 19.10.2026 43 Min. 23 Sek. UT DGS Verfügbar bis 31.12.2099 WDR Von Tanja Reinhard, Rebecca Kirkland

Angriffe in Bus und Bahn Wie KI für mehr Sicherheit sorgen soll

Stand:

Wie steht es um die Sicherheit der Mitarbeitenden im öffentlichen Nahverkehr? Viele Fahrerinnen und Fahrer berichten von Beleidigungen, Bedrohungen und Übergriffen. Zu welchen Mitteln die Düsseldorfer Rheinbahn greift, um das Bus- und Bahnfahren für Fahrgäste und Angestellte sicherer zu machen.

Von
Logo des Westdeutschen Rundfunk
Tanja Reinhard
und Rebecca Kirkland
1

Prügeln für die KI

Juni 2026. Es ist Mitternacht in der Düsseldorfer Altstadt. Aus dem U-Bahn-Schacht an der Heinrich-Heine-Allee dringen laute Schreie nach oben. "Was soll das? Geh weg, du Penner!" Mehrere Männer schubsen und schreien sich an. "Danke, das reicht erstmal", rufen kurz darauf Tim Barz und Tim Neubert, Sicherheitsstrategen bei der Düsseldorfer Rheinbahn. Die rund 30 anderen Mitarbeiter klatschen, denn der Streit war nur Show - inszeniert für ein KI-System.

Heute soll die künstliche Intelligenz lernen, zu unterscheiden, was noch eine freundliche Umarmung und was Schubsen, Bedrängen, Schlagen ist. Dafür hat die Düsseldorfer Rheinbahn mitten in der Nacht einen ihrer großen Bahnhöfe gesperrt und Statisten aus den eigenen Reihen angeheuert. Die Idee dahinter: Das neue KI-System soll gemeinsam mit den Überwachungskameras künftig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle unterstützen, Gewaltsituationen schneller zu erkennen, damit sie entsprechend schneller eingreifen können.

"Das neue System soll unser verlängertes Auge werden, weil wir nicht all unsere 500 Videokameras gleichzeitig beobachten können." Tim Neubert, Düsseldorfer Rheinbahn

Das neue KI-Tool ist ein Element der Sicherheitsstrategie 2030 der Düsseldorfer Rheinbahn, das Vorstandsvorsitzende Annette Grabbe zur Chefsache gemacht hat. Sie will mit einer umfassenden Sicherheitsstrategie dafür sorgen, dass sowohl die Fahrgäste als auch die Angestellten sicher sind.

Eine Betriebsversammlung nach ihrem Amtsantritt vor drei Jahren ließ sie aufhorchen. Fahrerinnen und Fahrer berichteten dort von Erlebnissen in Bussen und Bahnen. "Da war schon klar, dass wir handeln müssen, dass es so nicht weitergehen kann", erzählt Grabbe.

2

Maßnahmen für mehr Schutz

Montagmorgen an der U-Bahn-Haltestelle Betriebshof Lierenfeld in Düsseldorf. Edi Beer gibt ihrem Team letzte Anweisungen: "Bitte fragt nach dem Lichtbildausweis. Und schaut darauf, wie sich die Fahrgäste verhalten, ob jemand schnell aufsteht oder nicht. Achtet auf eure Sicherheit." Als Sachgebietsleiterin für Fahrausweisprüfungen der Rheinbahn fährt sie in regelmäßigen Abständen mit ihren Kontrolleuren mit, um zu sehen, wie die Situation vor Ort ist und ob sich ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher fühlen.

Und dann kommt auch schon die erste Bahn - die U77. Die vier Mitarbeiter verteilen sich strategisch an verschiedenen Türen und steigen gemeinsam ein. Sie alle tragen neuerdings blaue Westen mit Bodycams - kleine Kameras, die ihre Sicherheit erhöhen sollen.

Ein Rheinbahnmitarbeiter mit einer Videokamera an seiner Weste

Mitarbeiter der Düsseldorfer Rheinbahn tragen seit August 2024 Bodycams.

Bildquelle: dpa / Benjamin Westhoff

Das Pilotprojekt der Düsseldorfer Rheinbahn ist im August 2024 gestartet. Mittlerweile tragen fast alle eigenen Prüfer diese Kameras. Das Ziel: Deeskalation, noch bevor es zu Übergriffen und Gewalt kommt.

Erste Stufe: Spiegelmodus

Noch ist die Bahn fast leer, und Katrin Braun, die eigentlich einen anderen Namen hat, zeigt uns, wie die Bodycams funktionieren. Der erste Schritt sei, die Passagiere freundlich nach ihren Tickets und Ausweisen zu fragen. Erst wenn jemand aggressiv reagiert, kommt die Bodycam ins Spiel - zunächst im sogenannten "Spiegelmodus". Hierbei zeichnet die Kamera noch nicht auf, aber der Fahrgast kann sich selbst auf dem kleinen Monitor wie in einem Spiegel sehen. "Und wenn man sich selbst sieht, wie man sich benimmt, dann hat das meist schon einen deeskalierenden Effekt", so Braun.

Die Kamera mit Spiegelmodus

Die Bodycams der Düsseldorfer Rheinbahn mit Spiegelmodus.

