Bei der Flutkatastrophe wurden große Teile von Schleiden-Gemünd überschwemmt

Fünf Jahre Flut-Katastrophe Sind Städte und Gemeinden jetzt besser geschützt?

Stand:

Es gibt Verbesserungen - aber weiter große Probleme. Kommunen sehen in einer WDR-Abfrage beim Starkregenschutz noch viel zu tun.

In der Eifel-Kommune Schleiden starben bei der Flut 2021 neun Menschen. Besonders betroffen war der Stadtteil Gemünd. Die Spuren der Katastrophe sind noch deutlich zu sehen, die Brücke im Ort etwa ist noch immer nicht komplett wieder fertig. Wenn es um konkrete Schutzmaßnahmen gegen Starkregen geht, die künftig helfen könnten – muss Eduard Zubiks, der städtische Hochwasser-Projektleiter, eingestehen: "Gebaut wurde Stand jetzt noch nichts."

Eduard Zubiks, Projektleiter Hochwasserschutz in Schleiden, vor der noch immer eingerüsteten Brücke im Stadtteil Gemünd

Eduard Zubiks, Projektleiter Hochwasserschutz in Schleiden

Klar, beim Wiederaufbau wurde auf Schutz geachtet, die Flüsse seien "naturnah" wieder hergestellt worden. Das stärke die "Hochwasser-Resilienz". Doch das ersetze keinesfalls "eigenständige Hochwasserschutzmaßnahmen", sagt Zubiks. Das Problem sei jedoch: Die zu planen, dauere lange – auch weil in der kleinen Verwaltung Leute dafür fehlen.

Und wenn dann endlich Pläne fertig seien – dann kämen oftmals die Genehmigungsbehörden mit Einwänden. "Die sehen das dann aus einer anderen Sicht, nicht im Sinne des Hochwasserschutzes, sondern Naturschutzbelange als Beispiel."

Die personelle Ressource innerhalb der Kommunen, die ist für solche Projekte viel zu knapp. Eduard Zubiks, Projektleiter Hochwasserschutz Stadt Schleiden

Zwischenfazit: Bisher nur Planungskosten

Außer Planungskosten konnte Schleiden bisher noch nichts für Regen-Rückhalteräume oder zusätzliche Flächen ausgeben, auf denen das Wasser versickern könnte. Gerade erst wurden Pläne endlich genehmigt. Bald soll der Bau beginnen. Doch Stand jetzt wäre Schleiden-Gemünd kaum besser vor Starkregen geschützt, als vor fünf Jahren.

In anderen Städten in NRW gibt es schon größere Fortschritte. Dennoch: Von fehlendem Personal, komplizierten Vorgaben und Problemen, Grundstücke zum Beispiel als Überflutungsfläche zu erwerben, berichten viele. Eine Abfrage des WDR-Magazins Westpol unter allen Kreisen und kreisfreien Städten sowie ausgewählten kreisangehörigen Kommunen zeigt, wo vor Ort die Probleme liegen.

Umweltministerium: 500 Millionen Euro für Hochwasserschutz

Umweltminister Oliver Krischer, B’90/Grüne (2. v. r.), berichtet bei einer Pressekonferenz von Fortschritten im Hochwasserschutz

Umweltminister Oliver Krischer, B’90/Grüne (2. v. r.), bei einer Pressekonferenz

Die Landesregierung hat seit 2021, so berichtet Umweltminister Oliver Krischer (B'90/Grüne), 500 Millionen Euro für den Hochwasserschutz bereitgestellt. 600 Projekte wurden damit gefördert – etwa Deichsanierungen, Rückhaltebecken und Pegelmessgeräte. Dazu 120 Fluss-Renaturierungen, die Gewässer verlangsamen und ihnen mehr Platz bieten sollen.

Ergebnis der Westpol-Abfrage

Die Städte und Kreise begrüßen das. Und viele haben zusätzlich mit eigenen Mitteln gebaut und dabei etwa Spielplätze zu Senkgruben entwickelt, Stichwort "Schwammstadt". Nur sobald Flächen den Städten nicht gehören, wird es kompliziert. In der Westpol-Abfrage tauchen mehrere Probleme immer wieder auf.

Wie kommt man an wichtige Flächen?

Sobald Flächen in Privatbesitz sind, wird es kompliziert. Denn Grundstücksbesitzer ziehen oft nicht mit. Zusätzliche "Retentionsflächen", also Bereiche in denen sich Gewässer ausbreiten und versickern können, brauchen viel Platz. Genau wie Deiche oder Rückhaltebecken.

