Bundeskanzler Friedrich Merz nachdenklich gestimmt
Bildquelle: IMAGO/Mike SchmidtVor der Europawahl 2019 machte das Video eines Youtubers die Runde. "Die Zerstörung der CDU" hieß es. Die Empörung war groß, doch heute kann man darüber nur noch müde lächeln. Denn inzwischen sind wir Zeugen der Selbstzerstörung der CDU.
Die Partei verliert gerade die Nerven, demontiert den eigenen Kanzler, ohne zu wissen, was eigentlich danach kommen soll. In der jetzigen Lage, in der sich das Land geopolitisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich befindet, ist das ein Spiel mit dem Feuer.
Kein Wunder also, dass nun acht Unions-Ministerpräsidenten, darunter auch Hendrik Wüst, versuchen, die Lage mit einem gemeinsamen Brief zu beruhigen. Die Botschaft: Keine Personaldebatten, sondern Stabilität und Geschlossenheit. "Mäßigt euch", lese ich zwischen den Zeilen. Denn in der Union droht etwas außer Kontrolle zu geraten.
Schuld ist nicht ein einzelner Mann
Sicherlich hat der Kanzler Fehler gemacht, er hat viele in der eignen Partei bitter enttäuscht. Aber Schuld an den Problemen in Deutschland, auch am jüngsten Wahldebakel, am Aufstieg der AfD, ist nicht ein einzelner Mann. In Mecklenburg-Vorpommern stimmen am Sonntag 1,3 Millionen Wahlberechtigte ab. In ihren Händen soll nun das Schicksal der Republik liegen? Bei allem Respekt, wir sollten die Kirche im Dorf lassen.
Es grassiert offenbar in der Union eine geradezu destruktive Lust, sich selbst den Rest zu geben. Darin steckt auch jede Menge Selbstbetrug. Wer in der Union nur mit dem Finger auf Merz zeigt, leugnet seine eigne Verantwortung. Und wer auch immer, und wie auch immer, nach Friedrich Merz im Kanzleramt sitzt, hat es mit denselben Problemen zu tun. Durch Handauflegen verschwinden sie nicht.
Die Konservativen sind nicht wiederzuerkennen
Dazu zählt auch die Frage nach dem Verhältnis zu den Parteien links und rechts außen. Alles scheint nur noch um das neue Zentralgestirn der deutschen Politik zu kreisen, die AfD. Das ist grotesk, auch wenn Teile der Medien daran leider mitwirken.
Wenn die Union jetzt wie ein Hühnerhaufen durcheinanderläuft, oder einige der persönlichen Profilierungssucht erliegen, am Ende sogar eine veritable Regierungskrise dabei herauskommt, nutzt das nur den Blauen. Ich erkenne die Konservativen nicht wieder, Disziplin war mal ihr Markenzeichen.
Atemberaubend ist das Tempo, mit dem die letzte Volkspartei alles über Bord wirft, was sie einst ausmachte. Autorität, Souveränität, Pragmatismus. Vielleicht rufen sich die Parteien in Erinnerung - das gilt für die SPD ebenso -, was ihre Rolle ist. Sie wirken an der Willensbildung des Volkes mit. Sie sind die Transmissionsriemen, um die Auffassungen der Wählerinnen und Wähler im politischen Betrieb Realität werden zu lassen. Sie existieren nicht um ihrer selbst willen.
Wieder Kanzlerwahlverein werden
Das Land ist nicht für die Parteien da, die Parteien sind für das Land da. In einer Demokratie wie der deutschen, in der ganz bewusst Parlamente in der Mitte des politischen Systems stehen, tragen alle gewählten Vertreter Verantwortung. Nicht nur der, der an der Spitze steht.
Früher wurde die Union gern als Kanzlerwahlverein verspottet. Sie sollte den Spieß umdrehen und sich selbstbewusst daran erinnern.
Sendung:
WDR.de, Kommentar: Merz sagt New York ab - die Debatte geht weiter, 16.09.2026, 16:30 Uhr
WDR 5 Westblick, Debatte um Merz geht weiter, 16.09.2026, 17:05 Uhr
