Sieben Monate vor der Landtagswahl gäbe es in der CDU in Nordrhein-Westfalen eigentlich andere Dinge zu tun, als über Personal zu spekulieren. Sich auf den Wahlkampf einstellen, zum Beispiel. Und doch sieht sich die Regierungspartei in Düsseldorf zunehmend in den Sog der Berliner Gerüchteküche gezogen. Die Stimmung in der Union ist auf einem Tiefpunkt, öffentliche Zweifel an Bundeskanzler Friedrich Merz aus den eigenen Reihen machen die Runde. Und immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Name von Hendrik Wüst als sein möglicher Nachfolger.
Auf den Landtagsfluren in Düsseldorf macht sich Verunsicherung breit. Was würde passieren, wenn Hendrik Wüst tatsächlich nach Berlin ginge? Es ist noch nicht lange her, da schüttelten die meisten CDU-Abgeordneten bei diesen Gedankenspielen eher den Kopf. Nein, das werde nicht passieren. Der Kanzler sei gewählt und bleibe im Amt. Fertig. Doch die immer wieder aufflammende Kritik an Merz, die Wahlschlappe in Sachsen-Anhalt und die bereits erwartete Klatsche in Mecklenburg-Vorpommern zeigen Wirkung.
Die Not in Düsseldorf wäre groß
Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass Wüst seine Koffer packt und ins Kanzleramt zieht, wäre die Not groß. Die Partei wäre dann über Nacht ihren populären Frontmann los, keine guten Aussichten vor einer wichtigen Wahl. Die überwiegend direkt gewählten Abgeordneten sind darauf angewiesen, dass die CDU ein starkes Erst- und Zweitstimmenergebnis einfährt, dazu braucht es einen zugkräftigen Wahlkämpfer an der Spitze.
NRW-Innenminister Herbert Reul
Bildquelle: dpaHinzu kommt die Frage, wer Wüst denn überhaupt in Düsseldorf ersetzen könne. Aufgrund der Landesverfassung kommt als Ministerpräsident, auch als Übergangsregierungschef, nur jemand infrage, der oder die ein Landtagsmandat besitzt. Besonders populär in der Bevölkerung ist Innenminister Herbert Reul, der auch innerhalb der Partei gut vernetzt ist. Aber Reul ist mittlerweile 74 Jahre alt, er wäre allenfalls ein Mann für den Übergang.
Karl-Josef Laumann, der Gesundheitsminister und langjährige Landespolitiker, erfreut sich ebenfalls innerhalb und außerhalb seiner Partei großer Beliebtheit. Der Münsterländer ist 67 und hat in der Vergangenheit nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich nicht in der Staatskanzlei sieht.
Der Mann, der jeder Aufgabe gewachsen wäre
Von den jüngeren CDU-Politikern mit Mandat ist Staatskanzleichef Nathanael Liminski seit Monaten auffällig umtriebig. Der machtbewusste Bonner wird bald 41 Jahre alt, verfügt über viel Erfahrung im Maschinenraum der Politik und gilt als Mann, der so ziemlich jeder Aufgabe gewachsen wäre. Er ist schon als Kanzleramtschef in Berlin gehandelt worden.
Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der CDU, dass Liminski aber nur in einer laufenden Legislaturperiode die Macht von Wüst übernehmen könne, um ausreichend Zeit zu haben, sich als Landesvater zu profilieren. Dass er als Zugpferd kurzfristig in einem Wahlkampf auftreten könnte, bei dem Wüsts Weggang die Karten neu mischen würde, halten die meisten für unwahrscheinlich. Und würde Wüst nach Berlin gehen, könnte er versucht sein, Liminski mitzunehmen, damit er ihm das Kanzleramt organisiert.
Von Ina Scharrenbach (49), der Bauministerin, ist bekannt, dass sie schon einmal nach dem höchsten Amt im Land greifen wollte. Damals, im Jahr 2021, hatte sie aber keinen Sitz im Landtag. Das ist zwar inzwischen anders, dafür steht sie aber wegen öffentlicher Machtmissbrauchsvorwürfe in ihrem Ministerium in der Kritik. Außerdem ist sie gesundheitlich angeschlagen wegen einer Krebserkrankung. Seltener fällt der Name von Ina Brandes. Die 48-Jährige ist Kultur- und Wissenschaftsministerin, gilt als enge Vertraute von Wüst, sie habe das Ohr des Ministerpräsident, heißt es. Allerdings ist die Dortmunderin Quereinsteigerin und erst seit 2021 in der Landespolitik. Eine Hausmacht in der CDU hat sie nicht.
In der CDU-NRW herrscht die Hoffnung, dass Merz und seine Koalition mit der SPD durchhalten. Dass sie Reformen auf den Weg bringen und sich im nächsten Jahr, mit den Wahlen in Schleswig-Holstein, dem Saarland und eben Nordrhein-Westfalen, die Stimmung im Land insgesamt etwas aufhellt.
Unsere Quellen:
- Eigene Recherche
Sendung: WDR.de, Was wäre, wenn Wüst nach Berlin ginge?, 14.09.2026, 15:40 Uhr
