Was die Steuerreform konkret bedeutet | WDR aktuell

WDR 04:09 Min. Verfügbar bis 03.07.2028

Steuerreform geplant Wer in NRW entlastet wird und wer mehr zahlen soll

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Mit ihrem Reformpaket will die Koalition auch die Einkommensteuer neu regeln. Wer in NRW davon profitiert und wer nicht.

Die Koalition hat am Donnerstag ihre Reformpläne bekannt gegeben. Unter anderem soll es eine Neuregelung der Einkommensteuer geben. Mit ihr wollen CDU, CSU und SPD vor allem geringere und mittlere Einkommen entlasten. Die Reform soll Steuerzahler um insgesamt etwa 10 Milliarden Euro pro Jahr entlasten, sagten die Spitzen von Union und SPD nach dem Koalitionsausschuss.

Gegenfinanziert werden sollen diese Steuerentlastungen dadurch, dass Menschen mit höheren Einkommen mehr an den Fiskus abführen müssen. Noch sind das nur Reformpläne der Bundesregierung - es gibt noch kein Gesetz. Änderungen sind noch möglich. Doch wie genau sehen die geplanten Reformen der Koalition aus? Und was bedeuten sie für die Menschen in NRW?

Inhalt

Was plant die Koalition bei der Reform der Einkommensteuer?

Ein zentraler Punkt der Einkommensteuerreform ist die Verschiebung der Bemessungsgrenzen. So soll ab dem 1. Januar 2027 ein höherer Grundfreibetrag gelten. Aktuell liegt der bei 12.348 Euro pro Jahr. Einzelpersonen, die weniger verdienen, müssen darauf derzeit keine Einkommensteuer zahlen. Dasselbe gilt für Ehepaare, die das Doppelte, also 24.696 Euro im Jahr verdienen. Geplant ist, dass der Grundfreibetrag voraussichtlich in zwei Stufen bis auf 12.900 Euro bzw. 25.800 Euro (Ehepaare) im Jahr 2028 steigt.

Ebenfalls erhöht werden sollen die Kinderfreibeträge und die Grenze, ab der der Spitzensteuersatz von 42 Prozent fällig wird. Diese liegt aktuell bei 69.879 Euro für Einzelpersonen und 139.758 Euro bei Ehepaaren. Diese Grenze soll auf 70.600 bzw. 141.200 Euro steigen.

Davon profitieren aber auch die Menschen, die einkommenstechnisch im Bereich zwischen Grundfreibetrag und Spitzensteuersatz liegen. Denn laut Koalition werde durch die Maßnahmen der Steuertarif im Bereich zwischen 17.800 und 70.600 Euro "etwas abgeflacht".

Bundeskanzler Friedrich Merz spricht auf der Pressekonferenz nach dem Koalitionsausschuss

Bundeskanzler Merz bei der Vorstellung der Reformpläne.

Von Menschen, die überdurchschnittlich viel verdienen, will der Staat künftig mehr Steuern haben. Dafür soll die Bemessungsgrenze der Reichensteuer abgesenkt und ein zweiter, höherer Reichensteuersatz eingeführt werden.

Aktuell müssen Einzelpersonen, die mehr als 277.826 Euro im Jahr verdienen bzw. 555.652 Euro bei Ehepaaren drei Prozent zusätzlich zum Spitzensteuersatz bezahlen. Diese Regel soll ab dem 1. Januar 2027 bereits ab 250.000 bzw. 500.000 Euro Jahreseinkommen greifen. Ab einem jährlichen Einkommen von 280.000 bzw. 560.000 Euro sollen dann noch einmal zwei weitere Prozentpunkte aufgeschlagen werden. Der Spitzensatz der Reichensteuer liegt dann bei 47 Prozent.

Wer profitiert von der Reform der Einkommensteuer - und wer nicht?

Profitieren sollen laut Koalition vor allem Menschen und Familien mit geringen und mittleren Einkommen. Wenn die Reform ab 2028 ihre volle Wirkung entfalte, könne eine berufstätige Familie mit zwei Kindern und einem zu versteuernden Gesamteinkommen von 60.000 Euro gegenüber heute um mehr als 600 Euro jährlich entlastet werden, hieß es. Stärker belastet werden Menschen, die mehr als eine Viertelmillion Euro im Jahr verdienen.

Was bedeutet die Einkommensteuerreform für die Menschen in NRW?

In NRW haben laut dem Statistischen Landesamt im Jahr 2022 rund 600.000 Menschen zwischen 10.000 und 15.000 Euro im Jahr verdient. Ein Teil von ihnen, der bislang Einkommensteuer zahlen musste, wird künftig davon befreit sein.

Auch bei den mittleren bis hohen Einkommen soll der Grenzwert angehoben werden. 2022 verfügten fast 350.000 Menschen in NRW über ein Jahreseinkommen von 70.000 bis 80.000 Euro und lagen damit knapp über dem Spitzensteuersatz.

Die Zahl der Personen in NRW, die künftig steuerlich stärker belastet werden, liegt bei knapp über 100.000. Laut Statistikamt verdienten 2022 rund 75.000 Menschen zwischen 250.000 und 500.000 Euro pro Jahr. Mehr als 27.000 verdienten mehr als eine halbe Million Euro.