Die Stadt Hamm schreibt: "Die Umsetzung von Hochwasserschutzmaßnahmen verzögert sich aufgrund von langwierigen Grunderwerbsverhandlungen". Schwierig findet das auch Castrop-Rauxel, denn "Verbesserungsbedarf besteht insbesondere bei der konsequenten Freihaltung von Gewässerrandstreifen". Und dafür sei – wo nötig – auch der "Rückbau von Bebauungen in diesen sensiblen Bereichen entscheidend". Dagegen gibt es Widerstand.

Die Kommunen fordern eine stärkere Rechtsgrundlage um dort, wo es nötig ist, auch auf Privatgrundstücken den Hochwasserschutz durchsetzen zu können. Die Stadt Aachen formuliert es so: "In Bundes- und Landesgesetzen ist noch nicht ausreichend verankert, dass wasserwirtschaftliche Maßnahmen z.B. zum Schutz vor Hochwasser auch auf privaten Grundstücken im ‚überragenden öffentlichen Interesse‘ liegen und der öffentlichen Sicherheit dienen."

NRW-Bauministerin Scharrenbach am 7. Juli im WDR-Interview

NRW-Bauministerin Scharrenbach

Sie fordern deshalb eine Grundlage um Hochwasserschutz zur Not auch gegen Grundstückbesitzer durchzusetzen. Die Landesregierung sieht das Problem. Bauministerin Ina Scharrenbach, CDU, will sich dafür einsetzen, dass Hochwasserschutz als "überragender Belang" definiert wird – und so leichter gegen andere Interessen durchgesetzt werden kann.

Komplizierte Genehmigungsverfahren

Doch noch ist das nicht so. Und die Kommunen beklagen obendrein zu lange und komplizierte Genehmigungsverfahren – etwa weil dann Umweltschutzaspekte den Plänen entgegenstehen. Oberhausen und viele andere Städte sehen "langwierige Genehmigungsverfahren" als ein zentrales Problem auf dem Weg zu besserem Hochwasserschutz.

Komplizierte Förderkriterien

Und auch wenn insgesamt die Förderung des Landes gelobt wird – die Beantragung der Mittel finden viele zu kompliziert. Düsseldorf schreibt: "Weniger bürokratische Antragsverfahren sowie eine höhere Planungs- und Finanzierungssicherheit würden die Umsetzung von Hochwasser- und Starkregenschutzmaßnahmen deutlich erleichtern."

Die Stadtentwässerungsbetriebe Köln beklagen: "Oft werden schon entwurfsreife Planungen verlangt. Kommunen benötigen jedoch verlässliche und langfristige Förderinstrumente, um eine sichere Finanzierungs- und Umsetzungsperspektive zu erhalten."

Fehlendes Personal

Überflutete Straße mit Autos, die unter Wasser stehen

Überflutete Straßen in Stolberg, Eschweiler und Schleiden

Denn komplizierte Anträge und aufwändige Genehmigungsverfahren sind schwer zu stemmen – wenn auch noch Planungs-Personal fehlt. Und diese Personalkosten werden üblicherweise nicht gefördert. Auch deshalb hat keine der Kommunen Geld aus dem "NRW-Plan für gute Infrastruktur" für den Hochwasserschutz beantragt. Grund ist, so schreibt Mönchengladbach: "Wie bei Landesförderprogrammen üblich wird kein Fachpersonal gefördert. Dieses ist aber angesichts der schwierigen kommunalen Haushaltslagen essentielle Voraussetzung zur Maßnahmenumsetzung."

Ganz grundsätzlich klagt Remscheid: Eine "angemessene finanzielle Ausstattung der Kommunen" wäre die Grundlage dafür, dass sie wirklich in Klimaanpassung investieren können.

Fünf Jahre nach der Flut: Wie steht es um den Hochwasserschutz?

WDR Studios NRW 10.07.2026 01:01 Min. Verfügbar bis 09.07.2028 WDR Online

NRW-Bauministerium stellt 15 Millionen Euro für Personal bereit

Das NRW-Bauministerium hat nun angekündigt, nächstes Jahr 15 Millionen Euro für "Personalaufwendungen in den besonders betroffenen Kommunen zu mobilisieren".

Dennoch zeigt die Abfrage unter den Städten: Wenn es in Sachen Hochwasserschutz konkret wird, ist es vielerorts immer noch sehr kompliziert. Und deshalb der zusätzliche Schutz längst nicht so weit, wie es sich die Stadtverwaltungen selbst wünschen würden.

Unsere Quellen:

  • Auswertung der Westpol-Umfrage bei allen Kreisen und kreisfreien Städte sowie ausgewählten kreisangehörigen Kommunen
  • Pressemeldung des NRW-Bauministeriums
  • Pressemeldung des NRW-Umweltministeriums

Sendung: WDR.de, Fünf Jahre nach der Flut: Wie steht es um den Hochwasserschutz? , 10.07.2026, 13:30 Uhr

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