Montage: Diagrammkurve, Autos auf einer Autobahn

Datenanalyse So verändern hohe Spritpreise den Verkehr auf Autobahnen

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Der WDR hat Verkehrsdaten für Nordrhein-Westfalen analysiert. Hohe Spritpreise beeinflussen die Fahrweise auf Autobahnen nur leicht. Stattdessen gewinnt die Bahn neue Fahrgäste. Forscher raten von einem neuen Tankrabatt ab.

Von Leonhard Eckwert

Mehr als 2,20 Euro kostet derzeit der Liter Super E5 durchschnittlich an NRWs Tankstellen. Die Benzinpreise klettern damit aktuell wieder auf die Rekordwerte von Anfang April. Schon vor dem Ende des Tankrabatts erhöhten die Mineralölkonzerne die Preise. Besonders seit dem Ende der Steuererleichterung kostet Sprit wieder deutlich mehr. 

Wer auf das Auto angewiesen ist und trotzdem Geld sparen möchte, kann seine Fahrweise anpassen. Dafür rät der ADAC, vorausschauend und mit geringerer Drehzahl zu fahren. Ein weiterer Tipp: Autofahrer sollten langsamer fahren, vor allem auf der Autobahn. 

Denn mit höherer Geschwindigkeit steigt der Verbrauch überproportional an. Laut ADAC braucht ein Auto, das statt mit 100 km/h mit Tempo 120 fährt, rund 15 Prozent mehr Kraftstoff. Wer mit Tempo 160 fährt, braucht fast 50 Prozent mehr Sprit. Unter anderem der Luftwiderstand sorgt für den höheren Verbrauch.

So verändern hohe Spritpreise den Verkehr

WDR 24.07.2026 01:02 Min. Verfügbar bis 23.07.2028 WDR Online

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Durchschnittstempo auf Autobahnen im Januar am höchsten 

Der WDR hat anonymisierte Verkehrsdaten des Navigationsanbieters TomTom ausgewertet. Sie zeigen, dass Autofahrer auf Nordrhein-Westfalens Autobahnen ihre Geschwindigkeit nur geringfügig an die Spritpreise anpassen.  

Die Analyse hat fünf Zeiträume zwischen Januar und Juli außerhalb der Ferienzeiten verglichen. Tatsächlich ist die durchschnittliche Geschwindigkeit im Januar im Schnitt am höchsten. Zu der Zeit kostete der Liter Benzin und Diesel mit unter 1,80 Euro am wenigsten. 

Die Daten zeigen aber keinen eindeutigen Trend. Besonders in den Monaten danach schwankt die mittlere Geschwindigkeit auf NRWs Autobahnen. Würden Autofahrer ihren Fahrstil stark an die Spritpreise anpassen, müsste die Geschwindigkeit im März und April am geringsten sein.

Tankrabatt beeinflusst Geschwindigkeit kaum 

Die fallenden Preise durch den Tankrabatt ab Mai sorgen nicht generell dafür, dass schnelle Fahrer wieder mehr Gas geben. Ein Beispiel: die A31 zwischen dem Kreuz Gladbeck und der Abfahrt Jemgun in beide Richtungen. Hier hat der WDR eine Analyse der Geschwindigkeiten der 15 Prozent schnellsten Fahrten vorgenommen. Das soll den Einfluss von Baustellen, Unfällen und Verkehr verkleinern.

Im Januar fahren diese Autos auf dem ausgewählten Abschnitt am schnellsten: Unter der Woche mit rund 149 Kilometer pro Stunde, am Wochenende mit Tempo 164. In den Zeiträumen im März und April fahren sie langsamer. Die Geschwindigkeiten unterscheiden sich aber kaum zur Zeit des Tankrabatts. 

Spritpreise und Fahrverhalten beeinflussen sich nur leicht 

"Unsere Reaktionen auf Preisänderungen im Verkehr sind meist relativ schwach", sagt der Verkehrsforscher Markus Friedrich von der Universität Stuttgart. Mit Blick auf die Daten sei der Zusammenhang zwischen Kraftstoffpreis und Geschwindigkeit nur gering. 

Auch für andere Bundesländer und auf anderen Autobahnabschnitten zeigen die Daten, dass Autofahrer ihren Fahrstil nicht flächendeckend an die Tankstellenpreise anpassen.

Ein Teil des Fahrverhaltens hat andere Gründe: "Es hängt auch vom verfügbaren Einkommen ab, ob Autofahrer auf steigende Spritpreise überhaupt reagieren müssen", sagt der Verhaltensökonom Mark Andor vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen.  

Genauso können Gewöhnungseffekte in beide Richtungen dazu führen, dass entweder bei niedrigen Preisen weiter spritsparend gefahren werde oder die gestiegenen Preise als nicht mehr besonders wahrgenommen würden, sagt er.  

Weniger Verkehr auf Autobahnen in diesem Jahr 

Ein Teil des Verkehrs dürfte sich auch verlagert haben. Die Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen erhebt den Verkehr auf den Autobahnen. Demnach sind von Januar bis Mai weniger Autos unterwegs gewesen. Besonders im April ist die Pkw-Zahl im Vergleich zum Vorjahr gesunken. 