Wie bewerten Experten die Steuerreform?

Schon kurz nachdem die Reformpläne der Regierung öffentlich wurden, kam auch schon die erste Kritik. So zeigte sich der Bund der Steuerzahler enttäuscht von den geplanten Maßnahmen. "Union und SPD hatten spürbare Einkommensteuer-Entlastungen versprochen", sagte Präsident Reiner Holznagel. Doch die Ergebnisse des Koalitionsausschusses seien eine einzige Enttäuschung.

10 Milliarden Euro Entlastung pro Jahr seien weniger als ein Prozent der Gesamtsteuereinnahmen, sagte Holznagel. "Allein durch die ohnehin fälligen Schritte beim Grundfreibetrag und beim Inflationsausgleich müssten die Steuerzahler im kommenden Jahr um mindestens 6 Milliarden Euro entlastet werden."

"Damit rechnet sich der Koalitionsausschuss sein eigenes Scheitern schön. Das rettet für den Moment vielleicht die Koalition, aber nicht den Wirtschaftsstandort Deutschland." Reiner Holznagel, Präsident des Bunds der Steuerzahler

Auch Robin Jessen vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen ist der Meinung, dass die Koalition ihre Reform größer verkauft, als sie wirklich ist. Er macht das daran fest, dass die Einkommensteuer ohnehin jedes Jahr angepasst wird, um die kalte Progression auszugleichen. "Diese führen ungefähr zur Entlastung von 5 Milliarden pro Jahr", so Jessen im Interview mit dem WDR. "Das heißt, wenn man 2027 und 2028 zusammen nimmt, ist das ohnehin die Entlastung, mit der man rechnen könnte."

Es gab aber auch positive Reaktionen auf das Reformpaket. So bezeichnete der Deutsche Gewerkschaftsbund die Pläne als das "richtige Signal" für Beschäftigung, Wirtschaftswachstum und eine Entlastung der Bürger.

Eva Maria Welskop-Deffaa auf der Bundespressekonferenz am 08. Februar 2023

Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa begrüßt die Steuerreform der Bundesregierung.

Und auch der Deutsche Caritasverband erklärte, die Regierung setze gerade in Punkto Steuerreform die richtigen Akzente. Es sei gut, dass der Einnahmeausfall durch eine geplante Steuerentlastung der unteren Mitte nicht über Umsatzsteuererhöhungen zurückgeholt werde, sagte Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa der Funke Mediengruppe. Stattdessen geschehe das durch eine "gestaffelte Reichensteuer".

Was ist der Spitzensteuersatz?

Je mehr man in Deutschland verdient, desto mehr Steuern muss man auf sein Einkommen zahlen. Dafür wurden sogenannte Grenzsteuersätze festgelegt. Aktuell liegt der Grundfreibetrag bei 12.348 Euro pro Jahr. Das heißt, Einzelpersonen, die weniger verdienen, müssen dieses Einkommen nicht versteuern. Für Ehepaare wird der doppelte Wert, also 24.696 Euro angesetzt.

Was darüber liegt, muss zunächst mit 14 Prozent versteuert werden. Dieser Grenzsteuersatz steigt kontinuierlich mit dem Einkommen an, bis ein Jahreseinkommen von 69.879 Euro für Einzelpersonen oder 139.758 Euro bei Ehepaaren erreicht wird. Ab diesem Betrag ist der Spitzensteuersatz von 42 Prozent fällig.

Allerdings wird die Höhe der Steuer erst vom Finanzamt festgelegt, wenn die Person oder das Ehepaar die Steuererklärung abgegeben hat. Denn bestimmte Ausgaben können das zu versteuernde Einkommen reduzieren. Wenn diese alle berücksichtigt wurden und der Betrag immer noch über dem Grenzwert für den Spitzensatz liegt, muss man aber nicht sein gesamtes Einkommen mit 42 Prozent versteuern. Der Spitzensatz gilt nur für den Betrag, den man über den Grenzwert verdient hat. Das Gleiche gilt für die Einkommenskategorien, die darunter liegen.

Addiert man diese auf, erhält man den Durchschnittssteuersatz, mit dem sich die effektive Steuerbelastung berechnet. Diese liegt für 69.879 Euro bei 26,06 Prozent, steigt mit mehr Einkommen aber weiter an. Jemand der beispielsweise 80.000 Euro pro Jahr verdient, muss also nicht 33.600 Euro (42 Prozent) Einkommensteuer zahlen, sondern nur 22.480 Euro (28,1 Prozent).

Was ist die Reichensteuer?

Zusätzlich zum Spitzensteuersatz gilt aktuell ab einem Einkommen von 277.826 Euro (Einzelpersonen) bzw. 555.652 Euro bei Ehepaaren die Reichensteuer. Ab dieser Einkommensgrenze werden noch einmal drei Prozentpunkte auf den Spitzensteuersatz addiert. Dadurch steigt die effektive Steuerlast ab diesem Einkommen auf 37,99 Prozent.

Unsere Quellen:

  • Pressekonferenz der Koalition zum Reformpaket
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Statistisches Landesamt NRW
  • Vereinigte Lohnsteuerhilfe

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 03.07.2026, 12:45 Uhr

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