In der Woche vor der Landtagswahl sprach der "Stern" von einer "AfD-Falle", in die sich die übrigen Parteien manövriert hätten. In genau dieser steckt besonders NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Zwar genießt der CDU-Mann parteiübergreifenden Respekt dafür, dass er sich so stark von der AfD abgrenzt. Er nannte sie lange Zeit "Nazipartei".
Das war aber schon vor zwei, drei Jahren mehr als gewagt. Zum einen, weil gerade der NRW-Landesverband zwar prominente Vertreter hat, die an Nazis erinnern könnten. Zur Wahrheit gehört jedoch: Die überwiegende Mehrheit in dem weitgehend - für AfD-Verhältnisse - gemäßigten Landesverband stellt sich eben gegen diese Parteikollegen.
Wüsts Nazi-Vergleich war schnell zu entkräften
Hendrik Wüst
Bildquelle: Rolf VennenberndDie pauschale Verurteilung durch Wüst mit dem "Superlativ" Nazipartei traf also nie die wirkliche Realität. Brav-biederen Spitzen-AfDlern, wie dem NRW-Landeschef Martin Vincentz, machte das lange Zeit die Arbeit einfach. Wüsts Nazi-Vergleich lässt sich schnell entkräften am Wahlkampfstand.
Inzwischen verkneift sich der Ministerpräsident die Beschreibung der AfD als "Nazipartei" auffallend. Wahrscheinlich, weil er frustrierte Protestwählende nicht als Nazis verunglimpfen will. Aber damit rettet er sich und seine CDU auch nicht mehr aus dem strategischen Totalschaden.
Brandmauer überhöht AfD
Wenn nämlich in den Tagen nach der Sachsen-Anhalt-Wahl vom Scheitern der sogenannten "Brandmauer" die Rede ist, dann beschreibt das schlicht eine Tatsache. Die seltsam-brüchige Variante des deutschen "Cordon-Sanitaire" hat die AfD am Ende nur interessanter gemacht und sogar überhöht. Zur Erinnerung: Die AfD ist im Inneren von Grabenkämpfen zwischen volatilen Netzwerken zerrissen, zu inhaltlicher Politik ist sie deshalb nur selten fähig. Besonders in NRW.
Für SPD, Grüne, FDP und sogar die Linke war die Brandmauer zudem auch eine Mauer gegen sich selbst. Wenn nur noch Mehrheiten gegen die AfD möglich sein sollen, dann hilft das in der Regel der stärksten Nicht-AfD-Partei. Das ist in der Regel die CDU (gewesen). Durch die Brandmauer verwelkt Politik so schnell zum Selbstzweck, der CDU Mehrheiten zu verschaffen. Damit eben die AfD nicht (mit-)regiert.
Fegt die AfD die CDU von der Landkarte?
Und dann ist da noch die Brandmauer-Konsequenz für die CDU. Will man sie in die AfD verschieben, die Partei zwischen "Vernünftigen" und autoritären "Systemsprengern" trennen, dann geht das nur da, wo man es kontrollieren kann.
Im Osten ist das längst nicht mehr möglich. Da hat die AfD die CDU überholt und die christdemokratischen Landesverbände dort sind in ihren Positionen oft kaum unterscheidbar von der AfD. Eine Kooperation im Osten würde die Union dort von der Landkarte fegen.
Wüst sitzt in seiner eigenen Falle
Bliebe der Westen. Ein starker CDU-Landesverband, der punktuell mit einer gemäßigten AfD zusammenarbeitet, würde die AfD vor große Probleme stellen. Zwar würden dann SPD und Grüne als Partner für die Union ausfallen. Für die AfD würde das aber eine Zerreißprobe bedeuten. Entweder verweigert sie sich dann, weil sie grundsätzlich politische Mehrheiten mit anderen ablehnt - dann wäre das ein direkter Weg in das Verbotsverfahren.
Funktioniert diese Kooperation halbwegs, würden die Systemsprenger in der AfD (man kann sie auch Demokratiefeinde nennen) die Partei verlassen oder an den Rand gedrängt werden.
Für die NRW-CDU sind genau diese Überlegungen rund acht Monate vor der Landtagswahl vom Tisch. Würde sie die Brandmauer einreißen, wäre der Gesichtsverlust des Ministerpräsidenten massiv bis irreparabel. Wüst steckt in der Falle, die er sich selbst gestellt hat.
Am Ende bleibt nur die ungelenke Verbotsforderung
Und das erklärt dann vielleicht auch seinen ungelenken Versuch, wo er am Montag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt vom Prüfen eines AfD-Verbots sprach. Weder vom Zeitpunkt noch inhaltlich - Verbotsgründe sind jetzt bereits ausreichend evaluiert - war es ein gut platzierter Einwurf. Ganz im Gegenteil: Er zeigt mehr als deutlich die christdemokratische Rat- und Hilflosigkeit im Umgang mit der AfD.
Sendung: WDR 5, Westblick, Kommentar: Die Brandmauer-Falle der CDU, 10.09.2026, 17:05 Uhr.