Eine Studie mit Beteiligung des Leibniz-Instituts in Essen hat für die Zeit von 2004 bis 2019 gezeigt, dass hohe Spritpreise zu weniger gefahrenen Kilometern mit dem Auto führen. Effizientes Fahren wird durch die Preise jedoch nicht unbedingt gefördert.

Regionalbahnen gewinnen Fahrgäste dazu 

Offenbar lassen einige ihr Auto stehen. Die eingesparten Autokilometer dürften stattdessen teilweise mit der Bahn zurückgelegt worden sein. Die Deutsche Bahn meldet für die Regionalbahnen im April deutlich mehr Fahrgäste - laut Mitteilung ein Plus von bundesweit 10 Prozent zum Vorjahr.

Auch Verkehrsunternehmen in NRW wie National Express können sich über mehr Fahrgäste freuen. Das Unternehmen betreibt zum Beispiel die Linie RE6 zwischen Minden und Köln. Zwischen März und April beförderte National Express 11 Prozent mehr Menschen als im Vorjahreszeitraum.

Die gestiegenen Fahrgastzahlen können zwar auch zum Teil an Baustellen auf anderen Linien oder Großveranstaltungen liegen. Der Verdacht liegt aber nah, dass durch die hohen Spritpreise diejenigen umsteigen, für die der Nahverkehr eine Option ist.

Gezielte Unterstützung statt neuem Tankrabatt

Dass die Ölpreise und die Tankstellenpreise wieder auf das Niveau vom Jahresanfang sinken, ist derzeit nicht in Sicht. Einen neuen Tankrabatt hält Mark Andor vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung trotzdem nicht für sinnvoll. "Entlastungen sollten so ausgerichtet werden, dass es an Haushalte geht, die die hohen Preise nicht alleine stemmen können", sagt der Ökonom.

Das Haushalte mit hohen Einkommen stärker vom Tankrabatt profitieren, zeigen unter anderem eine Kurzstudie der RTWH Aachen und Berechnungen des ifo-Instituts.

Maßnahmen zum Spritsparen und Entlasten wissenschaftlich testen

Ein Mann im Hemd lächelt vor neutralen Grund in die Kamera.

Mark Andor, Professor für Verhaltens- und Umweltökonomik

Mark Andor schlägt außerdem zwei weitere Maßnahmen vor: Er sei zum einen dafür, eine begrenzte Zeit ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen wissenschaftlich zu testen. Damit könne man in der Praxis zeigen, wie viel so eine Maßnahme wirklich bringt, um Verkehrsunfälle zu reduzieren, die Umwelt weniger zu belasten - und eben auch Sprit zu sparen.

Unabhängig von der Krise könnten außerdem im ÖPNV in Nebenzeiten die Preise gesenkt werden: "Aufgrund der Kostenstruktur des ÖPNV und der geringen Auslastung in vielen Stunden am Tag, sollte dieses Potenzial dringend genutzt werden." Niemand habe etwas von einem Bus oder Zug, der leer durch die Gegend fährt.

TomTom erhebt anonymisierte GPS-Daten. Diese sogenannten Floating Car-Daten stammen von Fahrzeugen, die Teil des Verkehrs sind oder waren. TomTom hat dem WDR und MDR diese Daten zur Verfügung gestellt. 

Die Daten berücksichtigen Fahrten von professionellen Kraftfahrern sowie berufliche und private Fahrten. Erhoben werden die Daten durch tragbare oder eingebaute Navigationsgeräte und Smartphones.  

Damit Baustellen, Unfälle und volle Straßen den Vergleich untereinander nicht verzerren, schaut die Analyse auch auf ausgewählte Autobahnabschnitte, auf denen in allen Zeiträumen die schnellsten Fahrzeuge mit mindestens 120 km/h unterwegs waren. Die betrachteten Abschnitte liegen auf der A31, A38 und A9.

Die fünf Zeiträume von Januar bis Juli liegen möglichst außerhalb der Ferienzeiten. 

  • Zeitraum 1: 12.01. - 25.01.26
  • Zeitraum 2: 02.03. - 15.03.26
  • Zeitraum 3: 16.03. - 29.03.26
  • Zeitraum 4: 13.04. - 26.04.26
  • Zeitraum 5: 04.05. - 30.06.26

Die Analyse betrachtet Wochentags (0-6 Uhr) und Wochenende (6-16 Uhr) getrennt.

Unsere Quellen:

  • eigene Auswertung Verkehrsdaten des Anbieters TomTom
  • ADAC
  • Auskünfte von Verkehrsunternehmen National Express, Deutsche Bahn, Abellio Mitteldeutschland, Erfurter Bahn, City-Bahn Chemnitz
  • Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen
  • Spritpreise via Marktdatentransparenzstelle/SWR Data Lab
  • Ölpreis via ARD Börse/SWR Data Lab
  • Mark Andor, RWI Essen
  • Markus Friedrich, Universität Stuttgart
  • Studie "Drive less, drive better, or both? Behavioral adjustments to fuel price changes in Germany" im Journal "Resource and Energy Economics" (2022)

Sendung: WDR.de, So verändern hohe Spritpreise den Verkehr, 24.07.2026, 16:56 Uhr.

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