Fast vier Jahre sind seit den folgenden Worten vergangen: "Durch ein gutes Wort. Durch eine Einladung. Durch ein Gespräch. So bekämpfen wir Einsamkeit ganz konkret." Hendrik Wüst sagte das damals, als er in seiner Neujahrsansprache die Einsamkeit als weitreichendes Problem in der Gesellschaft benannte.
Tatsächlich ist das Problem nahezu jedem Menschen bekannt. Eine Untersuchung der Ruhr-Uni in Bochum kam zu dem Schluss, dass drei Viertel der jungen Menschen sich zeitweise einsam fühlen. Auch ältere Menschen rutschten oft in eine Isolation, wenn in der Rente die Sozialkontakte weniger würden.
Dennoch war es 2023 überraschend, dass der Ministerpräsident "Einsamkeit" zu einem Schwerpunkt seiner Neujahrsansprache machte und einen Aktionsplan ankündigte. Es wirkte so, als habe Wüst ein eigenes politisches Thema auf die Agenda gesetzt.
Zunächst ein AfD-Thema
Doch nicht er war es, der den Kampf gegen Einsamkeit auf das parlamentarische Tableau des Landtags brachte: Es war die AfD. Im Jahr 2020 wurde eine sogenannte "Enquete-Kommission" eingesetzt. Jede Fraktion im Landtag kann pro Wahlperiode eine solche Kommission einsetzen. Dabei geht es um ein Thema, dass überparteilich beleuchtet werden soll.
Ziel ist es, dass sich Fraktionen dann auf eine gemeinsame Handlungsempfehlung einigen, jenseits des politischen Alltagsstreits. Der damalige gesundheitspolitische Sprecher der AfD, Martin Vincentz, setzte das Thema "Einsamkeit" so auf die Agenda, indem er die Enquete-Kommission vorschlug und am Ende leitete.
Dass dies der entscheidende Impuls für Wüst war, räumt dessen Staatskanzlei auch ein. "Die Landesregierung hat sich es in ihrem Koalitionsvertrag 2022 zur Aufgabe gesetzt, die wesentlichen Handlungsempfehlungen der Enquetekommission Einsamkeit umzusetzen", schreibt es ein Sprecher auf Anfrage.
Zu nah an der Brandmauer?
Sprich: So wirklich auf das Thema gekommen wäre man ohne die AfD-Initiative nicht. Nur hat der Ministerpräsident selber das nie so klargestellt. Wahrscheinlich, weil man der Brandmauer - sprich der Abgrenzung zur AfD - gefährlich nahe gekommen wäre.
Dessen ist sich auch Martin Vincentz bewusst. Der heutige AfD-Landeschef sagt deutlich, dass er seine Initiative vornehm zurückhält, seit CDU-Mann Wüst die Einsamkeit für sich entdeckt hat. Er sei "froh, dass das Thema so dankend aufgenommen wurde und man sich nun bemüht, wichtige Punkte aus der Arbeit in der Enquete umzusetzen", sagt er.
Jedoch ärgere er sich auch darüber, dass man den AfD-Anstoß nicht erwähnt, "nur um dann wieder zu sagen, dass die AfD keine Sachpolitik kann." Doch diesen Ärger schlucke er bewusst runter - das Thema sei ihm persönlich wichtiger als eine tagespolitische Debatte um die Brandmauer.
Ohne AfD ziehen die Grünen mit
Tatsächlich hätte Wüst mindestens ein Problem mit seinem Koalitionspartner, den Grünen, würde er den AfD-Anteil betonen. "Es ist richtig und wichtig, dass der Ministerpräsident dem Thema Einsamkeit einen hohen Stellenwert gibt und darauf aufmerksam macht", sagt der Grüne Abgeordnete Arndt Klocke.
Allerdings äußert er sich auf die Nachfrage nicht zur AfD. Schwer anzunehmen, dass die Grünen das Engagement des Ministerpräsidenten unterstützen würden, wenn dieser die AfD- Initiative bei der Einsamkeit stets mit erwähnen würde.
Bei den anderen Fraktionen stört man sich jedoch nicht so wirklich daran, ob man die AfD auch bei der Einsamkeit isoliert hinter der Brandmauer hält oder nicht. "Hendrik Wüst verwechselt Aufmerksamkeit regelmäßig mit Politik", sagt stattdessen FDP-Fraktionschef Henning Höne. Er findet zu wenig Konkretes in den Ankündigungen zum Kampf gegen die Einsamkeit. Das Thema sei zwar in der Debatte, aber mehr auch nicht.
Inhaltliche Kritik von SPD und FDP
Das sieht man in der Staatskanzlei anders. Es sein ein Erfolg, "dass Einsamkeit nicht mehr als rein individuelles Problem gesehen wird", heißt es aus der Regierungszentrale. "Nordrhein-Westfalen war eins der ersten Länder, das die Bekämpfung von Einsamkeit ressortübergreifend angegangen ist und einen eigenen Aktionsplan aller Ministerien auf den Weg gebracht hat", so ein Sprecher weiter.
In dem Aktionsplan eingebettet ist Forschung - unter anderem der Ruhr-Uni Bochum. Aber auch finden sich auf einer eigenen Internetseite zahlreiche Initiativen, die Betroffenen Hilfe anbieten. Hinzu kamen bereits mehrere Konferenzen - zum Beispiel in Brüssel.
Für die SPD ist das alles eine vertane Chance. Der Ministerpräsident "hätte Programme auflegen, Kommunen unterstützen, Begegnungsorte schaffen und dafür sorgen können, dass Menschen im Alter, nach dem Jobverlust oder in einer persönlichen Krise nicht aus dem gesellschaftlichen Leben herausfallen", beschreibt es der SPD-Gesundheitspolitiker Thorsten Klute.
SPD-Experte verweist auf Japans Kampf gegen Einsamkeit
Er verweist dabei auf Japan. Das Land hat wegen seiner Altersstruktur ein großes Problem mit Einsamkeit. Da sich das gesellschaftliche Leben meist im Berufskontext abspielt, fallen dort viele Rentner plötzlich in ein Loch, berichtet Klute.
"Mit den sogenannten Silver Human Resource Centers gibt es Strukturen, über die ältere Menschen auch nach dem Berufsleben Aufgaben übernehmen, arbeiten und sich engagieren können", beschreibt er eine Lösung Japans. Das Land habe sich die Lösung zur politischen Aufgabe gemacht und verschiebe die Verantwortung nicht ins Private.
"Ministerpräsident Hendrik Wüst hat selbst oft betont, dass Einsamkeit nicht durch einen politischen Beschluss verschwinden könne", entgegnet darauf die Staatskanzlei. Sprich - ohne privates Engagement geht es aus ihrer Sicht nicht.
Und somit gibt es im Landtag kaum Gemeinsamkeiten gegen die Einsamkeit. Weder bei der Frage der "Brandmauer" zur AfD noch bei der inhaltlichen Ausgestaltung der politischen Maßnahmen. Die Möglichkeit einer gemeinsamen Linie aller Fraktionen: So einfach sie erscheint, so schwer ist sie zu erreichen.
Unsere Quellen:
- Eigene Recherche
- Statement Staatskanzlei
- Stament der Landtagsfraktionen von SPD, Grüne, FDP und AfD
- Pressetermin "Charta gegen Einsamkeit"
Sendung: WDR 5 Westblick, Die AfD und Hendrik Wüsts Kampf gegen Einsamkeit, 14.09.2026, 17:05 Uhr