Bildquelle: WDR

Erst wenn dann das unkooperative oder aggressive Verhalten weitergeht, schalten die Prüfer den Aufnahmemodus ein - nachdem sie dies vorher angekündigt haben. Im Notfall können diese Bilder dann als Beweismaterial herangezogen werden.

Spitznamen als Codewort

Außerdem kontrollieren die Ticketprüfer immer im Team. "Wenn wir in die Bahn einsteigen, verteilen wir uns meist auf verschiedene Türen und halten Blickkontakt. Wenn etwas vorfällt, können wir uns gegenseitig rufen", so Thomas Schuster, ein Kollege von Braun, der auch eigentlich anders heißt. "Allerdings sprechen wir uns nicht mit unseren richtigen Namen an. Wir benutzen dann einen Spitznamen, zum Beispiel Alex. Wenn wir uns mit diesen Namen rufen, wissen alle Bescheid: Okay, jetzt müssen wir aussteigen."

Der Hintergrund: Manchmal werden sie von Fahrgästen mit dem Handy gefilmt und in sozialen Medien bloßgestellt - ohne Namen sind sie zumindest schwerer zu identifizieren.

3

Realitätscheck

Einzelne besonders schlimme Vorfälle wie der Tod des Zugbegleiters bei Landstuhl haben in den vergangenen Monaten hohe Wellen geschlagen. Edi Beer erinnert sich noch gut daran, wie bestürzt ihr Team reagiert hatte: "Ich kann kaum beschreiben, was damals abgelaufen ist. Meine Mitarbeiter waren tief angeschlagen. Ich hatte damals Urlaub und sie haben mich angerufen. Sie hatten viele Fragen wie: Was ist mit unserem Leben? Müssen wir nun mehr Kontrollen machen? Mit mehr Personal? Das war damals alles sehr heftig."

Ob Bodycams die Lösung darstellen, das steht für den Verkehrssoziologen Phillipp Rollin noch nicht fest. "Das muss sich in den nächsten Jahren erst noch zeigen." Für die Mitarbeiter der Rheinbahn jedoch scheint die Rechnung aufzugehen. "Es ist deutlich besser als damals, als wir in Zivil und ohne Kameras gefahren sind", so Schuster. Laut Aussage der Rheinbahn sind Angriffe oder aggressives Verhalten um knapp ein Drittel gesunken.

Gewalt-Vorfälle dank Bodycams gesunken

Es ist inzwischen Ende August. Zwei Monate sind nach den Show-Prügeleien in der Düsseldorfer Altstadt vergangen. Heute wird das neue KI-System zum ersten Mal in der Leitstelle eingesetzt. Die Leitstelle ist rund um die Uhr besetzt, die genaue Lage ist geheim. Dutzende Monitore zeigen die Bilder von Streckennetzen, Fahrplänen oder Überwachungskameras.

Mehrere Personen sitzen vor jeweils vier Bildschirmen

In der Leitstelle der Düsseldorfer Rheinbahn - hier laufen alle Fäden zusammen.

Bildquelle: WDR

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Headsets unterstützen die Fahrerinnen und Fahrer bei Unfällen, halten Kontakt zu Polizei oder Krankenwagen, geben Anweisungen, wie Umleitungen zu fahren sind, nehmen Notrufe aus den Aufzügen an, kontrollieren die verschiedenen Überwachungskameras.

An der Haltestelle Heinrich-Heine-Allee werden alle Fahrgäste nun mit einem grünen Kästchen getrackt. Zwar werden die Bilder nicht dauerhaft gespeichert, erklärt Leitstellenchefin Doris Mills das System, verdächtige Bewegungen werden jedoch vom System erkannt.

Personen auf einem Bildschirm mit grünen Erkennungslinien

Das neue KI-Tool trackt die Fahrgäste an der Haltestelle Heinrich-Heine-Allee.

Bildquelle: WDR

Gemeinsam mit zwei Kollegen, die eine Prügelei auf dem Bahnsteig simulieren, zeigt sie uns, wie das System erst auf orange, dann auf rot umschlägt und einen Warnton abgibt. "Anomalie erkannt", schnarrt eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Wäre das der Ernstfall, könnte Doris Mills nun sofort genau hinschauen, notfalls in die Bilder hineinzoomen und das eigene Sicherheitsteam oder die Polizei rufen. "Die KI wird uns hier in der Leitstelle nicht ablösen", so Mills, "aber als Unterstützung ist es eine sehr gute Sache." Nur mit der Geschwindigkeit ist sie noch nicht zufrieden. "Das dauert mir noch zu lang. Vielleicht müssen wir es noch ein bisschen verfeinern."

Unsere Quellen:

  • WDR-Gespräche mit Vorstandsvorsitzender Annette Grabbe, den Sicherheitsrategen Tim Neubert und Tim Barz, Sachgebietsleiterin für Fahrausweisprüfungen Edi Beer und Leitstellenleiterin Doris Mills der Düsseldorfer Rheinbahn
  • Beobachtungen der WDR-Reporterinnen
  • WDR-Gespräche mit Fahrgästen der Düsseldorfer Rheinbahn

Sendung: ARD Mediathek, "Nächster Halt: Auf die Fresse? Angst in Bus und Bahn", 22.09.2026, 05:30 Uhr

Zu aktuellen Verkehrsmeldungen

1 / 2